Musikbuch Platten für die EwigkeitSeite 2/2
Groß an Zahl ist das berühmte Personal, das Boyds Buch bevölkert, und zwar stil- und szenenübergreifend, wie es heute undenkbar wäre. Muddy Waters, Miles Davis, Jimi Hendrix , Bob Dylan begegnen uns – letzterer auf jenem eingangs erwähnten 1965er Newport Folk Festival, dessen Schilderung das erzählerische Meisterstück des Buches bildet. Boyd inszeniert den Epochenbruch, den clash der Generationen. Der ethische Ernst des Folk, so empfanden es die Alten, wurde vom Hedonismus der Hippies zerstört. Dramatisch beschreibt Boyd auch Woodstock, vier Jahre darauf, und wie nur die Unbill von Wetter und Ablaufplan eine Weltkarriere der Incredible String Band vereitelt hätten. Daran mag man zweifeln.
Boyds Lebensbilanz ist Dankbarkeit. Den Großen des Blues, den Klassikern des Jazz noch selbst begegnet zu sein, "wappnete mich gegen eine Unmenge Enttäuschungen". Zu denen mögen auch entgangene kommerzielle Chancen zählen. Dem Musikenthusiasten Boyd, der sich in kaufmännischen Dingen selbst den letzten Biss abspricht, wurde so manche Geldkuh von der Weide geführt, von Pink Floyd bis Abba. Dafür hat er mit seinen Schützlingen etliche Platten für die Ewigkeit produziert – die beiden besten 1969: Liege & Lief von Fairport Convention und Five Leaves Left von Nick Drake. Die Kapitel über Fairport und Drake zählen zu den intensivsten des Buchs. Der Tod des hochsensitiven Drake wurde nie völlig geklärt. Am wahrscheinlichsten bleibt ein Tabletten-Suizid. Boyd vermutet nahezu das Gegenteil: Drake, zunehmend depressiv, habe medikamentös den Weg zurück ins Leben gesucht.
Viele von Boyds Weggefährten sind längst tot, gestorben an "der Intensität der Zeit", an Drogen, Entmutigung, Krankheit, mortaler Schwermut. "Aber ich denke auch mit einem Lächeln an jene Freunde, die heute noch mit dem gleichen Geist spielen und singen und mich begeistern wie vor dreißig Jahren, als ich sie zum erstenmal hörte – vor allem Norma Waterson, Richard Thompson, Geoff Muldaur und Danny Thompson." Die Produktionsmethoden der Popmusik hätten sich freilich total geändert. Wo früher eine Gruppe kommunizierender Menschen im selben unverwechselbaren Klangraum gespielt habe, regierten heute Perfektionismus und digitale Sterilität. Auch die Subversivität der Musik sei verloren. Überall klebten die Plakate gestylter junger Wilder, denen die Plattenmultis ein verwegenes Image verpassten.
Wacker gewettert, alter Mann! Dass Musik die Welt retten werde, konnte Boyd schon ausgangs der Sechziger nicht mehr glauben. Unter der progressiven Oberfläche habe sich immer "allerhand Unappetitliches" versteckt: "Sexismus, Reaktion, Rassismus und Parteiengezänk". Die Gewaltorgie des Festivals von Altamont Ende 1969 raubte vielen den historischen Optimismus. "Charles Manson und die Verwahrlosung von Haight-Ashbury verschärften die Desillusionierung, und bei mir waren die letzten Reste Hoffnung dahin, als Michael Herr in seinem Buch
An die Hölle verraten – Dispatches
aufdeckte, dass amerikanische Kampfpiloten zum Spaß vietnamesische Bauern niedermähten, während auf ihren Cockpitkopfhörern Dylan und Hendrix liefen."
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- Datum 03.11.2007 - 07:35 Uhr
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