Erneuerbare Energien Die Harzer StromrebellenSeite 2/2

Gerade für Kommunen in ländlichen Regionen werde die unabhängige Energieversorgung immer interessanter, sagt Dietmar Schüwer vom Wuppertal Institut. „Dort gibt es ausreichend Flächen, etwa für Biomasse. In großen Städten wäre so etwas nur schwer realisieren.“ Positiver Nebeneffekt: Die Preissteigerungen des fossilen Energiemarkts interessieren Bürger und Kommunen nur noch am Rande.

Dardesheim - Dorf unter Windpark

Dardesheim - Dorf unter Windpark

1994 genehmigte der Dardesheimer Stadtrat den Windpark. Damals beäugten die Einwohner den Bau allerdings argwöhnisch. „Erneuerbare Energien waren für uns einfach kein Thema“, erinnert sich Bürgermeister Künne. Inzwischen ist das anders – auch weil die Bürger bemerkt haben, dass sie vom Ökostrom finanziell profitieren. 50.000 Euro reicht Windparkbetreiber Bartelt jährlich freiwillig an Künne weiter. Die Feuerwehr, natürlich der Männerchor und andere Vereine freuen sich über die Geldspritze. Mit dem Rest verschönert Künne sein Städtchen und lässt das Kopfsteinpflaster ausbessern. Von 2010 an rechnet er mit einem noch größeren Geldsegen. Rund eine Million Euro Gewerbesteuern soll dann der Windpark an die Stadt zahlen. Inzwischen haben Bartelt und der Bürgermeister ganz Dardesheim vom Ökostrom überzeugt, die ersten Einwohner wollen sogar Geschäftsanteile am Windpark zeichnen. „Ohne die Bevölkerung kann man so ein Projekt nicht auf die Beine stellen“, sagt Künne.

Ideenknappheit herrscht bei den Dardesheimern nicht. Vor allem Bartelt, der den Windpark 2000 gegründet und 80 Millionen Euro investiert hat, ist nicht zu stoppen; einige Vorschläge klingen halbwegs realistisch, manche muten exotisch an. Geht es nach dem Pionier in der Windenergiebranche, der schon vor dem Bundesverfassungsgericht für den Bau von Windrädern stritt, soll in einigen Jahren die gesamte Region Harz mit ihren 250.000 Einwohnern mit erneuerbaren Energien versorgt werden. Dafür hat Bartelt bereits Vertreter von Vattenfall, Eon und des Landkreises Halberstadt zusammengetrommelt und sie überzeugt. „Das ist eine riesen Chance, endlich die Energiewende einzuleiten“, sagt Bartelt. Jetzt soll ein Energieforschungsinstitut eine Machbarkeitsstudie erarbeiten. Am liebsten würde Bartelt sogar als eigener Ökostrom-Anbieter auftreten, ähnlich wie die Elektrizitätswerke Schönau . Aber das ist noch Zukunftsmusik. Wie auch der „Informationspark“ auf den Druiberg, wo Bartelt nicht nur von einem „Eventbereich“ schwärmt, sondern auch von einem Astropunkt mit Sonnenuhr.

Energieautarke Städte – sieht so die zukünftige Versorgung in Deutschland aus? Zumindest teilweise, glaubt Moser vom Kompetenznetzwerk Dezentrale Energietechnologie. „Wir brauchen dezentrale Strukturen, weil sie das Netz stabiler machen – fällt eine Stromleitung aus, ist nicht gleich ganz Europa betroffen.“ Eine weitere positive Folge sei, dass Kapital in der Region gebunden bleibe. So schätzt der Mainzer Windpark-Planer Juwi, dass allein in Rheinland-Pfalz 15 Milliarden Euro lokal investiert würden und 50.000 neue Arbeitsplätze entständen, wenn das Bundesland bis 2030 vollständig auf Ökostrom umstelle. Solche Schätzungen sind allerdings mit Vorsicht zu genießen. Denn auch wenn klar ist, dass aus Klimaschutzgründen die Energiewende bitter nötig ist – das Instrumentarium dafür liefert die Politik. Wie die Fördersätze schwanken können und wie sensibel die Branche auf Spekulationen darüber reagiert, zeigt die aktuelle Diskussion um das EEG.

Bürgermeister Künne bleibt trotz aller Einwände optimistisch und will nicht nur bei Ökostrom bleiben. „Wir wollen in die kohlendioxidfreie Wärmeerzeugung einsteigen, mit heimischer Biomasse und Solar“, verrät er. Sein Kalkül ist nicht uneigennützig. Denn auch Dardesheim bleibt von der ostdeutschen Landflucht nicht verschont. „Günstige Energiepreise für Wärme und Strom könnten ja auch Neubürger anlocken“, hofft er.

