Gesellschaft Die RAF und die Kunst

Noch in den Jahren des Terrors schufen Künstler wie Joseph Beuys und Gerhard Richter einige der wichtigsten deutschen Werke. Bereits ein Jahrzehnt später entlarvt sich mancher Kunstschaffende als erschreckend unreflektiert. Ein Essay

Sommer 1972. Ein heißer Sommer. Andreas Baader, Holger Meins, Jan-Carl Raspe in Frankfurt verhaftet. Die palästinensische Gruppe „Schwarzer September“ bereitet ihren Anschlag auf die israelische Olympia-Mannschaft vor. Dazwischen trifft sich das Kunstvolk auf der Documenta V in Kassel. Ein legendäres Großaufgebot der westlichen Gegenwartskunst, versammelt und inszeniert vom Schweizer Ausstellungsmacher Harald Szeemann. Tag für Tag tritt der Künstler Joseph Beuys in seinem „Büro für direkte Demokratie“ auf, wechselt die Rose im Messglas, diskutiert, sagt dies und sagt auch das: „"Dürer, ich führe persönlich Baader und Meinhof durch die Documenta V“."

„"Dürer"“ war ein Performance-Künstler, der im Altmeisterkostüm gerne bei Beuys zum Stören vorbeikam. Beuys hat den Satz auf zwei Schrifttafeln gekritzelt und ihn so der Nachwelt erhalten -– das Entscheidende freilich weggelassen: „"Dürer, ich führe persönlich Baader und Meinhof durch die Documenta V, dann sind sie resozialisiert."“

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Kunst ist Vorstellung des Unvorstellbaren. Früher war es der Glaube, aber der ist vom Bergeversetzen längst erschöpft. Seither fühlt sich die Kunst berufen, das Unmögliche möglich zu machen. Beuys war ein durchaus politischer Zeitgenosse, der sogar einen Abgeordnetenplatz im Deutschen Bundestag anstrebte. Aber vor allem war er Künstler, der mit priesterlicher Heilsgewissheit von den therapeutischen Kräften der Kunst überzeugt war. Wenn das Denken nur weich genug wäre, dann hätten auch die harten Überzeugungen keinen Bestand mehr. Ein Besuch bei Joseph Beuys im „"Büro für direkte Demokratie"“, ein Documenta -Rundgang unter seiner Führung und alle Verblendung hellte sich auf, alle finstere Bereitschaft zur Gewalt erstickte vor der Rose im Messglas –- wäre es so? Natürlich kann man solchen homöopathischen Einsatz der Mittel bei schweren Symptomen tunlichst lächerlich machen, aber widerlegen kann man Utopien nie. Auch nicht mit der Wirklichkeit, wie sie ist oder wie sie nicht ist.

Das ist das Dilemma, wenn man sich auf Spurensuche begibt, wenn man nach Reflexen und Reaktionen auf die Kunst forscht, die sich in den siebziger und achtziger Jahren mit dem RAF-Terrorismus auseinandersetzte. Man entdeckt nichts, was dem politischen Beben, der gesellschaftlichen Erschütterung vollends gerecht würde, keine kritischen Pamphlete, keine Verstehensversuche, weder Protest noch Bekundung der Solidarität, weder geschliffene Kommentare noch bildnerische Bekennerschreiben. Was soll man mit den Ferienhäusern für Terroristen anfangen, die der Bildhauer Thomas Schütte im RAF-fernen Jahr 2002 aus Mahagoniholz und weißgelbrotblauem Plexiglas gebaut hat? Eine subtile Anspielung auf den ästhetischen Fundamentalismus der Bauhaus-Moderne, das schon. Aber eine adäquate Auseinandersetzung mit den kulturellen Verwerfungen der Terrorismus-Epoche?

