Bundeskanzlerin Göttinnendämmerung
Deutschland bewundert Angela Merkel. Zu Recht? Die jüngste Kritik aus dem Ausland sollte uns innehalten lassen.
Die deutsche Kanzlerin auf dem Titelbild von Newsweek - aber diesmal nicht als „deutsches Wunder“ sondern ziemlich eingetrübten Blicks. Berlin wundert sich. Ist denn Frau Merkel nicht das Beste, was Deutschland zurzeit bieten kann?
Nun, dass Selbst- und Fremdwahrnehmung nicht immer übereinstimmen, ist eine Lebensweisheit. So banal sie auch scheint, ihre Gültigkeit ist unbestritten, ihr Nutzen gelegentlich groß, auch in der Politik. Ein Blick auf die Wahrnehmung „der anderen“ kann helfen, die eigene Selbstwahrnehmung entlang der Wirklichkeit zu korrigieren. Zuweilen bahnt sich sogar von außerhalb eine Trendwende des heimischen Meinungsklimas an, lange, bevor wir ahnen, was da auf uns zurollt. So etwa wie ein Azorentief, das noch Tausende Kilometer vor der Küste liegt und doch unser Wetter irgendwann beeinflusst.
So wie damals im Bundestagswahlkampf 2005. Das weltweit angesehene englische Magazin The Economist beschrieb ein wirtschaftspolitisch „erstaunliches Comeback“ Deutschlands. Durch die eingeleiteten Reformen habe sich das Land wieder wettbewerbsfähig gemacht und stehe vor einer Zukunft, die zumindest Anlass zu vorsichtigem Optimismus gebe.
Die Einschätzung des Economist deckte sich so gar nicht mit dem Zeitgeist des Jahres 2005. Schließlich war die rot-grüne Regierung gerade zerbrochen, Deutschland zum „kranken Mann Europas“ abgestempelt, und das Land stand, glaubte man der Opposition und einem Großteil der Medien, kurz vor dem Kollaps.
Zwei Jahre später erlebt Deutschland eine Aufschwungseuphorie, wie wir sie wohl selten erlebt haben. Innerhalb von zwei Jahren ist aus der daniederliegenden Nation das vor Kraft strotzende „moderne Deutschland“ geworden. Zauberei? Hexenwerk? Wohl eher das Ergebnis eines Meinungsumschwunges: von einer völlig überzogen pessimistischen zu einer wieder selbstbewusst realistischeren (und vielleicht in das gegenteilige Extrem umschlagenden?) Selbstwahrnehmung. Vergessen sind die Schwarzmaler der Vergangenheit, die Autoren des Economist erscheinen im Nachhinein geradezu als Propheten.
Doch 2007 hat noch eine zweite Seite. Denn wieder befindet sich Deutschland in einer Art Ausnahmezustand. Fast entrückt bewundert die Bundesrepublik das scheinbar magische Wirken ihrer Bundeskanzlerin. Retterin des Weltklimas, erfolgreiche Bekämpferin der Massenarbeitslosigkeit in Deutschland, entschlossene Führerin der Bundesregierung und strahlende Repräsentantin des Staates. Oder einfach nur: die mächtigste Frau der Welt!
Kein Ereignis, das Frau Merkel nicht positiv angeheftet wird. Ein Handkuss des französischen Präsidenten, oh là là; ein Formelkompromiss zum EU-Vertrag unter deutscher Ratspräsidentschaft, wow. Und als wolle Mutter Erde für diese großen Leistungen Lob aussprechen: „Frau Merkel zu Gast bei der Welt“ - wie die Bild -Zeitung titelte, als die Kanzlerin zur jährlichen UN-Vollversammlung flog. Ein Privileg, das freilich auch dem Präsidenten von Mali zuteilwurde - und jedem Kanzler vor ihr sowieso.
Deutschland, so müsste man glauben, nähme man die heimische Berichterstattung zum Maßstab, steht kurz vor der Wiedereinführung der Monarchie. Angela die Erste!