 
Leser-Kommentare
  1. Das Problem der deutschen Energiepolitik ist, dass Ihr der rote Faden fehlt!..weil Ihre Gesetzgebung alle Markteilnehmer schwächt:- Die Endverbraucher - weil die Preise weiter steigen.. und steigen...nicht zuletzt durch dass EEG. Das gilt ganz besonders für die Haushaltskunden.- Die deutschen Übertragungsnetzbetreiber im europäischen Wettbewerb, solange das Atomausstiegsgesetz im Gesetzblatt steht- Die Stadtwerke, weil viele von Ihnen im Prozess zwischen der gesetzlichen Liberalisierung (Unbundling) und der Regulierung (neue Behörden) operativ und finanziell zunehmend überfordert sind.Deswegen ist das Angebot der Dardesheimer die beste Antwort für eine klimaneutrale Energieversorgung der Zukunft. Nämlich den Markt selbst zu organisieren. So bekommt man saubere Anbieter und zufriedene Nachfrager vor Ort. Offenbar ist es in diesen Zeiten der beste Weg. Es ist doch die Aufgabe staatlicher Ordnungspolitik Probleme für Unternehmen und Bürger zu vereinfachen und zu lösen. Indes - wir erfahren seit Jahren geanu das Gegenteil.

  2. http://www.guardian.co.uk/society/2007/oct/28/communities.greenpolitics
    Dort wird dies also von der Politik gefördert und initiiert. Ob dies aber von besserem Erfolg gekrönt sein wird als lokale oder private Initiativen, bleibt abzuwarten.
    In jedem Fall ist es zu begrüßen, denn getan werden muß etwas, und zwar so schnell wie möglich, damit wir von externer Energieversorung unabhängiger werden.

  3. Es ist schön daß es solche Beispiele gibt. Die lokalen Möglichkeiten zur Stromgewinnung sind leider in ganz Deutschland ungenutzt. Es entsteht hier zudem bei richtiger Nutzung nicht nur ein positiver Effekt für die Umwelt. Auch der Endverbraucher kann hier deutlich profitieren. Bei der Stromwechselei habe ich langsam den Verdacht, das dies nicht wirklich dauerhaft Nutzen für den Kunden bringt.
    Durch eine lokale Nutzung jedoch entstehen bei überlegter Anwendung sinvollere und umweltfreundlichere Nutzung der vorhandenen Ressourcen, lokale Arbeitsplätze und auch ein geldwerter Vorteil für die Nutzer.
    Etwas vernachlässigt wird häufig noch die Wasserkraft. Hier ist die lokale Nutzung zwar nicht überall sinnvoll, aber vor Allem in Bergregionen überlegenswert. Ich möchte hier eine etwas ältere Überlegung in Erinnerung rufen. In dieser wurden kleine Wassermühlen auch in kleineren Flüssen ins Gespräch gebracht. Der Materialaufwand hierfür war eher klein und mit geringem Aufwand könnte die Stromversorgung oft fast das ganze Jahr gewährleistet werden. Sollte man auf jedem Fall im Auge behalten.

