Wettbewerb

Nadelöhr zum Erfolg

In Berlin findet jedes Jahr der Literaturwettstreit Open Mike statt. 21 Autoren kämpfen um einen Preis. Kathrin Schadt hat den Schriftsteller Simon Urban begleitet

"Hier beginnen Schriftstellerkarrieren - oder sie enden schon, bevor es richtig losgehen konnte", lautet der letzte Satz des Klappentextes der Anthologie zum 15. Open Mike in Berlin. Er wird von den eingeladenen Teilnehmern mit nervösem Lächeln quittiert. Sie alle hatten zuvor ihre Manuskripte eingesendet, womit sie Teil des dreistufigen Wettbewerbs wurden. Zunächst wählten sechs renommierte Verlagslektoren die 21 Autoren für den Endausscheid. Dieser wurde am vergangenen Wochenende in Form öffentlicher Lesungen ausgetragen, jeder Teilnehmer hatte genau 15 Minuten Lesezeit zur Verfügung, die durch das Klingeln eines Weckers beendet wurden. Die Preisverleihung ist die letzte Stufe. Erstmalig wurde in diesem Jahr ein Preis für Lyrik vergeben, zwei für Prosa, die Gesamthöhe der Preisgelder beträgt 4500 Euro.

Der Schriftsteller und Werbetexter Simon Urban wurde aus 660 Einsendungen aus dem deutschsprachigen Raum unter die 21 Kandidaten gewählt, die in Berlin vortragen dürfen. Er ist Anfang dreißig und lebt in Hamburg und Leipzig. Mehrere Preise konnte er bislang gewinnen, unter anderem den Literaturförderpreis Ruhrgebiet und den Limburg-Literaturpreis der Stadt Bad Dürkheim. Nun hofft er auf einen Preis, wie ihn hier bereits Kathrin Röggla, Jochen Schmidt oder Jörg Albrecht gewonnen haben.

Samstag 3. November 2007 / 11:15 Uhr

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ZEIT online: Ihre eingereichte Kurzgeschichte hat den längsten Titel: Immerhin habe ihr Onkel durch seine Flucht in die DDR jetzt ein eigenes Denkmal, sagte Jana Schramm . Wovon handelt der Text?

Simon Urban: Soweit ich das beurteilen kann, ist der Text eine politische Satire. Er beschreibt die Flucht eines Kapitalisten, der am Kommunismus verdient hat, in die DDR. Diese Flucht ist ein PR-Coup, der den Sozialismus vor dem Untergang retten soll.

ZEIT online: Sind politische Themen, wie in dieser Geschichte, immer Grundlage Ihrer Texte?

Urban: So oft, dass ich mir schon Sorgen mache. Ich muss die DDR jetzt langsam auch mal für mich untergehen lassen. Es wird nur immer schwerer, in Europa so fantasievolle Tyranneien zu finden.

ZEIT online: Was hat Ihnen der Open Mike bis jetzt gebracht?

Urban: Respekt vor dem Wettbewerb - es wird im Vorfeld doch ganz schön viel darüber geredet. Und natürlich die Vorfreude, dabei zu sein.

Samstag 3. November 2007 / 12:15 Uhr

Berlin, Prenzlauer Berg. Simon Urban, weißes Hemd, hellbraunes Cordjackett, schwarze Haare, Dreitagebart, geht neben mir und telefoniert mit Tina Gintrowski. "Wo bist Du denn?", keiner weiß, wo genau die Wabe ist, der Ort, an dem der 15. Open Mike stattfinden wird. Die letzten Weghinweise werden ausgetauscht, bevor sich Simon und Tina auf der Danziger Straße begrüßen. Beide sind sichtlich aufgeregt. In der Wabe angekommen, sitzen und rauchen dort andere Teilnehmer, es ist ein reges Kommen und Gehen, ein allgemeines gegenseitiges Vorstellen und Kennenlernen, Radiointerviews werden gegeben, auf der Bühne findet schüchternes Probesitzen statt. Manche sind versucht ihre Nervosität mittels Zeitung oder Anthologie fortzulesen. "War ein Fehler mitzumachen", sagt Tina Gintrowski. Ein Blick in die Anthologie und sie habe das Gefühl, dass jeder Satz der anderen grandios sei.

Alle zählen die Minuten bis dreizehn Uhr, Zeitpunkt der Auslosung für die Reihenfolge der Lesungen. Die Spannung im Vorraum der Wabe kann fast mit den Fingerspitzen berührt werden. "Warum macht man das eigentlich mit?" (Simon Urban) "Weil man nicht damit rechnet, dass es klappt." (Tina Gintrowski). Nervöses Lachen.

ZEIT online: Simon, ein Wort zu den anderen Teilnehmern: Konkurrenz oder Kollegen?

Urban: Der Wettbewerb ist eine freundliche Angelegenheit. Natürlich befindet man sich in einer Konkurrenzsituation, aber es ist eine harmonische Konkurrenzsituation.

ZEIT online: Was hat Ihnen der Open Mike bis jetzt gebracht?

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    • Von Kathrin Schadt
    • Datum 8.11.2007 - 08:15 Uhr
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