Wäre da nicht die ausländische Presse, die nun ein ganz anderes und kritischeres Bild von der Leistung Angela Merkels zeichnet, als es bei uns im Moment Common Sense ist. Auf dem Titel von Newsweek – was nicht vielen Deutschen gelingt - ist sie abgebildet, unsere Kanzlerin. Doch nicht so keck strahlend oder entschlossen dreinblickend wie daheim, sondern müde, melancholisch und kraftlos sitzt sie da in einem Flugzeug. Beinahe kommen einem beim Anblick dieses Fotos die lange vergangenen Bilder aus alten Zeiten ins Gedächtnis: Mecker-Merkel mit herunterhängenden Mundwinkeln als personifizierte beleidigte Leberwurst, dazu die sich unweigerlich stellende Frage: „Darf DAS Kanzler werden“? ( Titanic ).
"Lost Leader", nennt Newsweek Angela Merkel, "verlorene Regierungschefin". Einst sei sie als deutsche Margaret Thatcher gefeiert worden, heute regiere sie nach Umfragen und weiche Reformen aus. Und es folgt die Frage: "Was ist passiert?"
Das Zeugnis, welches das US-Nachrichtenmagazin der deutschen Kanzlerin ausstellt, ist wenig schmeichelhaft. Im Wahlkampf mit großem Reformgeist gestartet, aber inzwischen von jeglichem Veränderungswillen verlassen - so lautet die Bilanz des Magazins, das in seiner Titelgeschichte gar die Frage stellt, ob Merkel überhaupt jemals eine Reformerin gewesen sei.
Sie würde in ihrem Innersten vielleicht noch immer an ihren Reformzielen festhalten, aber dies spiele inzwischen keine Rolle mehr. Weil Merkel sich für das Machbare entschieden habe und in eine gewisse politische Lethargie verfallen sei: "Eigenartig unbeteiligt schaut sie zu, wie ihr Koalitionspartner ihr Reformprogramm zerpflückt."
Sollte dem Artikel der Newsweek ähnlich prophetische Gabe innewohnen wie seinerzeit dem Artikel des Economist ? Enthüllt sich jetzt, dass der Erfolg der Kanzlerschaft Merkel ein Medienprodukt ist, und sonst nichts? Dass ihre Kanzlerschaft aus dem besteht, was schon immer ihr Markenzeichen war: verschleiern, lavieren und im Unkonkreten bleiben? Und das alles verklärt durch eine unkritische oder gar parteipolitisch agierende Presse mit der Legende von der „Physikerin, die alles vom Ende her denkt“?
Wenn ja, dann wird die Luftblase platzen, früher oder später. Und vielleicht erleben wir gerade den Beginn der „Kanzlerdämmerung 2“. Der Blick über den Tellerrand hinaus hätte sich wieder einmal gelohnt.
Dieser Artikel war ursprünglich für die
ZEIT-Community
von unserem Leser Christian Günther verfasst worden. Wir fanden ihn so interessant und gut geschrieben, dass wir ihn in den redaktionellen Teil übernahmen (natürlich gegen Honorar). Vielleicht möchten Sie auch mitschreiben?
- Datum 26.10.2007 - 03:22 Uhr
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Mein Eindruck ist, dass die Amerikaner derzeit vermehrt auf den französischen Präsidenten Sarkozy als dem neuen "starken Mann Europas" setzen. Solange in Frankreich noch der in den USA als "antiamerikanisch" empfundene Chirac amtierte, galt Merkel als die bevorzugte kontinentaleuropäische Partnerin Washingtons. Seit dem Wahlsieg Sarkozys hat sich das Blatt allerdings gewendet - zugunsten Frankreichs.Die Amerikaner lieben nun mal klare politische Verhältnisse. "Unnatürliche" Bündnisse wie die Große Koalition sind den Amerikanern hingegen eher suspekt. Das amerikanische Interesse für Merkel (und für Deutschland) dürfte demnach erst dann wieder steigen, wenn es ihr 2009 gelingt, eine Mehrheit für eine schwarz-gelbe Koalition zu gewinnen.
