Atomaufsicht Nebensache Sicherheit

Die Störmeldungen aus den Pannenmeilern Krümmel und Brunsbüttel nehmen kein Ende. Betreiber Vattenfall und die Kieler Aufsichtsbehörde liefern sich ein Gutachterduell. Geht es dabei noch um die Sicherheit der Kraftwerke?

Wer sich mit den technischen Details eines Atomkraftwerks (AKW) auskennt, ist dieser Tage sehr gefragt. Vor allem in Schleswig-Holstein. Im Dienste zweier Auftraggeber, deren Interessen gegenläufiger kaum sein könnten, streiten sich dort zwei Trupps von Fachleuten, wie sicher respektive gefährlich die Pannenmeiler Krümmel und Brunsbüttel sind. Beide waren im Sommer nach Störfällen abgeschaltet worden.

Auf der einen Seite steht die Expertenkommission des Betreibers Vattenfall: Gerade veröffentlichte das Gremium einen Bericht , demzufolge beide AKWs nach kleinen Reparaturen so schnell wie möglich wieder ans Netz gehen könnten, eine Gefahr gehe von ihnen nicht aus. Im Gegenteil: Die Technik entspräche einem modernen Stand, obwohl Brunsbüttel eines der ältesten AKWs Deutschlands und seit 1976 in Betrieb ist, und Krümmel bereits seit 1983 läuft.

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Auf der Gegenseite müht sich das Kieler Sozialministerium, das in Schleswig-Holstein für Atomaufsicht zuständig ist, herauszufinden, ob es Vattenfalls Argumenten trauen kann, oder ob die Meiler nicht vielmehr Zeitzünder denn zeitgemäße Anlagen sind. Dazu schickt die Behörde zurzeit einen eigenen Gutachtertross durch die Kraftwerke, um die Sicherheitsstandards überprüfen zu lassen. AKW sind in erster Linie Ländersache, so regelt es das deutsche Atomgesetz.

Ein Mann entscheidet am Ende, ob Brunsbüttel und Krümmel wieder anfahren dürfen: Wolfgang Cloosters, Leiter der Reaktorsicherheitsabteilung in Kiel. Vattenfalls Einschätzung teilt Cloosters bisher nicht: „Noch ist völlig offen, wann die Meiler wieder ans Netz gehen“, sagt der Kieler, es seien noch eine Reihe von Fragen ungeklärt. Das ist anscheinend auch dem Betreiber klar - obschon er das Gutachten seiner Expertenrunde vollmundig „ Abschlussbericht “ taufte. Weil das Unternehmen Brennelemente ausgetauscht hat, muss es zum Wiederanfahren aber erst einen neuen Antrag stellen. Das ist bislang aber nicht geschehen.

Vielleicht deshalb, weil man bei Vattenfall selbst nur zu gut weiß, dass der eigene Bericht die jüngsten Störungsmeldungen nicht einmal behandelt. Seitdem die Meiler abgeschaltet wurden, kam es zu bisher 17 Zwischenfällen, so genannten „Meldepflichtigen Ereignissen“, die Vattenfall sofort dem Kieler Ministerium bekannt geben musste: Risse in Rohrleitungen und Armaturen hier, falsche Dübel dort, schadhafte Elektronik und sogar ein Brennstab, aus dem Brennmaterial ausgewaschen worden war, fielen den Kontrolleuren auf, als sie erst einmal begannen, genauer hinzugucken. ( Hier haben wir die Meldepflichtigen Ereignisse bis 2007 November aufgelistet.) Auch nach Vattenfalls Abschlussbericht vom 6. November gingen die Störmeldungen weiter: Gerade fand man in Brunsbüttel eine defekte Pumpe, die zur Kühlung des Brennelementelagers dient.

Es wird also weiter geprüft. Die Frage, welcher Seite mehr zu trauen ist, ist allerdings schon deshalb so schwer, weil es kein standardisiertes Verfahren gibt, das festlegt, wie das Zusammenspiel zwischen Betreiber und Behörde nach einem Störfall funktioniert, und wer wann welche Gutachter beruft. Den Betreiber macht das Gesetz vor allem für den ordnungsgemäßen Betrieb einer Anlage verantwortlich. Kommt es zu einem Zwischenfall, muss er das Meldepflichtige Ereignis sofort der Aufsichtbehörde mitteilen. Die schickt in der Regel gleich Gutachter los, um sich ein Bild von der Lage vor Ort machen, und fordert das Unternehmen zu Stellungnahmen auf.

Leser-Kommentare
  1. Wenn die Betreiber den Sicherheitsaspekt vernachlässigen, dann sollte man auch mal einen empfindliche Strafe verhängen. Stillegung der Werke, und Ausfallentschädigung für die enstehenden Fehlmengen in der Stromversorgung. Nicht nur den Unternehmen, auch den Bürgern entstehen durch verantwortungsloses Handeln entscheidende Nachteile. Verteilung der Kosten nach dem Verursacherprinzip. Wem die Auflagen zu hart sind, der sollte sich öfter mal vor Augen führen das es schließlich um die Sicherheit aller geht.

