Italien Treffen im Hinterzimmer
Der italienischen Justiz ist ein Schlag gegen die Mafia gelungen. Doch die hat ihren Nachwuchs längst gesichert - die Verbindungen zur Politik sind intakt.
Es war viel Liebe im Spiel am Montag, während der Festnahme des Mafiabosses Salvatore Lo Piccolo. Papa, ich liebe dich!, rief ihm sein Sohn Sandro zu, als Polizisten den Boss der Bosse, seinen Sohn und zwei weitere flüchtige Mafiosi in Handschellen abführten. Und als Lo Piccolo am Abend mit seinem Sohn das Polizeipräsidium von Palermo verließ, standen am Straßenrand nicht nur die üblichen Jubel-Palermitaner, die Nieder mit der Mafia! Es lebe die Polizei! riefen, sondern auch engste Verwandte. Darunter der letzte, sich auf freiem Fuß befindliche Sohn Claudio, der seinem Vater und seinem Bruder Kusshände zuwarf. Sandro Lo Piccolo erwiderte sie: Er tupfte Küsse auf seine Fingerspitzen und warf seinem Bruder einen langen und triumphierenden Blick zu, bis die Polizisten ihn in den Wagen drückten.
Bis Montag galt der 65-jährige Salvatore Lo Piccolo als Nummer zwei der Cosa Nostra. Zusammen mit dem immer noch flüchtigen Boss Matteo Messina Denaro hatte er nach der Festnahme des legendären Mafiabosses Bernardo Provenzano die Cosa Nostra in einer Art Doppelherrschaft geführt, eine Führung, die in den Morgenstunden des 5. Novembers ein jähes Ende fand, als die Fahnder des mobilen Einsatzkommandos Salvatore Lo Piccolo, den 32-jährigen Sandro und die zwei weiteren Mafiosi festnahmen. Entscheidend für die Festnahme war die Aussage eines Abtrünnigen: Francesco Franzese, Ex-Gewerkschafter der Schiffswerft von Palermo, auch Rolex genannt, weil er 15 dieser Uhren sein eigen nannte. Bevor Lo Piccolo verhaftet wurde, waren alle Verwandten Franzeses an einen, wie es in Polizeikreisen heißt, unbekannten Ort gebracht worden. Das bedeutet, dass sie ihre Identität nie mehr preisgeben können. Bis zu ihrem Tod.
Dann war es soweit: Lo Piccolo hatte sich in Carini, nur 40 Kilometer von Palermo entfernt, mit seinen Vertrauensleuten zu einer geschäftlichen Besprechung getroffen. Der Konferenzsaal befand sich in einem unscheinbaren Einfamilienhaus inmitten von Rebenfeldern und Kaktusfeigen. Das Haus gehört einem Mann, von dem seine Nachbarn sagen, er sei ohne Fehl und Tadel.
Als die Fahnder den Mafia-Boss verhafteten, fanden sie nicht nur einen Sack mit acht Pistolen bei ihm, eine davon mit Schalldämpfer, sondern auch mehrere Rolex Daytona, das Lieblingsmodell der Mafia. Die Besprechung hatte ein jähes Ende gefunden, als vierzig Beamte das Haus umstellt und Warnschüsse abgegeben hatten, um die Mafiosi zur Aufgabe zu zwingen. Der wegen Mordes bereits zu lebenslänglich verurteilte Sandro war der erste, der das Haus mit erhobenen Händen verließ. Lo Piccolo selbst hatte noch versucht, die pizzini , die er bei sich trug, ins Klosett zu spülen: jene Zettelchen, mithilfe derer die Mafiosi in diesen belauschten Zeiten kommunizieren. Doch er schaffte es nicht mehr, noch die Spülung zu betätigen.
Dennoch wird Lo Piccolo erleichtert gewesen sein, dass es nur die Polizei war, die ihm aufgelauert hatte und nicht jener Killer, der von seinen Gegnern schon seit Monaten auf ihn angesetzt war. Lo Piccolo hatte sich mit seiner Amerika-Allianz unbeliebt gemacht. Er hatte dafür gesorgt, dass die Familie Inzerillo, eine in den achtziger Jahren nach Amerika geflüchtete Mafiafamilie, wieder nach Palermo zurückkehren konnte. Lo Piccolo wollte den Drogenhandel nicht länger allein der kalabresischen N'Drangheta und der neapolitanischen Camorra überlassen und hatte mit seiner Amerika-Verbindung an jene glanzvollen Zeiten Mitte der achtziger Jahre anknüpfen wollen, als Sizilien dank der Allianz mit den amerikanischen Cousins zum Drehkreuz des internationalen Heroin- und Kokainhandels aufgestiegen war. Doch die Rückholaktion brachte die Verbündeten von Totò Riina gegen Lo Piccolo auf, jenes inhaftierten Mafiabosses, der einst genau jene Familie Inzerillo während eines blutigen Mafiakriegs auszurotten versucht hatte.
