Rechtsextremismus Was kostet die braune Gewalt?
Fremdenfeindliche Überfälle schaden dem Fremdenverkehr. Der Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern hat erstmals die Einbußen ermittelt, weil Gäste wegbleiben: mehr als 100 Millionen Euro pro Jahr
„Touristen willkommen – Asylbetrüger raus“, schrieb die NPD vor einem Jahr im Landtagswahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern auf ihre Plakate. Solch feinsinnige Unterscheidungen in gute Fremde und böse Fremde machen die braunen Straßenschläger im Land nicht. Und auch viele potenzielle Urlauber fühlen sich von regelmäßigen rassistischen Angriffen in Ostdeutschland alles andere als angezogen. Dass Rechtsextremismus dem Ansehen der Region und der Wirtschaft schade, ist deshalb eine stete Klage von Ost-Landesvätern und dortigen Standortmanagern.
„Urlauberrekord nach NPD-Wahlerfolg in M-V“, konterten die Rechtsextremisten vor ein paar Wochen in einer Presseerklärung. Im Jahr 2006 habe es an der Ostsee so viele Übernachtungen gegeben wie nie zuvor – nicht trotz, sondern „vielleicht“ gerade wegen des Einzugs der NPD in den Schweriner Landtag, höhnten die Rechtsextremisten. Womöglich hätten „einige Urlauber Wert auf die politische Landschaft“ gelegt.
Doch beim Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern gehen immer mal wieder Beschwerden von Urlaubern ein. Reisende aus Westdeutschland berichteten irritiert, vor ihrem Hotel habe eine Flagge in den Farben des Deutschen Reiches gehangen. Anderen Besuchern fiel auf, dass an einer Fischbude in Vorpommern ein junger Mann mit Nazi-Tätowierungen am Unterarm servierte.
Der Verband gab daraufhin eine repräsentative Umfrage in Auftrag, bundesweit wurden 1000 Erwachsene nach ihren Reiseentscheidungen befragt. Das Ergebnis stellte Verbandspräsidentin Sylvia Bretschneider, im Hauptberuf Präsidentin des Schweriner Landtags, jetzt in Rostock vor: Sieben Prozent der Befragten haben demnach in den vergangenen Jahren eine Reise nach Mecklenburg-Vorpommern abgesagt, weil es dort rechtsextremistische Überfälle und Wahlerfolge gab. Wohlgemerkt, sie drohten nicht nur mit der Absage einer Reise oder überlegten, es zu tun, sondern sagten, sie hätten es bereits getan.
Sieben Prozent mag wenig klingen. Doch wegen der überragendenden Bedeutung des Tourismus an der Ostseeküste bedeutet das gewaltige Summen an verlorenen Einnahmen für das strukturschwache Land. Bei fast sechs Millionen Gästen aus Deutschland im Jahr 2006, so eine überschlägige Rechnung des Verbandes, und einer durchschnittlichen Aufenthaltsdauer von gut vier Tagen sowie täglichen Ausgaben von 65 Euro pro Gast ergäben sich Umsatzeinbußen von weit mehr als 100 Millionen Euro – allein für 2006.
„Es ist unseres Wissens die erste Umfrage dieser Art“, sagt Bernd Fischer, der Geschäftsführer des Tourismusverbands. Er betont, dass man nicht suggestiv gefragt habe und auch nicht allein nach Rechtsextremismus. Etwa doppelt so viele Befragte sagten beispielsweise, sie hätten eine geplante Auslandsreise abgesagt wegen Terroranschlägen oder Naturkatastrophen, etwa des Tsunamis in Ostasien.
- Datum 07.11.2007 - 08:49 Uhr
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