  4. „Hier dreht sich auch ein 125 Meter großes Windrad, eine Sechs-Megawattanlage - die leistungsstärkste Anlage der Welt. Sie kann allein, würde sie rund um die Uhr laufen, mehr als 4000 Haushalte ein Jahr lang mit Strom versorgen.“
     Genau das ist der Punkt: „Würde“,  wenn der Wind weht!
     Was hier als rebellische Tat gegen die Stromkonzerne gepriesen wird, scheitert kläglich an der Physik. Ich selber lebe an der ostfriesischen Küste, mit einer sehr hohen Dichte an Windkraftanlagen. Diese Anlagen, die laut IHK Ostfriesland und Papenburg 2006 zusammen 1570 Millionen Kilowattstunden bei 846 Megawatt installierter Leistung produzierten, können bei Windstille oder Schwachwind nicht eine einzige Glühbirne erhellen. Windkraftnutzung hat leider bisher auch die wenigsten Redakteure erhellt, weil kaum jemand nachrechnet. Diese scheinbar gewaltige Arbeitsleistung der Windkraftwerke ergibt aber nur eine tatsächliche jährliche Auslastung von ca. 20 Prozent, in windschwachen Jahren auch weniger; das kann man nachrechnen. Im windärmeren Binnenland liegt die Auslastung bei ca. 14 Prozent jährlich. Auslastung heißt: Das Jahr hat 8760 Stunden, davon speist die Windkraft an der ostfriesischen Küste wegen des unsteten Windes an nur ca. 1750 Stunden, völlig unregelmäßig über das Jahr verteilt, ihre Arbeitsleistung (nicht die theoretische Nennleistung, die auf der Anlage steht) ins bestehende Stromnetz ein; für eine verlässlich abrufbare Stromversorgung, auch im Mix mit den noch wesentlich ineffektiveren Fotovoltaikanlagen (nachts ist es bekanntlich dunkel, und bei dichter Bewölkung wird auch kaum Strom produziert) also völlig ungeeignet.  Davon profitieren nur die Windmüller oder Solarbetreiber, die über die Zwangsabgabe des Erneuerbaren Energiengesetzes (EEG) für alle Stromkunden das Mehrfache an Geld für ihren eingespeisten Strom in die eigene Tasche bezahlt bekommen, den er tatsächlich kostet. Auch das treibt den Strompreis für alle Kunden  in die Höhe.
    Dem „Naturstrom-Kunden“ wird weisgemacht, er bekäme „grünen“ Strom aus der Steckdose. In Wirklichkeit bekommt der Naturstromkunde exakt den gleichen Strom ins Haus geliefert wie sein Nachbar, der einen ganz normalen Tarif hat. Der Naturstromanbieter kauft seinen Strom eben nur bei den „Regenerativen“ ein, und schickt in dann ins Netz. Es gibt eben keine getrennten Stromleitungen für Wind-, Solar-, Wasser, Kohle-, Gas- oder Atomkraft. Es gibt ein Verbundnetz, in das aller eingespeiste Strom einfließt. Der am Ort erzeugte Wind- oder Solarstrom fließt nicht direkt in die Häuser des Ortes, sondern ins Netz, nur dafür gibt es Geld aus dem EEG. Jemand, der mit seiner Fotovoltaikanlage für den Eigenbedarf Strom erzeugt, müsste ihn kostenaufwendig mit einer Batterie puffern und bekäme keinen Cent aus dem EEG.

    Wind- oder Solarstrom kann nur ins Verbundnetz eingespeist werden, und das ist der zentrale Punkt, wenn bereits ein stabiles Stromnetz von 230 V und 50 Hertz vorhanden ist, und das wird von den verlässlich regelbaren, aber viel gescholtenen Wärmekraftwerken stabil gehalten. Würden die Regelkraftwerke ausfallen, könnte keine einzige Kilowattstunde, auch bei bestem Wind oder hellstem Licht, ins Netz eingespeist werden: Stromausfall.  Fielen alle Windkraftanlagen aus und ist genug Regelenergie der Wärmekraftwerke abrufbar, würde es kein Stromkunde merken. Im westlichen  Ostfriesland kam es bereits mehrfach zu Stromausfällen, weil die Wärmekraftwerke bei plötzlichen Lastwechsel, in diesem Falle unerwarteter Starkwind, nicht rechtzeitig heruntergefahren werden konnten. In Emden ging vor zwei Jahren ein bereits stillgelegter Gaskraftwerksblock wieder ans Netz, um den unstet produzierten Windstrom der Region netzverträglich puffern zu können. Mehr Windkraft wird also in Zukunft den Bau neuer Regelkraftwerke, in der Regel schnell reagierende Gaskraftwerke, und neue Hochspannungsleitungen notwendig machen. Im Landkreis Aurich und in Emden stehen bereits ca. 500 Windkraftanlagen, die Windbarone wollen noch mehr, nicht wegen „Klima“, sondern wegen der garantierten hohen Einspeisevergütung, es geht nur um Bares, sehr viel Bares! Windkraft in Ostfriesland hat erheblich an Akzeptanz verloren, der Öko-Lack ist ab:  Je näher die Anlagen an die Wohnbebauung heranrücken, je stärker wird der Widerstand. Nervender Lärm, vor allem nachts, und der Schattenwurf bei Tage machen das Wohnen an machen Anlagen zur Hölle. In Deutschland gibt es bereits mehrere hundert Bürgerinitiativen, die sich gegen die Zerstörung ihrer Lebensumwelt durch Windkraftanlagen wehren; in der Uckermark gelang solch einer Initiative der Sprung in die Kommunalpolitik.
    Es hat sich auch dort herumgesprochen, dass Windparkplanungen auch mit Bestechung, Verdummung  oder Einschüchterungsversuchen durchgepeitscht werden sollten.
    Dass ganz nebenbei die Landschaft unter die Windkräder kommt , erschließt sich denen kaum, die diesen Wert nicht kennen und die in ihrem Umfeld als gute Menschen der ständigen windigen Propaganda ausgesetzt sind und dieser Glauben schenken, wie diesmal in der „Zeit“.

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