Schill „Altona ist gefährlicher als Rio“

Ronald Schill, Hamburgs früherer Innensenator, ist wieder da – und kokettiert mit einem politischen Comeback. Zum Auftakt greift er vor einem Untersuchungsausschuss die CDU an.

„Wer bitte schön ist denn schuld daran, dass es so viele kriminelle Jugendliche gibt?“ Ronald Barnabas Schill schaut erwartungsvoll in die Runde. Er kennt die Antwort: „Sozialpädagogen und sonstige ideologisch verblendete Gutmenschen!“ Kinder, die auf die schiefe Bahn geraten, dürfe man „nicht mit Erlebnispädagogik betüddeln“, sagt Schill, sondern sie gehörten in eine geschlossene Anstalt. „Tür zu – und gut.“ Die Obfrau der Grünen schaut ungläubig, fast ein bisschen angewidert. Auf weitere Fragen verzichtet sie.

Da ist er wieder: „Richter Gnadenlos“ ist zurück. Ronald Schill, in den neunziger Jahren ein für seine drakonische Strafen berüchtigter Strafrichter an einem Hamburger Amtsgericht, war von 2001 bis 2003 Innensenator der Hansestadt. Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust (CDU) feuerte ihn 2003, weil Schill gedroht hatte, Details über dessen Homosexualität publik zu machen. Die folgenden vier Jahre verbrachte Schill in Brasilien. Ab und zu tauchten während dieser Zeit Schnappschüsse von ihm in der Boulevardpresse auf, die Touristen gemacht hatten und ihn in Bermudashorts zeigten. Ansonsten war es angenehm ruhig um ihn und auch um seine rechtspopulistische Partei Pro DM/Schill.

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Vor zwei Wochen beendete Schill dann sein brasilianisches Exil, was auch ganz profane Gründe hatte: Er musste seinen Reisepass verlängern und wollte einen deutschen Zahnarzt aufsuchen. Außerdem, das ist weniger profan, war Schill bundesweit zur Fahndung ausgeschrieben. Der Grund: Er sollte vor einem Untersuchungsausschuss der Hamburger Bürgerschaft als Zeuge aussagen, war aber in Lateinamerika für deutsche Behörden nicht aufzutreiben. Nun, da Schill wieder deutschen Boden betrat, drängten die Oppositionsparteien SPD und GAL darauf, ihn vorzuladen, obwohl der Untersuchungsausschuss seine Arbeit bereits abgeschlossen hatte und sein Bericht dem Parlament vorliegt. SPD-Obmann Thomas Böwer sagt: „Wir haben doch nicht mehr als ein Jahr weltweit nach Schill gefahndet, um ihn uns durch die Lappen gehen zu lassen, wenn er in Itzehoe ist.“

Der regierenden CDU passte der Auftritt Schills rund drei Monate vor der Bürgerschaftswahl weniger. Als „politischen Klamauk“, bezeichnete ihr Ausschussvorsitzender Manfred Jäger die Vorladung Schills. Die CDU hatte gehofft, mit einem Abschlussbericht in der kommenden Woche das Thema politisch endgültig abhaken zu können. Doch nun tauchte unversehens der frühere, inzwischen längst auch der CDU peinlich gewordene Koalitionspartner auf – und belastete die christdemokratische Sozialsenatorin und frühere Regierungskollegin schwer.

Worum geht es? Auf Schills Initiative beschloss der Hamburger Senat kurz nach seiner Wahl im Jahr 2001, ein geschlossenes Jugendheim zu gründen. Es gebe in der Stadt etwa 150 gemeingefährliche „tickende Zeitbomben“ unter 14 Jahren, die weggesperrt gehörten, so lautete eine wesentliche Forderung von Schills Wahlkampfprogramm. Durchgeknallte Jugendliche erreiche man nicht mit Kuschelpädagogik, so sein Credo bis heute. Zuständig für den von Kirchen und Sozialverbänden scharf kritisierten „Kinderknast“ war damals aber eben nicht der Innensenator Schill, sondern Sozialsenatorin Birgit Schnieber-Jastram (CDU).

