Bundeskanzlerin GöttinnendämmerungSeite 3/3

Sie würde in ihrem Innersten vielleicht noch immer an ihren Reformzielen festhalten, aber dies spiele inzwischen keine Rolle mehr. Weil Merkel sich für das Machbare entschieden habe und in eine gewisse politische Lethargie verfallen sei: "Eigenartig unbeteiligt schaut sie zu, wie ihr Koalitionspartner ihr Reformprogramm zerpflückt."

Sollte dem Artikel der Newsweek ähnlich prophetische Gabe innewohnen wie seinerzeit dem Artikel des Economist ? Enthüllt sich jetzt, dass der Erfolg der Kanzlerschaft Merkel ein Medienprodukt ist, und sonst nichts? Dass ihre Kanzlerschaft aus dem besteht, was schon immer ihr Markenzeichen war: verschleiern, lavieren und im Unkonkreten bleiben? Und das alles verklärt durch eine unkritische oder gar parteipolitisch agierende Presse mit der Legende von der „Physikerin, die alles vom Ende her denkt“?

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Wenn ja, dann wird die Luftblase platzen, früher oder später. Und vielleicht erleben wir gerade den Beginn der „Kanzlerdämmerung 2“. Der Blick über den Tellerrand hinaus hätte sich wieder einmal gelohnt.

Dieser Artikel war ursprünglich für die ZEIT-Community von unserem Leser Christian Günther verfasst worden. Wir fanden ihn so interessant und gut geschrieben, dass wir ihn in den redaktionellen Teil übernahmen (natürlich gegen Honorar). Vielleicht möchten Sie auch mitschreiben?

 
Leser-Kommentare
  1. Mein Eindruck ist, dass die Amerikaner derzeit vermehrt auf den französischen Präsidenten Sarkozy als dem neuen "starken Mann Europas" setzen. Solange in Frankreich noch der in den USA als "antiamerikanisch" empfundene Chirac amtierte, galt Merkel als die bevorzugte kontinentaleuropäische Partnerin Washingtons. Seit dem Wahlsieg Sarkozys hat sich das Blatt allerdings gewendet - zugunsten Frankreichs.Die Amerikaner lieben nun mal klare politische Verhältnisse. "Unnatürliche" Bündnisse wie die Große Koalition sind den Amerikanern hingegen eher suspekt. Das amerikanische Interesse für Merkel (und für Deutschland) dürfte demnach erst dann wieder steigen, wenn es ihr 2009 gelingt, eine Mehrheit für eine schwarz-gelbe Koalition zu gewinnen.

  2. Tja, uninformiert, wie ich mangels echter Informationsquellen eigentlich sein müßte, hätte ich womöglich den gleichen Irrtum begangen wie der Autor des Artikels. Ich hätte geglaubt, dass Teile der internationalen Presse -in Form von Newsweek- besorgt auf Deutschland und seine Kanzlerin blicken. Zunächst einmal ist Newsweek nur der Name eines renommierten Blattes.  Der Glaube in unserem Lande, dass die, die von "draußen" auf unser Land blicken, beinhahe immer schon durch die Tatsache, dass sie sich äußern, Recht mit ihren Vermutungen haben, ist per se schon unerträglich.Aber auf die Ebene einer inhaltlichen Kritik muss man sich hier gar nicht begeben.Wunderbar nachzulesen ist es online bei der Süddeutschen Zeitung:http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/67/139774/Nach dieser Quelle haben die Macher der Newsweek-Story überwiegend einen Bezug zu oder sind Teil der "Springer-Presse".Hut ab vor Ihren Kollegen, Herr Günther, meinen Sie nicht auch? [Link wurde gelöscht. /Die Redaktion pt.]

  3. "Eigenartig unbeteiligt schaut sie zu, wie ihr Koalitionspartner ihr Reformprogramm zerpflückt." Ist das Alles? Das ist doch nur eine übertrieben formulierte Reaktion der Newsweek auf die Hybris von Moses Beck.Das ist das einzige konkrete Beispiel dieses Artikels über den Newsweek-Artikel, welcher selbst "im Unkonkreten" bleibt.

  4. ZEIT-Herausgeber Josef Joffe war an dieser Schmierenkomoedie allerdings auch beteiligt. Das Ganze nennt man wohl Meinungsmache. Kein besonders gelungenes Stueck Journalismus. (Und lasst den Joschka doch endlich auch in der Versenkung, wo er hingehoert!)
    Ich frage mich allerdings, was die deutschen autoren dieses "Newsweek-Artikels" bezwecken wollten. Vielleicht koennte Herr Joffe uns ein wenig Erleuchtung verschaffen...
    Herzliche Gruesse aus Akodo Beach, Lagos!

  5. Nein, wirklich neu ist der von Herrn Günther zitierte ”Reformstau” unter der von Merkel ”moderierten” Grossen Koalition nicht. Newsweek (bzw. seine Schreiberlinge Joschka Fischer, Hugo Müller Vogg und Josef Joffe) nimmt die Kanzlerin lediglich direkter in die Verantwortung als manch deutsches Äquivalent.
    Interessant sind an dem Orginal-Artikel jedoch der Verweis auf die Inkonsistenz in Merkels Politik vor und nach der Wahl (die Reformerin vs. die Spendierfreudige) und deren Bezug zu dem vom wirtschaftlichen Aufschwung unterfütterten ”Linksruck” der Deutschen Politik.
    Das mangelnde Langzeitgedächtnis der deutschen Medien und Wähler und die immer wieder zu beobachtende Diskrepanz zwischen Politik die langfristig richtig aber unpopulär ist und den vom Wahlzyklus hervorgerufenen und vom Weltwirtschaftsaufschwung begünstigten Spendierhosenverhalten sind scheinends zeitlose Konstanten deutscher Politik, denen auch eine Angela Merkel nichts entgegenzusetzen hat. Schade.

