Dating Liebe in Zeiten des Internet
Dating – der neue Zeitvertreib kam über uns wie die Informationsflut des Web. Die Folgen machen Sibylle Berg ganz melancholisch
Wie das Licht heute ist! Wie neu. Noch nie so ein Licht gesehen. Noch nie solche Luft geatmet. Sie riecht nach alles neu. Fenster auf und alles tanzt um sie herum. Sie tanzt um sich herum. Musik an. Techno mag sie sonst nicht, ist was für Kinder oder welche, die nicht in Würde altern mögen. Aber heute gibt es nichts, was schneller wäre, und es muss schneller sein als der Herzschlag, damit das Adrenalin weiterfließt. Das rauscht so gut, bis in die Ohren hört sie es donnern und tanzt. Das neue Leben fängt jetzt an, heute an, und sie steht davor wie vor einem Geschenk, auf das sie schon immer gewartet hat. Noch ist das Geschenk verpackt, doch egal was es sein wird, besser wird es sein, als alles was sie kennt.
Ihr altes Leben liegt schon in der Ecke. Zusammen mit dem Badetuch. Es riecht schon, ist schon fremd. Gott, war das fad. War das traurig. Sicher, da waren Freunde gewesen. Freunde sind ja immer da, man kann Freunden alles sagen, kann alles teilen mit ihnen und weiß erst, wenn man jemanden zum Lieben trifft, dass da etwas fehlt. Immer hat im alten Leben etwas gefehlt, nie wusste sie was. Sorgen hatte sie sicher nicht, wer hat die schon, aber dass man existiert und schön ist und nett und alles, ist doch erst wahr, wenn es bei jemanden in den Augen steht. Seit Nächten malt sie sich aus, wie es sein wird, heute, gleich. Mit ihm, auf den sie immer gewartet hat, ohne auf die Uhr zu sehen. Sie zieht sich an, ein Kleid, ein schönes Kleid. Es duftet, sie duftet, die Luft duftet. Das neue Leben wird so schön sein und duften.
Die Zeit vergeht nicht. Es sind noch Stunden, bis sie ihn treffen wird. Er wird das neue Leben dabeihaben, in einem Köfferchen. Sie legt sich auf ihr Bett und nimmt Abschied vom Alleinsein. Da wird jetzt ein Mensch kommen, das weiß sie ganz sicher, und es wird alles anders, besser, weil sie das Leben teilen kann. Dann ist es nicht mehr so viel, so schwer, so eine halbierte Sache.
Jetzt kann sie ruhig eine leisere Musik auflegen, eine Abschiedsmusik für ihr altes Leben. Den kleinen Rucksack packen für das Leben und es losschicken. Es wird weinen, aber darauf kann sie keine Rücksicht nehmen. Wie wird das sein, mit einem Mann die Oma zu besuchen oder sich in der Badewanne zu langweilen? Und nicht mehr alleine aufzuwachen, sich jede Stunde Gedanken machen zu müssen, wie man die Stunde nutzt, und alles alleine zu entscheiden? Welche Kraft das braucht. Zu fragen, wie geht es dir. Seinen Kopf zu halten, wenn er traurig ist. Sie fängt an zu weinen, vor Freude, über den Kopf, vielleicht ist sogar der Körper noch dran. Und fast ist es zu spät, sie darf doch nicht rennen, dann rennt sie los.
Sie ist zu früh, natürlich ist sie zu früh. Das Restaurant ist leer. Sie ist wie nicht da, in diesem Restaurant, ihre Hände zittern und rauchen, so viel reingeht. Einen Kaffee und noch einen, wie ist sie nervös, aber es wird gut werden, wenn er kommt. Er wird sie mit einem Wort ruhig machen und sie werden sich nie mehr trennen, so viel ist sicher. Eine Uhr hat sie nicht, aber er muss gleich kommen. Das Restaurant wird voll und sie lächelt vor sich hin und hin. Bis das Lächeln ganz steif in ihrem Gesicht sitzt, wie festgeschraubt, und das Restaurant ist voll, mit allen außer ihr.
Nach dem zehnten Kaffee ist es klar. Warum sie aufsteht, sich bewegt, wüsste sie nicht zu sagen. Sie geht aus dem Restaurant, die Nacht draußen riecht wie immer. Eine Amsel schreit um ihr Leben. Um das Leben, das neue, das es nicht gibt, nie geben wird, schreit die Amsel. Und sie geht die Straße entlang, zurück in ihr Leben.
Das ist schon in Ordnung, doch wie sie morgen aufstehen soll, weiß sie nicht.
- Datum 05.02.2009 - 17:04 Uhr
- Quelle ZEIT online
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Den Begriff "Dating" habe ich mal gegoogelt, um zu verstehen, worüber Frau Berg da so schreibt. Ein Google Treffer : "Dating mit dem mehrfachen Testsieger." Wow!! Verbirgt sich dahinter evtl. der Mann mit den erfogreichsten ?..ja was denn??Nach Durchlesen weiterer Einträge zum Thema Dating war klar, es handelt sich um ein erstes Treffen mit einem Unbekannten, den man eben halt via Internet "gefunden" hat. Früher waren das Treffen mit Unbekannten die man über Chiffreanzeigen "akquirierte".Eine Frau, die allerdings vor dem ersten Treffen mit einem Unbekannten geistig bereits das Leben zu zweit mit diesem Unbekannten träumt, innerlich mit ihrem unzufriedenenDasein als Single abgeschlossen hat und dann enttäuscht ist, wenn der nicht mal erscheint, tieftraurig nach Hause geht um zu trauern, ist lediglich ein Opfer. Ein Opfer ihrer eigenen Phantasie. Aber wenigstens das hat Frau Berg sehr einfühlsam erzählt.
