Gesellschaft Die RAF und die KunstSeite 2/2
Wer bei der Kunst Aufschluss, Wegleitung, Orientierung einklagt, wird immer wieder erleben, dass sie auf ihr Armenrecht pocht. Politische Weisheit, diplomatisches Unterscheidungsvermögen, angeborene Fertigkeiten zur Mediation im öffentlichen Diskurs, das alles sollte man von der Kunst nicht erwarten. Kunst funktioniert anders. Es sind vielleicht nicht die stärksten Arbeiten, nicht die überzeugendsten, bezwingendsten, zu denen der Terrorismus die Gegenwartskunst angestiftet hat. Aber wie Kunst auf den Wahn, die unaufhaltsame Entfremdung, die hochgereizten Emotionen, den Missbrauch der öffentlichen Rede reagiert und sie reflektiert hat, wie hilflos und wie fantasievoll, wie lakonisch und wie sinnlich, wie schroff und wie betroffen, wie verletzt und wie verletzend, das ist nicht ohne Eindruck.
Am eindrücklichsten noch immer die Werke, die ganz ohne laut gesprochene Bekundung von Gesinnung auskommen. So hat Peter Friedl vor ein paar Jahren aus 27 roten Neonröhren-Buchstaben "Neue Straßenverkehrsordnung" an die Wand geschrieben , und kaum einer mehr kannte den Decknamen - eben Straßenverkehrsordnung -, unter dem Horst Mahler 1971 sein Manifest Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa verfasst hatte. Und wie von sehr weit hergeholt sehen die verschwommenen Grisaille-Bilder aus, auf denen in einem der bedeutendsten Zyklen neuerer politischer Kunst Gerhard Richter die leeren Stammheimzellen imaginiert.
Kunst funktioniert anders. Kunst weiß nicht mehr, weiß es nicht besser. Kunst ist eine Weise, daran zu erinnern, was unter dem Gedröhn des Wissens und Besserwissens verloren geht.
- Datum 05.11.2007 - 03:28 Uhr
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