    • cegog
    • 26.10.2007 um 15:10 Uhr

    Die Wanlung von den Lobpreisungen des "Economist" hin zum Foto einer müde wirkenden Kanzlerin ist im Journalismus, insbesondere in der Boulevardpresse gut bekannt. Am Anfang wird freundlich bis enthusiastisch über einen aufgehenden Stern berichtet. Kommt es schließlich zu der unvermeidlichen medialen Sättigung, geht die Kurve nach unten, und aus dem "aufgehenden Stern" wird plötzlich ein Star auf dem Niedergang - dem Lauf einer Tontaube vergleichbar. Man produziert daraus Stories (und verdient prächtig). Nach dem medialen Abschuß produziert man noch einmal Stories (und verdient noch einmal prächtig). Müßig zu erwähnen, dass man Erfolg und Ertrag nochmals steigern kann, wenn man diesen Tontaubenverlauf gleich mehrfach in Printmedien, TV, Internet usw. gewinnbringend verwerten kann. Dies Strategie funktioniert sowohl in der Politik/Wirtschaft als auch im Showbusiness. Insofern befindet sich der obige Artikel auf dem gleichen Niveau wie die Berichterstattung über Britney Spears und ist meiner Ansicht nach daher in der "Zeit" fehl am Platze.
     

  6. Am Ende Ihres Artikels Göttinnendämmerung findet sich der Hinweis, dass dieser Artikel in den redaktionellen Teil der Zeit aufgenommen wurde, weil "wir", die Redaktion von Zeit-Online, ihn so interessant und gut geschrieben fanden. Ich bin begeisterte Zeit-Leserin. Bei der Lektüre dieses Artikels kam mir aber leider nur ein Wort aus der Jugendsprache in den Sinn, das ich seit meiner Schulzeit nicht mehr benutzt habe: "ätzend"! Ich werde den Gedanken nicht los, dass die Kategorie Geschlecht bei dieser Berichterstattung, die ja eigentlich gar keine ist, eine Schlüsselrolle gespielt hat. Dies zeigt sich an den Frontalangriffen auf Angela Merkels Erscheinungsbild. Das Stichwort ist hier die, wie er sagt, "Mecker-Merkel", die durch ihre herunterhängenden Mundwinkel nicht nur zur personifizierten Leberwurst, sondern zum (grammatikalischen) Neutrum erklärt wird: Darf DAS Kanzlerin werden? Sicherlich greift Christian Günther hier vor allem das problematische Image von Angela Merkel auf, das in den letzten Jahrzehnten durch die deutsche Medienlandschaft gespukt ist. Aber, und das ist das Problem mit seinem Ansatz, er distanziert sich nicht ausreichend davon. Dies zeigt sich an seinen Aussagen zur Politik der großen Koalition. Wieder fehlen konkrete Angaben. Es geht um einen Rundumschlag. Im Zentrum steht wieder die "Mecker-Merkel" mit ihrem Mangel an Führungsqualitäten, "the lost leader", und politischem Durchsetzungsvermögen, ihr Verschleiern, Lavieren und im Unklaren lassen. Aber auch ihre Problemlösungskompetenz steht letztlich zur Disposition: Die Herangehensweise der Physikerin, die alles von hinten angehe, wird mit einer Politik des Machbaren oder genauer: mit einer Politik der Stagnation und Resignation verknüpft. Denn schließlich wurde Frau Merkel müde und melancholisch im Flugzeug ertappt - und scheint damit im krassen Gegensatz zur Strahlefrau Hillary Rodham Clinton zu stehen, deren Aussehen ja jüngst mit einem polierten Apfel verglichen wurde. Amerikanischer Apfel gegen deutsche Leberwurst? Wo bleibt die kritische Auseinandersetzung mit dem schon sprachlich provokanten Newsweek-Titelbild einer verlorenen Führerin? Eines steht für mich fest: Dieses Image einer müden "Mecker-Merkel", das dieser Artikel (re-)produziert, macht mich MÜDE. Es speist sich aus einer Fülle von Gender-Stereotypen, die im 21. Jahrhundert nun wirklich in die Mottenkiste gehören. Und dass die Erfolgsgeschichte von Angela Merkel nicht nur ein Medienprodukt deutscher Journalisten ist, zeigt das Interview mit dem Mann, an dem sich die Wut der Welt entzündet: George W. Bush. Mr. Bush hat in diesem Interview meines Wissens nicht über deutsche Leberwürste fabuliert. Kurzum: Dieser Bericht über die Lage der deutschen Nation und ihrer Kanzlerin sagt wenig über Dr. Angela Merkel und viel über den Berichterstatter. Dr. Gabrijela Mecky Zaragoza, UMass, Amherst.

  7.  
    Als ich vom Newsweek-Artikel las, hatte ich ein merkwürdiges Gefühl und ich fragte mich, wie der wohl zustande gekommen sein mochte, welchen Hintergrund er haben könnte (ohne das ich Merkel-Fan bin). Wenn mir als reinen Medienkonsumenten schon solche Gedanken kommen, dann müßte der Autor als Berufsjournalist schon längst seine Antennen ausgefahren haben. Aufklärung habe ich dann in der Süddeutschen erfahren, nicht hier.
    Wie sagte der Chefredakteur dieser Zeitschrift, die ich mir nie kaufe :
    Fakten, Fakten Fakten ......

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