  2. Ob die angesprochenen AKWs wirklich sicher sind, das wage ich nicht zu beurteilen. Das ökonomische Interesse der Konzerne ist in der Tat ein Grund an der Aussagekräftigkeit ihrer Untersuchungen zu zweifeln, auch wenn die Gegenseite (die Landesregierung) aus ideologischen Gründen genauso unglaubwürdig ist. Wenn man aber das folgende liest, dann weiss man sofort woher der Wind weht:
    "Das möchte Kiels Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) nicht länger riskieren. Im Namen der Sicherheit will sie den Spieß umdrehen: Nach dem Prinzip der „Beweislastumkehr“ müssten dann die Unternehmen den Behörden beweisen, dass sie sicher arbeiten. „Ich halte dieses Thema für außerordentlich wichtig“, sagte Trauernicht Anfang September in einer Sitzung des Sozialausschusses. Ihr Abteilungsleiter pflichtet ihr bei: „Wir möchten hier klare und saubere rechtliche Verhältnisse“, sagt Wolfgang Cloosters."
    Die Beweislastumkehr war bis zum Mittelalter sowie in eineigen dunklen Perioden danach stets ein Mittel jedes Tyrannen, unliebsame Gegner unschädlich zu machen. Man behauptet einfach etwas nicht nachprüfbares und fordert vom Beschuldigten den Gegenbeweis, den dieser natürlich nicht erbringen kann. Schon ist man ihn los. Als Ingenieur weiss ich, dass man einen behaupteten technischen Mangel in aller Regel auch beweisen kann. Wer die Beweislastumkehr fordert, der hat selten etwas gutes im Sinn.
    Zum Zitat: "klare und saubere rechtliche Verhältnisse" - die hatten die Nazis auch.

  3. In Deutschland
    erhielten <http://www.unisys.de/about__unisys/presse/07101501.htm> die Stromversorger jetzt den schlechtesten Wert
    aller 21 untersuchten Dienstleistungsbranchen – noch schlechter als die
    Finanzämter.Vattenfall  spart sich sogar derzeit Preiserhöhungen,
    weil sein Imageschaden durch die Störfälle und der Verlust von über 200.000
    KundInnen allein in Berlin und Hamburg immens ist.Aus einer Erklärung der Tschüss-Vattenfall-Kampagne in
    Hamburg:„Vattenfall steuert nicht freiwillig um. Am besten
    verstehen die Konzernmanager die Abstimmung mit den Verträgen: Jeder Haushalt,
    der zu einem Ökostromanbieter wechselt, hilft ihnen beim Nachdenken! Jeder
    Haushalt, der Vattenfall kündigt, unterstützt unsere Forderungen:Keine längeren Laufzeiten, sondern die sofortige
    Stilllegung. AKW Krümmel und AKW Brunsbüttel müssen abgeschaltet bleiben.Die Planung des Kohlekraftwerkes in Moorburg muss sofort
    eingestellt werden.Erneuerbare Energien sind konsequent zu fördern und
    auszubauenWir empfehlen vier Stromanbieter, die die Kriterien für
    nachhaltige Energiewirtschaft erfüllen und keine eigentumsrechtlichen
    Verbindungen zur Atom- und Kohleindustrie aufweisen. Diese vier Anbieter sind: Elektrizitätswerke
    Schönau, Greenpeace energy, LichtBlick und Naturstrom AG.Hamburg steigt um, andere Städte können folgen. Weitere
    Informationen: www.hamburg-steigt-um.de“GAL sowie SPD haben in der Energiefrage nicht zuletzt
    wegen der Störfälle und des wachsenden Abscheus der Bevölkerung vor Vattenfall eine Rolle rückwärts vollzogen:
    Obwohl SPD/ GAL-Senat die Hamburgischen Electrizitätswerke an Vattenfall verkauft
    haben, denken beide im Wahlkampf teilweise unisono mit der LINKEn in Richtung
    Rekommunalisierung. Auch beim Gas.

  4. Kernenergie bezeichnet ein technisches Verfahren zur Energieerzeugung, dessen Vorteile und Risiken, wirtschaftliche und Sicherheitsaspekte einer technischen Diskussion bedürfen. Zu den Punkten dieser Diskussion sollte aber auch gehören, ob es z.B. Sinn macht, stationäre Photovoltaik-Anlagen in diesen sehr nördlichen Breiten mit 0,50 Euro/kWh zu subventionieren. Oder ob es riskanter ist, neben einer Chlorchemischen Produktionsstätte zu wohnen oder neben einem Kernreaktor.
    Kernkraftwerks-Betreiber hingegen stehen für die Verluderung der Sitten in der deutschen Politik und Wirtschaft, hier wäre schon seit langem eine politische Diskussion angebracht. Etwa darüber, weshalb ein deutscher Wirtschaftsminister aus einem Energiekonzern kommt, im Amt ca. 2 Jahre die Interessen seines Brotherren vertreten darf, und dann wieder in den Vorstand seines Konzerns gewechselt wird. Einfach so. Ohne das sich noch irgendjemand darüber aufregt.

