Musikbuch Platten für die Ewigkeit

Der Produzent Joe Boyd hat mit Eric Clapton, Pink Floyd, Bob Dylan, Nick Drake und Fairport Convention zusammengearbeitet. In "White Bicycles. Musik in den 60er Jahren" erzählt er die Gründerzeit der Rockmusik

Das zwölfte Kapitel dieses Buchs zerstört eine Legende: wie Bob Dylan den Folk an den Rock'n'Roll verriet und die akustische Gitarre ans Elektro-Brett. Dabei wussten doch Folkies und Dylanologen ganz genau, was 1965 auf dem Newport Folk Festival geschah. Dylan stöpselte seine Klampfe in einen Verstärker, spielte ohrenmordend Maggie's Farm und wurde für diesen Kulturbruch vom traditionsgebundenen Publikum ausgebuht. Pete Seeger in seiner Empörung griff gar zur Axt und versuchte, des Verräters Stromkabel zu kappen. Welche Geste! Was für eine Tat! Und nun offenbart Joe Boyd, damals Produktionsleiter des Festivals: Alles war ganz anders…

Der Todfeind des Historikers ist der Zeitzeuge? Diese alte Weisheit wird hier höchst lebendig widerlegt. White Bicycles ist vieles in einem – Musikgeschichte, Kulturphilosophie, time tunnel , Fundgrube, Wundertüte, allerdings keine akademische Enzyklopädie der Populärkultur. Der Autor nennt sich selbst eine graue Eminenz der Szene.

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Joe Boyd, geboren 1942 in Boston, entstammt dem liberalen Mittelstand der amerikanischen Ostküste. Seine Großmutter hatte einst in Wien Klavier studiert; ihr widmet der Enkel das Buch, weil sie ihm das Zuhören beigebracht habe. Boyds erste Faszination gehört dem Blues, den alten Schellack-Aufnahmen fast vergessener Legenden. 1960 erfahren Boyd und sein Freund Geoff Muldaur, dass der berühmte Alt-Blueser Lonnie Johnson , von aller Welt vergessen, in Philadelphia als Koch arbeite. Boyd und Muldaur greifen zum Telefon und engagieren Johnson für ein Wochenend-Konzert in der elterlichen Wohnstube. So beginnt Boyds Karriere, die ihn zu einem der innovativsten Rock-Produzenten machen wird.

Zunächst arbeitet er für George Wein, den Impresario der Jazz- und Folkfestivals von Newport. Für Weins Jazzer organisiert er Europatourneen und reist mit. Der junge Boyd genießt die Nähe von Roy Haynes, Roland Kirk, Max Roach , Philly Joe Jones… und erleidet die seines Tenorsaxophon-Helden Coleman Hawkins, dessen strapaziöse Allüren Boyd belehren, dass man Idole besser aus der Ferne liebt. Zugleich lernt er den alten Kontinent kennen, besonders London, wo er noch heute lebt. Die kulturellen Unterschiede dünken Boyd gewaltig. Die englische Klassengesellschaft verpasst seinen "egalitären amerikanischen Instinkten" manchen Dämpfer. "Und doch kam mir die britische Gesellschaft überwiegend glücklich und zufrieden vor, verglichen mit den ängstlich auf ihren Status bedachten Amerikanern."

Von Anbeginn an wollte Boyd Plattenproduzent werden. Wie er das schaffte, wie er den jungen Eric Clapton aufnahm, aber den Vertrag mit Cream versäumte, wie er die erste Single von Pink Floyd produzierte ( Arnold Layne ), wie er 1966 in London den UFO-Club eröffnete, in dem Pink Floyd gleichsam als Hausband spielten, das ist mit kundigem Schmiss und dezenter Intellektualität erzählt. Dankenswerterweise fehlt alle Insider-Prahlerei und jeglicher Szene-Jargon. Das Buch zoomt zwischen Großgeschichte und Detail, wodurch sich Boyds Erzählung auch für weniger bewanderte Leser zum Studium generale der Epoche eignet.

Ja, der Epoche. Die Sechziger rissen die "Türen zu einer Welt" auf, "die vorher nur an den Rändern der Gesellschaft bekannt war". Via Musik (und Drogen) machten sie eine Generation mit sich selbst bekannt. Sie etablierten Jugendkultur und Pop jenseits der bürgerlichen Moral und veränderten so diffus wie unaufhaltsam auch die Politik. "In der besten Zeit des Jahrzehnts", schreibt Boyd, "waren wir auf eine Weise optimistisch, die man heute, da wir die Zerstörung unserer Welt miterleben, unmöglich nachempfinden kann."

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