Montagskolumne Gegen die Wand

Pakistans Krise ist ein Menetekel für die westliche Politik. Stabilität entsteht nicht durch die Unterstützung des Diktators

Unsereins lernte noch anhand eines Gedichtes von Friedrich Schiller, dass sich im alten Babylon finstere Ereignisse per Flammenschrift an der Wand anzukündigen pflegten. In unseren Tagen bedarf es dazu allerdings keines jenseitigen Aufwandes mehr, sondern es reicht der tägliche Blick in die Nachrichten. Blicken wir nur auf die vergangenen zwei Wochen zurück:

Am östlichen Rand des nah- und mittelöstlichen Krisenbogens kam es in Pakistan zum zweiten Putsch des Generals Musharraf; im Westen dieser großen Region drohte eine Ausweitung des Konflikts im Irak durch einen militärischen Einmarsch der Türkei; in den USA wird die Rhetorik der Neokonservativen innerhalb und außerhalb der Regierung Bush, die zu einem militärischen Angriff auf Iran aufrufen (Dritter Weltkrieg! Vierter Weltkrieg! Wer wird es denn auch so genau nehmen wollen?), immer hitziger und militanter; und zur selben Zeit durchbrach der Preis für das Barrel Öl die 100-Dollar-Marke. Man könnte noch die Lage im Irak, in Afghanistan, im Libanon oder auch im israelisch-palästinensischen Konflikt hinzufügen, um das deprimierende Bild vom Zustand dieser krisengeschüttelten Region zu vervollständigen.

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All diese Ereignisse und Krisen böten auch dann Anlass zur Sorge, wenn man in den westlichen Hauptstädten, vorneweg in Washington, Klarheit in der Analyse, Realismus in der Strategie und Geschlossenheit im Handeln unterstellen dürfte. Genau davon darf man aber nicht ausgehen. Und genau deswegen nehmen die Nachrichten aus der Region zwischen Indus und der Ostküste des Mittelmeers mehr und mehr den Charakter eines Menetekels für die westliche Politik an.

Der Blick zurück ist in dieser Lage lehrreich. Nimmt man den 11. September 2001 als Bezugsdatum, so wird klar, dass die Position des Westens seither keinesfalls gestärkt wurde, obwohl er an Ressourcen, Fähigkeiten und Legitimation allen Widersachern weit überlegen ist. Aber beklagenswerter Weise verhält sich die Anzahl der Fehler der westlichen Politik in den vergangenen sechs Jahren proportional zu seiner Überlegenheit, und darin liegt das eigentliche Problem. Das neokonservative Weltkriegsgetöse verdeckt die Tatsache, dass seit der verhängnisvollen Entscheidung von Präsident Bush, in den Irak einzumarschieren, der Westen faktisch eine Strategie der Selbstschwächung betreibt. Die westliche Politik in dieser Region läuft daher ernsthaft Gefahr, gegen die Wand zu fahren.

Ein Osama bin Laden hingegen kann sich behaglich den Bart streichen, wenn er den Gang der Ereignisse betrachtet, denn die Entwicklung läuft in seine Richtung. Radikalisierung, Terror und Chaos greifen in der gesamten Region um sich. Und genau das war das strategische Ziel der Terrorattacken vom 11. September 2001.

Analysieren wir die Ereignisse in Pakistan etwas näher: Mit dem erneuten Militärputsch von Musharraf droht nunmehr auch diese Nuklearmacht mit fast 200 Millionen Menschen in Richtung eines gescheiterten Staates wegzurutschen. Musharrafs Putsch richtete sich gegen den wachsenden Druck der demokratisch-zivilgesellschaftlichen Opposition und eben nicht gegen die islamistischen Radikalen, die mehr und mehr zu afghanischen Taliban werden. Objektiv war dies also ein anti-westlicher Militärputsch, da er sich gegen die Kräfte der Demokratie, des Rechts und der Modernisierung in Pakistan richtete.

Leser-Kommentare
    • Rellem
    • 12.11.2007 um 9:35 Uhr

    Hi @llSo der "Westen" ist wieder mal Schuld wenn fanatisierte Moslems die Machtfrage stellen.Die islamischen Terroristen die in Islamabad die Rote Moschee besetzten, Strassenkämpfe anzettelten, alles niederprügelten was ihnen nicht passte sind dann wohl "demokratische Wiederstandskämpfer" die böse unterdrückt werden.(Ironie, für die Merkbefreiten)Die Zustände in Pakistan und anderswo in der islamischen Welt sind in erster Linie ein komplettes Versagen der dortigen Gesellschaften die restlos unfähig sind ihre Probleme allein zu lösen.GrussRene

    • Braggi
    • 12.11.2007 um 10:08 Uhr

    > So der "Westen" ist wieder mal Schuld wenn fanatisierte Moslems die Machtfrage stellen.
     
    Wer lesen kann ist klar im Vorteil.
    Die Machtfrage wurde vom obersten Gericht gestellt. Im Gefängnis sind nach dem Putsch die Angehörigen der Zivilgesellschaft - Richter, Juristen, Journalisten, Schlüsselfiguren der Opposition. Kein einziger Islamist.
     
    Die Islamisten sind die lachenden Dritten, weil "der Westen" nach oberflächlicher Betroffenheit seine eigenen Werte mal wieder ignoriert und statt der Zivilgesellschaft den Diktator unterstützt.