Das ist die eine Geschichte. Doch es steht fest, dass sich mit der Festnahme von Salvatore Lo Piccolo nichts Wesentliches ändern wird. Allein in Sizilien warten 5000 Mafiosi auf ihren Einsatz, allzeit bereite, junge aufstrebende Männer, die davon träumen, ehrfürchtige Blicke zu spüren und das Gewicht einer Rolex Daytona am Arm. Wir können hundert Jahre lang so weitermachen, heißt es unter jenen sizilianischen Staatsanwälten, die es noch wagen, die Wahrheit auszusprechen: Dass jeder noch so erfolgreiche Schlag gegen die Mafia folgenlos bleiben wird solange er rein polizeilicher Natur ist und die Verbindungen zwischen Mafia und Politik unangetastet lässt. Dieses Problem zu benennen, erfordert um so mehr Mut, als der Justizminister höchstpersönlich dafür sorgt, dass Staatsanwälte abberufen werden, sobald sie gegen italienische Politiker ermitteln. Zuletzt geschehen im Fall des kalabrischen Staatsanwaltes De Magistris, der sich erkühnt hatte, wegen Veruntreuung von EU-Geldern nicht nur gegen einige Freunde des Justizministers Mastella, sondern auch gegen den Ministerpräsidenten Prodi selbst zu ermitteln.
Die Justiz klein zu halten gehörte offenbar nicht nur unter Berlusconi zu den Gepflogenheiten italienischer Regierungen. Erst in den vergangenen Tagen war es ausgerechnet in der linksliberalen Zeitung Repubblica zu einer kuriosen, weil scheinbar aus dem Nichts auftauchenden Polemik gegenüber Palermos Antimafia-Pool gekommen. Im Wesentlichen gipfelte die Kampagne in einer Kritik an jenen Staatsanwälten, die es gewagt hatten, Prozesse gegen die politischen Drahtzieher der Mafia zu führen, Staatsanwälte, die jetzt ebenfalls dafür sorgten, dass der sizilianische Ministerpräsident Totò Cuffaro nicht länger lediglich wegen Begünstigung der Mafia angeklagt wird, sondern wegen Unterstützung einer mafiosen Vereinigung. Der Unterschied liegt nicht nur im Wortlaut, sondern vor allem auch im Strafmaß.
Aufmerksame Beobachter werteten die Polemik der Repubblica als Versuch des linken Regierungslagers, sich gegenüber der christdemokratischen Splitterpartei UDEUR als kompromissbereit zu empfehlen, jener Partei, die von Justizminister Mastella geführt wird und die bei den nächsten Wahlen das Zünglein an der Waage spielen könnte.
Auch vor diesem Hintergrund legten Palermos Staatsanwälte Wert darauf, zu betonen, dass die Festnahme von Salvatore Lo Piccolo ein gemeinsamer Erfolg aller Anti-Mafia-Kämpfer sei, die, wie Chefermittler Francesco Messineo unterstrich, wie zu Zeiten der ermordeten Juristen Giovanni Falcone und Paolo Borsellino wieder dazu übergegangen seien, alle Informationen im Anti-Mafia-Pool frei zirkulieren zu lassen und nicht nur einigen wenigen Auserwählten zu überlassen.
Und die italienischen Politiker? Die feierten die Festnahme von Salvatore Lo Piccolo als harten Schlag gegen die Mafia, als Erfolg der ehrlichen Bürger. Nur Luigi Li Gotti, Staatssekretär im Justizministerium und legendärer Verteidiger abtrünniger Mafiosi, war unerschrocken genug, die Lobeshymnen der Politiker als schizophren zu bezeichnen: Für gewöhnlich würden die Politiker die Mafiaverwicklungen in ihren eigenen Reihen nicht nur dulden, sondern auch mit dem abstrusen Argument rechtfertigten, sie seien eine Antwort auf das Verlangen der sizilianischen Gesellschaft nach Mafia.
Darüber, dass sich der sizilianische Ministerpräsident Totò Cuffaro in einem Hinterzimmer eines Wäschegeschäfts mit einem Mafioso zum Gespräch traf, entrüstet sich in Rom schon lange niemand mehr. Das ist die andere Geschichte.
- Datum 10.11.2007 - 06:28 Uhr
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