In dem Heim ging einiges schief: Private Sicherheitsdienste kamen zum Einsatz; Männer, die sonst in der U-Bahn patrouillieren, sollten sich um Hamburgs missratenste Kinder kümmern. Den jugendlichen Straftätern wurden Psychopharmaka verabreicht. Obwohl er gar nicht auf der Anklagebank sitzt, versteht Schill die Aufregung nicht. Die Psychopharmaka seien doch „zugunsten der Jugendlichen“ verabreicht worden. Andernfalls würden sie ständig mit dem Kopf gegen die Wand laufen.

Leser-Kommentare
  1. „Altona ist eigentlich viel gefährlicher als Rio" Seitdem Schill wieder da ist, gilt das wohl - dank dessen Anwesenheit

    • hagego
    • 02.11.2007 um 14:44 Uhr

    Auf den Punkt, wilhelm_eulenspiegel !(Und eines muss ja auch mal gesagt werden: Altona 93 hatte immer schon gute Spieler!)

  2. Was sagt Schill über unsere Gesellschaft aus. Ein Soziopath kann in unserer Gesellschaft Richter und Innensenator werden. Über die Opfer seines Treibens wird weniger geschrieben als über seine perversen Auftritte. Was sagt dies über die Journalisten aus.Anscheinend ist die Skrupellosigkeit ein primäres chrakterliches Attribut, das für das Weiterkommen im gegenwärtigen System erforderlich ist. Auch Mengele sah sich als Wohltäter.Dieser Schill gehört weggesperrt, so wie er es für andere fordert. Die tägliche Dosis Psychopharmaka spendieren wir dann aus der Kostenersparnis, welche uns das Verwahren eines Brandstifters seiner Couleur einbringt. Seine richterliche Tätigkeit muss überprüft werden und die CDU hat eine "Watschen" für ihre Machtgeilheit verdient, Schill als Steigbügelhalter herzuhalten.

  3. Nachruf auf einen Untoten: Du warst uns der Lehrer des Grauens. Wo Du auftauchtest, ward uns stets eine eiskalte Gänsehaut beschert. Keiner trieb so die Massen an mit billigen Verheißungen vom Ruf des Paradies - um stets hernach die gelockte Masse auszusaugen, um durch das Rauben der Freiheit anderer selbst zum Leben aufzuerstehen. Wenn Du uns mit schillernden Kostümen und der Fassade eines errettenden Biedermannes erschienst, konnten wir sicher sein. So sicher, dass wir trunken vom Rausch der Macht, uns wieder getrauten zu Jubeln. Aufstehen und Jubeln, das konnten wir in Deiner Anwesenheit gut. Wie waren wir geblendet, wenn Dein Ruf von Glorie erschall. Und wir kamen alle um Dich zu sehen. Du machtest uns das Grauen, den Horror des Todes, schmackhaft und verhalfst uns, die graue Vergangenheit zu vergessen - um diese bei Deiner Rückkehr endlich wieder auferstehen zu lassen. Wir brüllten Hurra bei Deiner Rückkehr und jeder wollte Dich sehen. So mag ich in diesem Nachruf erinnern an die glorreiche Wiederkehr von Frankensteins Schwarz-Weiß Dracula in Bram-Stokers Technicolor "Dracula"...
    Dir jedoch, lieber Herr Ronald Schill, mag ich sagen, dass der Vorhang für solcherlei politische Eskapadenspieler längst gefallen ist. Die Zeiten der Jubelbilder der Lichtspielhaus-Wochenschau sind vorbei. Gott hab Dank! Diesmal bleibt der Vorhang zu! Darum: Vorhang auf für Stokers "Dracula 2". Es verabschiedet Sie höflichst Ihr
    Sascha-Boris Schlender, Präsident -NGO- Int. Friedenskonferenz, Stadtresidenz http://www.stadtresidenz....