    • Anonym
    • 12.11.2007 um 10:11 Uhr

    Ja, ja, ein hübscher Einstieg. Eine Zustandsbeschreibung die dem Kenntnisstand eines halbwegs informierten Lesers entspricht und die garantiert frei von neuen Gedanken und Lösungsansätzen ist. Wenn selbst "dem Größten" nix mehr einfällt, dann ist die Lage mal wieder ernster als wir alle ahnten. Passt das alte Super-Fischer Trikot gerade mal wieder nicht mehr? Nur eine Frage plagt mich: Wer sind die demokratischen Kräft in Pakistan, etwa Frau Bhutto?

  1. Die Machtfrage wird nicht nur von fanatisierten Moslems gestellt, sondern vom ganzen Volk. Ein Geschäftsmann, der mit der Religionsfrage nun überhaupt nichts zu tun hat, schrieb mir vergangene Woche, daß Musharaf selbst das größte Problem im Land ist. Die Ursache dieser Zustände haben nicht im geringsten etwas mit den Islamisten zu tun. Diese würden lediglich aus der Situation heraus partizipieren.Musharaf weiß, daß er schwach und obendrein unrechtmäßig an der Macht ist, aber bevor das endgültig geklärt werden konnte, hat er den supreme court in den Wind geschossen. 
    Insofern hat Fischer recht, wenn er sagt, daß es nicht immer der Königsweg ist, auf den Vasallen zu setzen. Dies hat man bei Saddam und vielen anderen oft genug gesehen.
    Man darf gespannt sein, bis wann Bhutto zur ersten Hasspredigerin gekührt wird.

    • Primo
    • 12.11.2007 um 10:23 Uhr

    Welchen Schiller hat Herr Fischer in der Schule gelernt? Wohl eher war er bei Heines "Belsazar" etwas unaufmerksam ("Die Mitternacht zog näher schon ..."). Doch vielleicht findet er einmal die Zeit, das Gedicht in Schumanns schöner Vertonung zu hören.

  2. haben ihn zu dem gemacht, was er heute ist.Herr Fischer ist ein lebendes und schreibendes Beispiel dafür, daß gute Politik oder deren Ansatz zum größten Teil aus Opposition oder von "Ruheständlern" kommt.Sein eigener Opportunismus hat ihn seinerzeit dazu gebracht, nach einer USA-Reise vor die Mikrofone zu treten, und zu sagen:"Wir haben die USA nicht zu kritisieren".Daß Gewaltstaaten wie USA und Pakistan machen können, was sie wollen, liegt an dem Verhalten auch unserer politischen "Elite" und nicht an Fischer´s flachen "Erkenntnissen".Wer glaubt, dass es den USA um Freiheit und Demokrtie in der Welt geht, kann die Zusammenhänge ohnehin nicht verstehen.Unterstellt man Herrn Fischer Wissen und Gewissen, haben wir sieben Jahre einen ziemlich dummen Außenminister gehabt.Wahrscheinlicher aber ist, dass er, einmal damit in der Regierungsverantwortung angefangen, das Einlullen und Beschwichtigen nicht mehr nachlassen kann.Mir tut es schon weh, ihm zuzuhören, oder seine "Kolumne" zu lesen.

  3. Sehr geehrter Herr Rene!
    Wenn Sie sich die Mühe machen und Fischers Artikel noch einmal lesen, lesen Sie vielleicht heraus, dass er viel differenzierter Stellung bezogen hat zur Situation in Pakistan als Sie es in Ihrem Kommentar darstellen. Fischer schreibt nichts davon, dass "der" Westen daran schuld ist, dass Terroristen Bomben legen. Er beschreibt vielmehr sehr treffend, dass die westliche Unterstützung des Regimes (damals im Iran) u. a. zu Antiamerikanismus führt(e) und damit "eine weitere (! - nicht die alleinige) Antriebsfeder eines revolutionären Nationalismus" ist. ... Schon gar nichts findet man in Fischers Kolumne von dem Vergleich, den Sie ziehen zwischen islamistischen Terroristen und "demoraktischen Widerstandskämpfern". So einfach - wie Sie es sich ausdenken und Fischer in den Mund legen - ist es wohl kaum.
    Zu den "Gesellschaften, die restlos unfähig sind, ihre Probleme allein zu lösen" wie Sie schreiben, nur so viel: Glauben Sie wirklich, Probleme einzelner Lände entstehen in einem Vakuum? Glauben Sie nicht, dass die Vorgeschichte im Nahen und Mittleren Osten einen Einfluss hat? Und schließlich ein Beispiel aus der eigenen Geschichte: Glauben Sie, dass wir unsere Probleme (gelinde gesagt), die wir uns ab 1933 eingebrockt hatten, auch hätten alleine lösen können? (Ganz abgesehen davon, dass d i e s e Geschichte auch wiederum eine Vorgeschichte hatte ...)
    Freundlich grüßt SieLady Vetinari

  4. leider hat er sich auf diesses Glatteis ziehen lassen und gleichzeitig den Spaltpilz Bhutto auf Drängen der USA ins Land gelassen. Eine Alternative die die Unabhängigkeit Pakistans sichern kann gibt es in Wirklichkeit doch gar nicht China wird sich die Butter nicht vom Brot nehmen lassen, und kulturell ist der Islam dort auf dem Vormarsch was nicht zwangsläufig schlecht ist. Auch Indien ist nicht an unsichern Verhältnissen interessiert.  Fischer sieht alles nur aus dem Blickwinkel des Imperiums. Aber die Welt verändert sich rasant , das Strohfeuer des Ölbooms bricht zusammen, und damit auch die Existenzsicherung für die Menschen im Westen auf der die Demokratie beruht. Tagelöhner und Leibeigene werden die Bourgoisie künftig durchfüttern müssen, also soweit is Pakistan schon lange.

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  • Quelle ZEIT online, 12.11.2007
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  • Schlagworte Außenpolitik | Pakistan
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