Tja, uninformiert, wie ich mangels echter Informationsquellen eigentlich sein müßte, hätte ich womöglich den gleichen Irrtum begangen wie der Autor des Artikels. Ich hätte geglaubt, dass Teile der internationalen Presse -in Form von Newsweek- besorgt auf Deutschland und seine Kanzlerin blicken. Zunächst einmal ist Newsweek nur der Name eines renommierten Blattes. Der Glaube in unserem Lande, dass die, die von "draußen" auf unser Land blicken, beinhahe immer schon durch die Tatsache, dass sie sich äußern, Recht mit ihren Vermutungen haben, ist per se schon unerträglich.Aber auf die Ebene einer inhaltlichen Kritik muss man sich hier gar nicht begeben.Wunderbar nachzulesen ist es online bei der Süddeutschen Zeitung:http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/67/139774/Nach dieser Quelle haben die Macher der Newsweek-Story überwiegend einen Bezug zu oder sind Teil der "Springer-Presse".Hut ab vor Ihren Kollegen, Herr Günther, meinen Sie nicht auch? [Link wurde gelöscht. /Die Redaktion pt.]
"Eigenartig unbeteiligt schaut sie zu, wie ihr Koalitionspartner ihr Reformprogramm zerpflückt." Ist das Alles? Das ist doch nur eine übertrieben formulierte Reaktion der Newsweek auf die Hybris von Moses Beck.Das ist das einzige konkrete Beispiel dieses Artikels über den Newsweek-Artikel, welcher selbst "im Unkonkreten" bleibt.
ZEIT-Herausgeber Josef Joffe war an dieser Schmierenkomoedie allerdings auch beteiligt. Das Ganze nennt man wohl Meinungsmache. Kein besonders gelungenes Stueck Journalismus. (Und lasst den Joschka doch endlich auch in der Versenkung, wo er hingehoert!)
Ich frage mich allerdings, was die deutschen autoren dieses "Newsweek-Artikels" bezwecken wollten. Vielleicht koennte Herr Joffe uns ein wenig Erleuchtung verschaffen...
Herzliche Gruesse aus Akodo Beach, Lagos!
Nein, wirklich neu ist der von Herrn Günther zitierte ”Reformstau” unter der von Merkel ”moderierten” Grossen Koalition nicht. Newsweek (bzw. seine Schreiberlinge Joschka Fischer, Hugo Müller Vogg und Josef Joffe) nimmt die Kanzlerin lediglich direkter in die Verantwortung als manch deutsches Äquivalent.
Interessant sind an dem Orginal-Artikel jedoch der Verweis auf die Inkonsistenz in Merkels Politik vor und nach der Wahl (die Reformerin vs. die Spendierfreudige) und deren Bezug zu dem vom wirtschaftlichen Aufschwung unterfütterten ”Linksruck” der Deutschen Politik.
Das mangelnde Langzeitgedächtnis der deutschen Medien und Wähler und die immer wieder zu beobachtende Diskrepanz zwischen Politik die langfristig richtig aber unpopulär ist und den vom Wahlzyklus hervorgerufenen und vom Weltwirtschaftsaufschwung begünstigten Spendierhosenverhalten sind scheinends zeitlose Konstanten deutscher Politik, denen auch eine Angela Merkel nichts entgegenzusetzen hat. Schade.
Die Wanlung von den Lobpreisungen des "Economist" hin zum Foto einer müde wirkenden Kanzlerin ist im Journalismus, insbesondere in der Boulevardpresse gut bekannt. Am Anfang wird freundlich bis enthusiastisch über einen aufgehenden Stern berichtet. Kommt es schließlich zu der unvermeidlichen medialen Sättigung, geht die Kurve nach unten, und aus dem "aufgehenden Stern" wird plötzlich ein Star auf dem Niedergang - dem Lauf einer Tontaube vergleichbar. Man produziert daraus Stories (und verdient prächtig). Nach dem medialen Abschuß produziert man noch einmal Stories (und verdient noch einmal prächtig). Müßig zu erwähnen, dass man Erfolg und Ertrag nochmals steigern kann, wenn man diesen Tontaubenverlauf gleich mehrfach in Printmedien, TV, Internet usw. gewinnbringend verwerten kann. Dies Strategie funktioniert sowohl in der Politik/Wirtschaft als auch im Showbusiness. Insofern befindet sich der obige Artikel auf dem gleichen Niveau wie die Berichterstattung über Britney Spears und ist meiner Ansicht nach daher in der "Zeit" fehl am Platze.
