Jazz Balsamessig für die Ohren

Cecil Taylor und Anthony Braxton – zwei große Musiker aus Amerika sollten in Italien erstmals im Duo spielen. Als es fast so weit war, kamen die Veranstalter tüchtig ins Schwitzen

Der New Yorker Pianist Cecil Taylor ist eine Urgestalt des freien Jazz. Die Auftritte des 78-Jährigen sind so rar wie die Ornette Colemans. Nun kam er im Oktober zu gleich drei Konzerten nach Italien auf das Angelica-Festival in der Emilia Romagna. Ein gemeinsamer Auftritt des Cecil Taylor Trios mit dem Saxofonisten und Komponisten Anthony Braxton im Juni dieses Jahres in der Londoner Royal Albert Hall war vom Publikum enthusiastisch aufgenommen worden, von der Kritik weniger.

Teatro Comunale di Modena, 11. Oktober
Der Tod Pavarottis liegt einen guten Monat zurück. Die Diskussion um sein Erbe ist in vollem Gange. Im Straßenbild seiner Heimatstadt ist der Tenor omnipräsent. In vielen Auslagen der Geschäfte findet sich sein Bild neben einem Ferrari-Modell und dem berühmten Essig. Aus einem historischen Gebäude an der Piazza Roma schallt Marschmusik. Junge italienische Soldaten exerzieren, üben die Paradeschritte und den Blick gerade zu halten. Eine Soldatin wirkt noch etwas unsicher und bekommt etwas abseits eine Speziallektion durch einen Offizier. Der Espresso am Platz ist für einen Euro zu haben. Beim Brunnen lümmeln einige als Priester verkleidete junge Männer und warten auf ihren Einsatz bei den Dreharbeiten zu Don Zeno . Der Film wird das bewegte Leben eines anderen Sohnes der Stadt zeigen. Elegant gekleidete Menschen ziehen beschwingt durch die Straßen. Am Corso Canalgrande liegt das Teatro Comunale. Es ist dezent in die Häuserreihen integriert. Ein einfaches Plakat kündet «fuori abbonamento» das Duo Cecil Taylor mit dem englischen Schlagzeuger Tony Oxley an.

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Einige Häuser weiter, im Palazzo Santa Margherita, werden in einer Ausstellung Bilder und Skulpturen von Mimmo Paladino gezeigt, der in der Stadt die «Disegni Ritrovati 1982–2004» zurückgelassen hat. Sein von ihm vergangenes Jahr produzierter Film Quijote , mit Lucio Dalla in der Rolle des Sancho Panza, wird gezeigt. Der Roman von Miguel de Cervantes aus dem 17. Jahrhundert wird recht frei interpretiert. Als Cecil Taylor am Abend auf die Bühne schlingert und Tony Oxley wie ein Schatten hinter dem Piano durchgeht und sich ans Schlagzeug setzt, erinnern sie ein wenig an die beiden Protagonisten aus Don Quijote .

Cecil Taylor im weißen Unterleibchen, die gleichfarbigen Trainingshosen enden in gestrickten rot-blauen Socken. Die Dreadlocks des 78-jährigen Pianisten sind spärlich geworden und von einem Haarnetz gebändigt. Er wirkt wie jemand, bei dem der Besuch eine halbe Stunde zu früh eingetroffen ist. Taylor breitet Noten und Texte aus. Oxley, auch schon 69 Jahre alt, ist noch etwas grauer geworden und dünn. Er spielt ein kleines Schlagzeug, eine blaue Pauke, etwas Metall und Holz. Taylor beginnt mit der linken Hand. Die schamanistische Einstimmung auf das Piano, die er in früheren Jahren zelebriert hatte, bleibt aus. Gemeinsam improvisieren sie eine halbe Stunde lang. Nach einem lyrisch verhaltenen Neubeginn beschleunigen sie vehement. Erik Satie auf Speed. Dante und Petrarca, die von Putten umgeben im Theaterhimmel schweben, wundern sich. Kein «Jazz at the Philharmonic» im barocken Theater, dessen Parkett von Logen auf fünf Ebenen eingefasst ist. Nach einer längeren Pause spielen sie nochmals eine halbe Stunde und eine kurze Zugabe. Taylor deklamiert Soundpoetry, spricht in und neben das Mikrofon. Nur Fragmente des Textes sind zu verstehen. Großer Applaus. Einige im Publikum erinnern sich an Taylors Duokonzert mit Max Roach in Modena vor sieben Jahren. Das heutige Konzert sei spannender gewesen, meinen einige.

Teatro Comunale di Bologna, 12. Oktober

Tausende Jugendliche sind unterwegs in der Innenstadt. Sie gruppieren sich vor Modegeschäften, bevölkern die Straßencafés. Ein Laden mit Artikeln für den Alltagsgebrauch ist nur schwer zu finden. Mit Modena verglichen, hat sich das Tempo verdoppelt. In einem Café an der Piazza Maggiore werden vier Nordafrikaner, die zufrieden bei einem Mineralwasser sitzen, von der Polizei kontrolliert. Obwohl sie nichts auszusetzen hat und die Papiere in Ordnung sind, werden sie weggeschickt.

Das am Largo Respighi gelegene Teatro Comunale ist ausverkauft. Cecil Taylor spielt. «Con Anthony Braxton è la prima e ultima volta che si incontrano in duo», hat Massimo Simonini, der künstlerische Leiter des Angelica-Festivals, ins Programmheft geschrieben. Mit Anthony Braxton treffe sich Taylor zum ersten und letzten Mal zu einem Duo. Leichte Irritation, als das Publikum den eierschalenfarbenen barocken Saal betritt: Auf der Bühne liegt ein Kontrabass. Alles deutet auf ein Triokonzert hin.

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