New York Kolumne Lichter der Großstadt
New York feiert die deutsche Hauptstadt: Über das Festival "Berlin in Lights" in der Carnegie Hall schreibt
„Die amerikanischen Schauspieler mieten Wohnungen in Berlin, und die deutschen Regisseure ziehen nach Amerika“, stellte David Denby fest, der Filmrezensent des New Yorker. Und nicht nur die Regisseure: Halb Berlin tummelt sich gerade hier. Das liegt daran, dass die Carnegie Hall, das Konzerthaus an der Seventh Avenue, „Berlin in Lights“ feiert (http://www.carnegiehall.org/berlininlights/), ein buntes, wochenlanges Spektakel mit Musik, Ausstellungen, Theater und Filmen. Daniel Kehlmann ist in New York, Peter Schneider, Daniel Libeskind, Jeffrey Eugenides und Simon Rattle.
Denby hat am Samstag Florian Henckel von Donnersmarck und Volker Schlöndorff befragt, im Kurt-Weill-Saal der Carnegie Hall. Donnersmarck lebt in Los Angeles, weil er die Filmszene dort liebt, und Schlöndorff ist New-York-Fan. New York, sagt Schlöndorff, sei wie Berlin vor den Nazis und vor dem Bombardement. Es sei eine europäische Stadt, europäischer als das Europa von heute. New York, die Stadt, nach der Fritz Lang Metropolis modelliert hat, der Film, nach dem George Lucas Star Wars modelliert hat. Und die drei neuen Episoden von Star Wars erinnern an das New York von heute: Während das Imperium dabei ist, die Galaxis zu erobern, sitzen die Rebellen in Sälen mit Theaterbestuhlung und debattieren stundenlang, wie es weitergehen soll.
Berlin vergleicht sich gerne mit New York, und seit George W. Bush am Ruder ist, vergleicht sich New York auch gerne mit Berlin. Bloß, welches Berlin? Amerikaner tendieren dazu, ein Narrativ von einer fernen Kultur zu kreieren, damit sie integrierbar wird ins eigene Leben. Ein Flickenteppich aus Anekdoten von Emigranten, Kinofilmen, Talkshowwitzen und Büchern, die ihrerseits Filme generieren, die ebenfalls dem Muster von Anfang, Höhepunkt und Happy End folgen. Die Dreigroschenoper gehört zu diesem Berlin, Lotte Lenya, Liza Minelli. Das Eröffnungskonzert von Max Raabe und seinem Palastorchester, Lieder aus dem Berlin und Wien der zwanziger Jahre, die ihm stehende Ovationen und mehrere Zugaben einbrachten, repräsentiert dieses Berlin perfekt.
Und es gibt das andere Narrativ, das düstere: die Nazis, die Mauer. Aber beide Berlins sind weit weg, und es dauert ein bisschen, bis die Updates in kleinen Datenpaketen ankommen. New York ist gerade an dem Punkt angelangt, wo die Mauer gefallen ist. Das alte Berlin waren die Nazis in Knobelbechern, das Schlöndorff repräsentiert, der Regisseur der Blechtrommel (ja, die Blechtrommel spielt in Danzig, aber das sind von New York aus gesehen Details). Das neue Berlin ist das von Florian Henckel von Donnersmarck, der mit dem Leben der Anderen in Amerika einen Nerv getroffen hat. „Weil die Leute hier glauben, Bush belausche ihre Telefongespräche“, sagt er.
Schlöndorff ist noch im Nachhall des Dritten Reiches aufgewachsen. Aus der deutschen Sprache kennen Amerikaner nur „Achtung!“ und „Schweinehund!“, erzählt er. Und, leicht amüsiert: Er habe früher versucht, sich anzupassen, damit keiner merke, dass er Deutscher sei, habe dann aber gemerkt, dass gerade dies typisch deutsch sei. Donnersmarck hingegen ist ein Vertreter der Generation Global. Er sagt, es gebe eigentlich nur Filme, die deutsche Themen aufgreifen — so wie Valkyre mit Tom Cruise oder Schindler‘s List — nicht aber den deutschen Film als Genre.
Damit trifft er leider nicht die Stimmung des Publikums, denn das verehrt nun gerade den deutschen Film, das Genre. Fassbinder! Wim Wenders! Himmel über Berlin ! Lola rennt ! Ob es denn auch ein kommerzielles deutsches Kino gebe, will Denby irgendwann wissen. Ja, sagt Schlöndorff, es sei sogar sehr erfolgreich, „Sexy Comedies“, aber es sei schlecht und seicht. Der Name Bully Herbig fällt nicht, und hier wüsste auch gar keiner, wer das ist.
Ganz lässt einen das alte Berlin in New York nicht los. An der New York University wird ein Buch über Leni Riefenstahl vorgestellt. Und im MoMA läuft eine deutsche Filmreihe. Der Eröffnungsfilm war Am Ende kommen Touristen , der im Auschwitz von heute spielt. Den Film habe ich verpasst wegen einer Diskussionsrunde von Journalisten, die im Irak waren, aber danach gab es einen Empfang in einem Hotel im Theaterdistrikt, direkt neben dem Pool. Mit Shrimps und Champagner aus Plastikgläsern. Das ist Vorschrift, wegen dem Pool. Verletzungsgefahr. Ich notiere auf einem mentalen Post-it in meinem Kopf nachzuforschen, ob es möglich ist, sich am Pool als Hotelgast auszugeben. So ungefähr wie Samantha in Sex and the City , die in einer Episode unter falschen Namen auf dem Dach des SoHo House plantscht. In New York muss man sehen, wo man bleibt. Draußen ist es kalt. Aber wärmer als Berlin.
Derweil freuen sich die Amerikaner in Berlin über ihre großen Wohnungen. „New Yorker, die hier leben, sagen gerne, dass Berlin sie an New York in den siebziger Jahren erinnert“, schrieb die Exil-New-Yorkerin Anna Winger neulich in der New York Times . „Aber eigentlich meinen sie, dass Berlin sie an Woody-Allen-Filme erinnert, die im New York der siebziger Jahre spielen.“ Vielleicht ist ja auch New York bloß ein Narrativ.
- Datum 05.11.2007 - 08:22 Uhr
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