Am Ende Ihres Artikels Göttinnendämmerung findet sich der Hinweis, dass dieser Artikel in den redaktionellen Teil der Zeit aufgenommen wurde, weil "wir", die Redaktion von Zeit-Online, ihn so interessant und gut geschrieben fanden. Ich bin begeisterte Zeit-Leserin. Bei der Lektüre dieses Artikels kam mir aber leider nur ein Wort aus der Jugendsprache in den Sinn, das ich seit meiner Schulzeit nicht mehr benutzt habe: "ätzend"! Ich werde den Gedanken nicht los, dass die Kategorie Geschlecht bei dieser Berichterstattung, die ja eigentlich gar keine ist, eine Schlüsselrolle gespielt hat. Dies zeigt sich an den Frontalangriffen auf Angela Merkels Erscheinungsbild. Das Stichwort ist hier die, wie er sagt, "Mecker-Merkel", die durch ihre herunterhängenden Mundwinkel nicht nur zur personifizierten Leberwurst, sondern zum (grammatikalischen) Neutrum erklärt wird: Darf DAS Kanzlerin werden? Sicherlich greift Christian Günther hier vor allem das problematische Image von Angela Merkel auf, das in den letzten Jahrzehnten durch die deutsche Medienlandschaft gespukt ist. Aber, und das ist das Problem mit seinem Ansatz, er distanziert sich nicht ausreichend davon. Dies zeigt sich an seinen Aussagen zur Politik der großen Koalition. Wieder fehlen konkrete Angaben. Es geht um einen Rundumschlag. Im Zentrum steht wieder die "Mecker-Merkel" mit ihrem Mangel an Führungsqualitäten, "the lost leader", und politischem Durchsetzungsvermögen, ihr Verschleiern, Lavieren und im Unklaren lassen. Aber auch ihre Problemlösungskompetenz steht letztlich zur Disposition: Die Herangehensweise der Physikerin, die alles von hinten angehe, wird mit einer Politik des Machbaren oder genauer: mit einer Politik der Stagnation und Resignation verknüpft. Denn schließlich wurde Frau Merkel müde und melancholisch im Flugzeug ertappt - und scheint damit im krassen Gegensatz zur Strahlefrau Hillary Rodham Clinton zu stehen, deren Aussehen ja jüngst mit einem polierten Apfel verglichen wurde. Amerikanischer Apfel gegen deutsche Leberwurst? Wo bleibt die kritische Auseinandersetzung mit dem schon sprachlich provokanten Newsweek-Titelbild einer verlorenen Führerin? Eines steht für mich fest: Dieses Image einer müden "Mecker-Merkel", das dieser Artikel (re-)produziert, macht mich MÜDE. Es speist sich aus einer Fülle von Gender-Stereotypen, die im 21. Jahrhundert nun wirklich in die Mottenkiste gehören. Und dass die Erfolgsgeschichte von Angela Merkel nicht nur ein Medienprodukt deutscher Journalisten ist, zeigt das Interview mit dem Mann, an dem sich die Wut der Welt entzündet: George W. Bush. Mr. Bush hat in diesem Interview meines Wissens nicht über deutsche Leberwürste fabuliert. Kurzum: Dieser Bericht über die Lage der deutschen Nation und ihrer Kanzlerin sagt wenig über Dr. Angela Merkel und viel über den Berichterstatter. Dr. Gabrijela Mecky Zaragoza, UMass, Amherst.
Als ich vom Newsweek-Artikel las, hatte ich ein merkwürdiges Gefühl und ich fragte mich, wie der wohl zustande gekommen sein mochte, welchen Hintergrund er haben könnte (ohne das ich Merkel-Fan bin). Wenn mir als reinen Medienkonsumenten schon solche Gedanken kommen, dann müßte der Autor als Berufsjournalist schon längst seine Antennen ausgefahren haben. Aufklärung habe ich dann in der Süddeutschen erfahren, nicht hier.
Wie sagte der Chefredakteur dieser Zeitschrift, die ich mir nie kaufe :
Fakten, Fakten Fakten ......
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