  4. Nun, Schill mag im politischen Abseits stehen. Auf absehbare Zeit ist er mit den großen Parteien nicht koalitionsfähig, weshalb es für ihn keine realistische Machtperspektive gibt.Das hat mittlerweile auch "Ole" verstanden.Aber was will Schill, außer zwangsweise auszusagen?Solch ein Mann hat den neuen Vernebelungstrend doch noch gar nicht begriffen: Statistik-Populismus und ~Polemik.Es geht doch schon lange nicht mehr darum, populistische Behauptungen aufzustellen. Unsere politische Kultur ist einen Schritt weiter, eine Ecke feinsinniger:Wer heute keine Statistik oder Studie an der Hand hat, die er für sich auslegt, findet kaum noch Gehör.Heute blicken wir mit Abscheu auf die Worte Schills. In den Jahren 2001 - 2003 war dies leider nicht immer und überall so.Mit freundlichen Grüßen

    Diemo Schaller

  5. Jeder Artikel über Schill - auch dieser - ist Wasser auf seinen Mühlen. Journalisten haben eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, die sich öfters in Verzicht auf den ein oder anderen Artikel ausdrücken sollte.Wenn auch dieser Artikel eine Reflektion über genau diese Gedanken auslöst und damit eigentlich positiv zu werten ist.

    • PRO
    • 03.11.2007 um 1:17 Uhr

    Ach Leute,

    -Schill haben wir den Parteienwechsel in HH zu verdanken. 

    -Schill war einer der korrektesten Politiker ueberhaupt. 
    Schill stand zu seinem Wort und Mitarbeitern. Schill hat Wellinghausen, einer
    der Fähigsten im Buergermeisterhaus, nicht fallen lassen.

    -Schill hat auch nicht gelogen ueber Oles Verhältnis zu einem Senator.
    Denkt mal scharf nach, warum ist Roger wohl gegangen worden mit einem anschließenden
    Zickenkrieg?

    -Schill wurde von
    allen Zeitungen ins Visier genommen. Warum waren eigentlich
    alle Zeitungen bei Schill einer Meinung. Verbrüderung der MOPO mit dem
    Abendblatt usw., schon erstaunlich bzw. erschreckend.  Der Mann war nicht
    willkommen in der Politik, er war unangenehm fuer all die anderen im Senat. Ein
    Störfaktor der verschwinden musste, da er den Unterschied gemacht hat, zwischen
    einen Senator der selber denkt und einem der pennt.  
    Die Stadt Hamburg hat Probleme.
    Schill spricht Sachen an, die ihr alle einfach nicht aussprechen wollt. Ich
    weiss nicht woran es liegt, ich vermute einfach mal, dass ihr selber auch nicht
    wisst, wie man diese Probleme lösen könnte. Deswegen werden sie lieber erst gar
    nicht angesprochen. Aber ob man sich damit einen Gefallen tut? Ich sage nein!
    Wie kann man den bösen Rechten, fiesen Linken und anderen
    Inselparteien, den Wind aus den Segeln nehmen? -Dies will ich euch gerne
    verraten.
    Der aktuelle Trend der Bundesregierung sich auf Umwelt-/ Klimapolitik zu
    konzentriert zeigt doch wie man den Gruenen jegliche Daseins-Berechtigung
    nehmen kann. Dasselbe kann man auch mit den oben genannten Gruppierungen
    machen.
    Die Basis der Rechtswähler sind keine Faschisten. Es sind Buerger mit
    Problemen. Buerger die zu Recht erwarten, dass ihre Probleme gelöst werden.
    Sicherlich wird man nie einen Problemlosen Staat haben, aber die traditionelle
    Politik mit ihren Medienverbündeten nehmen diese Leute doch gar nicht erst
    wahr.
    Wacht auf und überdenkt mal eure Rangordnung.
    Was bringt den Leuten ein Job, wenn sie Angst haben zum Job zu gehen?(Mein erster Beitrag hier, mag die Zeit eigentlich nicht, aber schreibt mal was)Ciao

    • Anonym
    • 03.11.2007 um 8:51 Uhr

    Liebe Journalisten, eine Bitte an Euch, straft diesen Unhold ab mit Nicht beachtung. Und so ein Taugenichts und Scharlatan war in Hamburg ein Innensenator.

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