  5. "Kernenergie", "Kernkraftwerk" sind von der Atomindustrie bevorzugt lancierte Ausdrücke, die nicht so negativ konnotiert sind wie "Atomenergie", "Atomkraftwerk"."Kernkraftwerks-Betreiber hingegen stehen für die Verluderung der Sitten in der deutschen Politik und Wirtschaft" - wie Sie ganz zu Recht bemerken.Dem wäre nur noch hinzuzufügen, das der energiepolitische Berater Frau Merkels der Chef des staatlichen Atom- und Kohlekraftwerk-Konzerns Vattenfall ist.Lecks schwedischer Atomkraftwerke verseuchen die Ostsee:"Vor allem aber auch die an
    der Küste gelegenen Atomanlagen: Unter den Atomkraftwerken haben laut
    Untersuchungen der Europäischen Gemeinschaft und Experten des Riso Nuclear
    Research Laboratory (Dänemark) zwischen 1970 und 2000 die Reaktoren in Schweden
    die größten Freisetzungswerte an Radioaktivität in die Umwelt. Die Reaktoren in
    Forsmark und Oskarshamn stehen seit 20 Jahren an der Spitze dieser Liste – um
    den Faktor 100.000 größer als etwa das russische AKW Leningrad bei Sosnovy Bor.
    In Forsmark befindet sich zudem ein Atommüllendlager, das erst in diesem Sommer
    wegen erhöhter Cäsium-Abgabe an die Umwelt geschlossen wurde.

    Das Atomkraftwerk Forsmark wird vom Konzern Vattenfall betrieben, der auch in
    Deutschland die letzten Monate wegen Störfällen in den AKWs Krümmel und
    Brunsbüttel sowie Strompreiserhöhungen dafür sorgte, das bundesweit
    unbeliebteste Unternehmen zu werden. Am AKW Oskarshamn beteiligt sich E.ON.

    Hauptsächlich über die Fische erreichen die radioaktiven Isotope den
    Nahrungskreislauf des Menschen: über diesen Weg nehmen wir etwa 94% der
    Radioaktivität auf, die wir insgesamt inkorporieren." (Weitere Informationen: [ www.contrAtom.de/ostsee ])

  6. Was sollen solche Verweise? Wollen wir uns jetzt gegenseitig mit Verweisen zu Pro- und Contra-Webseiten zuschmeißen?

  7. Die Chinesen haben eine interessante ReaktorSorte am laufen:Sog. Pebble-bed- Reaktor; darin ist der Brennstoff in Gestalt von Pellets mit Hochtemperatur-Keramik umschlossen, und die Parameter sind so, dass der Reaktor nicht überhitzen _kann_, weil sich die Kernreaktion mit dem TemperaturAnstieg selbst drosselt (Neutroneneinfang- Querschnitt).So ein Reaktor kann mehrere Tage _unbeaufsichtigt_  bleiben, ohne dass irgendwas passiert !!siehe auchhttp://www.wired.com/wire...Warum länger SubventionsGeschenke an die üblichen Verdächtigen machen, während anderswo die Wirtscdhaft aufblüht ???

    • jojo08
    • 24.03.2008 um 13:41 Uhr

    Irgendwie ist die ganze Sache ja bizarr:Deutschland und die EU haben nach dem Unglück von Tschernobyl Milliarden-Beträge in die Ukraine geschickt: zum einen als Hilfe für die Bewohner dort, was zweifelsfrei vertretbar ist, zum anderen aber auch als Ausgleichszahlung für Abschaltung weiterer Reaktoren und für Sicherheitsmaßnahmen wie zuletzt den Bau des zweiten Sarkophags.Dass es dabei Studien gibt, die auf die Unsinnigkeit dieses Bauprojektes hinweisen, scheint dabei nicht zu interessieren. Der deutsche Physiker Sebastian Pflugbeil hat selbst das innere des alten Sarkophags inspiziert und dabei keine dramatisch erhöhte Strahlenbelastung festgestellt (zu sehen auch in der ZDF-Dokumentation "Der Millionensarg"): nur noch 5% der radioaktiven Brennstoffe in der Ruine sind (nach Angaben der Ukraine sind es 96%).Trotzdem wurde kürzlich eine Unterstützung von Seiten der EU in Höhe von 364 Mio. Euro bewilligt.Interessanterweise fließen diese Gelder zu großen Teilen an deutsche und französische Firmen. Das verdeutlicht wohl auch, warum man nicht erst einmal vor der eigenen Haustür kehrt.

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