Kompliment.Klar, schnörkellos und doch sinnlich haben Sie dem Leser das Gefühlsleben einer hoffenden und einsamen Frau offenbart.Einer Frau, die neue Möglichkeit geträumt und herbeigesehnt hat - und dann diese Enttäuschung!Als müssten noch Jahre vergehen bis zur nächsten Hoffnung.Die Vorbereitung auf das Rendezvous (Date klingt hier so nüchtern, wie eine Resopal-Küche) hat so ein bisschen was vom Fliegen.Ticket kaufen, Einchecken, Einsteigen. Starten und Abheben.In dem Augenblick wo die Seele realisiert, dass sie fliegt, stürzt sie auch schon ab.Wird jetzt noch alles gut?--- Optimisten leben leichter.
Pessimisten länger.
Das ist mal ausgleichende Gerechtigkeit.
jemand ist zu nem date versetzt worden - na oje wie schlimm - shit happensmE völlig überflüssiger und zudem nervig geschriebener text
Die Autorin versteht es, was jeder von uns kennt, in Kurzform zu präsentieren. Hoffnung, Sehnsucht, Warten, Enttäuschung, Tristesse, Einsamkeit. Ob daten, einkaufen gehen, von Freunden nicht verstanden werden, Kinder aus dem Haus gehen zu sehen, sich mit sich selbst auseinandersetzen zu müssen- daran kommt keiner vorbei, der ein komplexes Leben leben möchte. Ist doch gut so!
...soziologie statt sex. armut statt reichtum. kaffee statt essen. erfinden statt erleben. schreiben statt chatten oder bloggen. natur statt leben. immer diese unanfechtbarkeit der natur. natur: das neue opium für's volk.
ich war im garten, als der computer piepste und die putzfrau nicht kam. früh fügt sich in den kulturpessimismus, was keine putzfrau werden will, sozusagen.
das erstaunliche an dem text ist, dass die autorin höchstwahrscheinlich nie in einem chat war, der ja die unabdingbare voraussetzung für diese form von dating ist. dann würde sich nämlich der klassenschock, das heisst die körperliche wahrnehmung des soziologischen aspekts durch tippen, sich ausdrücken, dass es sowas gibt wie klasse, in den text übertragen.
die lächerlichkeit der enttäuschung läge bereits hinter ihr, hätte sie je gechattet.
das ist schade. aber es ist durchaus üblich geworden über das internet zu schreiben. ohne auch nur die geringste ahnung zu signalisieren. normal bedient, sagt sich der internetfreundliche leser und unterdrückt ein gähnen.
daraus folgert, dass, würde man sich mit der autorin verabreden, sie nicht erscheinen würde.
sie würde einen die unbewusste verachtung für sex und liebe und leben und leichtigkeit spüren lassen, die im text schon angelegt ist. da chat vor allem werbung für sich selbst ist, also im besten fall bewusster zynismus, würde man sich auch nur mit der autorin verabreden, wenn man auf diese form der verachtung steht. freiwillige vor!
aber ich denke, wir müssen uns keine sorgen machen. solange es kellner für die eigene bedienungshaltung gibt, die den kaffee bringen, den man auch bezahlen kann, muss man morgens auch nicht wissen, warum man aufsteht.
nur: was denkt der kellner? das wäre mal ne geschichte wert. denn er hätte sicher viel, möglicherweise mehr, zu erzählen!
Das Chatten ist doch Vorwand und bestenfalls verkürzter Anlass. Es geht um die alten Sehsüchte nach persönlicher Metamorphose mithilfe des Nachlebens romantischer Glücksvorstellungen, die in Zeiten des Internets noch schriller auf eine im Kern unemotionale Krämerwelt prallen.
@lindejung...chatten ist erstmal schreiben. schreiben ist immer ein vorwand. am besten, um jemand kennenzulernen. da schreiben in der regel einsam ist, neigt man zum erzählen. das ist schön. weil es eine entscheidung beinhaltet. das heisst, man übernimmt verantwortung für das geschriebene.
das ist erstmal schon ziemlich viel. in einer welt, die vor verantwortungslosigkeit nur so strotzt. das haben sie gesagt! ich? nein. ich habe nur drum rum geredet, um auf meinem stuhl zu bleiben. ach so. dann ist ja alles okay. sie sind einer von uns. wir sehen uns im meeting.
geschönt allerdings ist der ausdruck 'eine im kern unemotionale krämerwelt'. natürlich ist es noch viel schrecklicher. es muss 'industrie ohne moral' heissen.
und ein chat ist ein flirt. der versuch, ein mensch zu werden. insofern könnte man der autorin fast gratulieren. immerhin stellt sich die frage am ende, warum soll man am morgen aufstehen?
ich würde sagen, das ist ein anfang. dem internet sei dank!
...kann man Alles schlecht finden.Aber vergessen wir bitte nicht, dass Unwissenheit die Grundlage für die interessantesten Debatten ist.Ja, ist denn im kleinbuchstabenlektorat das Zeitalter der Konjunktivitis in der zeitgemäßen nörgelden intellektuellen Diffusibilität von sich ausschließenden Querverweisen angebrochen?höchstwahrscheinlichwürdehättelägekönntesolltewürde würde würde...Die Würde des Menschen ist doch unantastbar.Oder doch bloß der Konjunktiv?Das Würde gehen.Zumindest im Präsens.Also noanswer - Was ist jetzt mit der Geschichte des Kellners?---Optimisten leben leichter.
Pessimisten länger.
Das ist mal ausgleichende Gerechtigkeit.
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