Rolf-Dieter Künne ist ein feiner Herr Ende 50, Goldrandbrille und weißes Haar, seit Jahren Bürgermeister von Dardesheim und Vorsitzender des örtlichen Männergesangsvereins. Von „öko“ kein Spur, weder bei Künne noch bei Dardesheim – ein adrettes Städtchen mit Kopfsteinpflaster, das sich an den Fuß des Druibergs im Harz in Sachsen-Anhalt schmiegt. Künne steht vor seiner Firma electrotech im Ortskern und erklärt begeistert die Solarstromanlage auf dem Firmendach: Wieviel Strom sie bislang produziert hat (genau 32.941 Kilowattstunden), wieviel Kohlendioxid sie schon eingespart hat (knapp 20 Tonnen). „Und das Beste ist: Die Sonne schickt Dardesheim keine Rechnung“.

Wer über die sanften Hügel des Harzes Richtung Werningerode fährt, erkennt das Städtchen schon aus der Ferne: 29 Windräder ragen über dem Druiberg auf, von dessen Radaranlage aus die Russen einst den Westen ausspionierten, steil in den Himmel. Hier dreht sich auch ein 125 Meter großes Windrad, eine Sechs-Megawattanlage - die leistungsstärkste Anlage der Welt. Sie kann allein, würde sie rund um die Uhr laufen, mehr als 4000 Haushalte ein Jahr lang mit Strom versorgen. Am Ortsrand wird gerade eine Biogasanlage gebaut, auf den Dächern von Schule, Kindergarten und Betrieben glänzen die azurblauen Solarstromzellen. In der Gaststätte „Zum Adler“ zapft der Wirt jetzt sonnenstrom-gekühltes Bier.

Bürgermeister Künne und seine 1000 Einwohner haben sich komplett dem Ökostrom verschrieben. Sogar der Stadtrat hat das festgehalten und Dardesheim, dessen örtliches Orchester bislang die einzige überregional wahrgenommene Institution war, offiziell zur „Stadt der Erneuerbaren Energien“ ernannt. Solarzellen auf einem Hofdach© BARBARA SAX/AFP/Getty Images BILD

Schon der Windpark, das Herzstück der Ökostrom-Stadt, erzeugt das 40-fache des Jahresstrombedarfs von Dardesheim. Die überschüssige Energie speisen die Einwohner ins öffentliche Stromnetz von E.on Avacon ein und kassieren dank des Erneuerbare-Energien-Gesetzes dafür eine lukrative Vergütung.

Das Besondere an dem Harzer Projekt ist, dass hier alle drei Energiearten - Wind, Solar und Biomasse – zusammenspielen. Noch eine vierte soll hinzukommen: Wasser. Bartelt will ein altes Pumpspeicher-Kraftwerk aus DDR-Zeiten reaktivieren, um den überschüssigen Ökostrom in der „Riesenbatterie“ zu speichern.

Rund 50 solcher Projekte zur „dezentralen Energieversorgung“ gibt es mittlerweile in Deutschland, schätzt Peter Moser vom Kompetenznetzwerk Dezentrale Energietechnologie“ aus Kassel, in dem sich sich Unternehmen und Forschungsinstitute zusammengetan haben, um neue Versorgungsstrukturen zu fördern. Eine vollständige Übersicht gibt es bisher nicht. Manche Kommunen sind bereits weit vorangeschritten, manche stehen erst ganz am Anfang. Seit mehr als einem Jahr versorgt sich etwa das niedersächsische Jühnde vollständig mit Strom und Wärme aus einer Bioenergieanlage, in Baden-Württemberg setzen die Mauenheimer auf Ökostrom und Wärme.