Zusammengenommen, aufgereiht als Leistungsschau, lassen sich die künstlerischen Arbeiten, die mehr oder weniger dezidiert auf die Gewaltentfesselung in den letzten Jahrzehnten der Bonner Republik Bezug nehmen, eigentümlich arglos an, als sei auf den kritischen Geist eben doch kein rechter Verlass mehr. Zumal vor der stolzen Museumskulisse, vor Künstlern wir George Grosz, Lea Grundig, Otto Dix oder Käthe Kollwitz, die für das Elend und die sozialen Widersprüche ihrer Zeit Jahrhundertikonen geschaffen haben, muten die Nachgeborenen wie Verweigerer an. Deutlich kann man auf einem Bild von Jonathan Meese noch einmal den Namen "„Bader"“ lesen. Aber wer ihm dabei die Hand geführt hat und warum, das weiß der empfängnisbereite Maler nicht: „"Eigentlich wollte ich etwas anderes schreiben, aber dann ist es doch so geschehen.“"

Kann man, darf man sich so verstecken, so sehr im Vagen bleiben, sich als so unzuständig outen, wo die mediale Rückschau längst klare Fronten zieht und entsprechend klare Stellungnahmen verlangt? Scott King zum Beispiel und sein Konterfei der Ulrike Meinhof als Mona Lisa. Dass sich da einer lustig macht über den Poster-Ruhm der Premium-Staatsfeindin von einst, ist das eine. Das andere aber doch, dass der Spott nicht ohne Risiko die Verharmlosung streift. Und wenn Hans Niehus sich den munteren Kopf darüber zerbricht, wo Terroristen weinen –- Andreas Baader, wer weiß, beim Fleckvieh auf der Alm, Astrid Proll am Strand unterm Sonnenschirm –- dann taugt ein solches Bildplakat auch nur noch bedingt zur politischen Unterweisung RAF-fernerer Generationen. Erst recht wird man einem wölfischen Aufklärer wie Klaus Staeck offensichtlichen Erkenntnisnotstand vorhalten. Schon damals, im Jahr 1975, kam einem der gut gelaunte Franz Josef Strauß, den der Bildermonteur auf frischer Tat ertappt haben will, wie er unter die Sprühschrift an der Mauer "Holger der Kampf geht weiter" sein Plakat "bis zum Endsieg der CDU/CSU" geklebt hat, seltsam manipuliert vor.

Wer bei der Kunst Aufschluss, Wegleitung, Orientierung einklagt, wird immer wieder erleben, dass sie auf ihr Armenrecht pocht. Politische Weisheit, diplomatisches Unterscheidungsvermögen, angeborene Fertigkeiten zur Mediation im öffentlichen Diskurs, das alles sollte man von der Kunst nicht erwarten. Kunst funktioniert anders. Es sind vielleicht nicht die stärksten Arbeiten, nicht die überzeugendsten, bezwingendsten, zu denen der Terrorismus die Gegenwartskunst angestiftet hat. Aber wie Kunst auf den Wahn, die unaufhaltsame Entfremdung, die hochgereizten Emotionen, den Missbrauch der öffentlichen Rede reagiert und sie reflektiert hat, wie hilflos und wie fantasievoll, wie lakonisch und wie sinnlich, wie schroff und wie betroffen, wie verletzt und wie verletzend, das ist nicht ohne Eindruck.

Am eindrücklichsten noch immer die Werke, die ganz ohne laut gesprochene Bekundung von Gesinnung auskommen. So hat Peter Friedl vor ein paar Jahren aus 27 roten Neonröhren-Buchstaben "Neue Straßenverkehrsordnung" an die Wand geschrieben , und kaum einer mehr kannte den Decknamen - eben „Straßenverkehrsordnung“ -, unter dem Horst Mahler 1971 sein Manifest Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa verfasst hatte. Und wie von sehr weit hergeholt sehen die verschwommenen Grisaille-Bilder aus, auf denen in einem der bedeutendsten Zyklen neuerer politischer Kunst Gerhard Richter die leeren Stammheimzellen imaginiert.

Kunst funktioniert anders. Kunst weiß nicht mehr, weiß es nicht besser. Kunst ist eine Weise, daran zu erinnern, was unter dem Gedröhn des Wissens und Besserwissens verloren geht.

 
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