Belgien "Wir leben in verschiedenen Welten"

Seit 150 Tagen hat Belgien keine Regierung mehr. Flamen und Wallonen verstehen sich nicht - nicht nur sprachlich

Der Eklat im belgischen Parlament lag gerade ein paar Minuten zurück, die zornigen und die enttäuschten Abgeordneten machten sich bereit für die Interviews, da fragte ein niederländischer Journalist, ob das nun das Ende Belgiens sei – und erntete verständnisloses Kopfschütteln. Weder die flämischen noch die französisch-sprachigen Abgeordneten wollten die Frage verstehen: „Wieso? Wegen so etwas bricht Belgien nicht auseinander.“

Dabei hatte das kleine Land Mitte der Woche gerade eine unheilvolle Premiere erlebt, vor der fast alle belgischen Zeitungen immer gewarnt hatten: Die flämischen Abgeordneten haben zum ersten Mal ihr zahlenmäßiges Übergewicht genutzt, um den frankophonen Parteien eine verhasste Wahlkreisreform aufzuzwingen. Sie haben dem kleinen Bruder ein für allemal gezeigt, dass er kleiner ist. Sie haben ihn in die Ecke gestellt und mit der Tradition gebrochen, Konflikte zwischen den Sprachgruppen im Einvernehmen zu lösen.

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Der Eklat hat eine lange Vorgeschichte, die mit dem seltsamen Kräfteverhältnis der beiden Volksgruppen zu tun hat. Sechs Millionen niederländisch-sprachigen Flamen stehen vier Millionen französisch-sprachige Wallonen gegenüber, dazwischen eine Million Brüsseler, die zu 85 Prozent französisch reden. In allen politischen Gremien des Landes sind Flamen in der Mehrheit, seit gut 40 Jahren stellen sie ununterbrochen den Premierminister. Trotzdem scheinen praktisch alle Flamen das tiefsitzende Gefühl zu haben, von den Frankophonen untergebuttert und zurückgedrängt zu werden.

Der Grund dafür ist die Übermacht der französischen Sprache. Französisch ist stärker als flämisch, hat mehr kulturelle Ausstrahlung, mehr Überzeugungskraft und vor allem mehr Selbstbewusstsein. Vor zweihundert Jahren sprachen mehr als vier Fünftel der Einwohner Brüssels flämisch. Doch wer etwas werden wollte, wer es zu etwas bringen wollte, der lernte Französisch. Das war die Sprache des beruflichen und gesellschaftlichen Aufstiegs, in Flämisch kommandierte man allenfalls die Dienstboten. Ganze Familien konvertierten. Heute kann man in Brüssel gut ohne Flämisch auskommen, aber nicht ohne Französisch.

Der sprachliche Druck auf Flandern setzt sich weiter fort. Dabei haben sich die wirtschaftlichen Gewichte längst verschoben; das einst als Bauernland verachtete Flandern hat sich zur High-Tech-Region gemausert, während die Wallonie von seiner abgewirtschafteten Schwerindustrie nach unten gezogen wurde. Belgien wird von Flandern und Brüssel finanziert.

Umso mehr wird die anhaltende Vorherrschaft des Französischen von den meisten Flamen als Arroganz empfunden. Die Hälfte aller Flamen versteht französisch, aber kaum zehn Prozent der Wallonen machen sich die Mühe, die Spache der flämischen Bevölkerungsmehrheit zu lernen. Mit dem Ergebnis, dass sich Französisch immer weiter ausbreitet. Zieht eine flämische Familie in die Wallonie, bleibt ihr nichts anderes übrig, als die französische Sprache anzunehmen. Jeder Umzug eines Frankophonen dagegen erweitert das französische Sprachgebiet. Man wird ja verstanden.

Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 09.11.2007 um 15:03 Uhr

    Ich bete täglich das sich die neue Freiheitsbewegung in Europa nicht nur in Schottland und bei den Flämen sondern auch in Bayern ausbreitet und wir endlich von den Preißn wegkommen. Sollen die ihre neue DDR machen und Grundeinkommen und dauernd Jammern und wegen Regenwetter depressiv werden oder nach Nigeria auswandern und "Hamburch" und "geht ja garnich" und "da krieg ich Hunger von" sagen.. alles nervt mich an denen da oben. Von der schieren ausprache des Hochdeutschen bis zu der ganzen Mentalität und dem getue oder auch nur der Tonlage beim sprechen. Und den Kommunismus den wir aufgezwungen bekommen weils ja so "Demokratisch" ist wenn das Geberland Bayern chronisch überstimmt wird im Bundesrat und damit richtig ausgequetscht werden kann, sind ja nicht nur die direkten Länderfinanzausgleichmittel sondern der größte Brocken sind die Gelder die über die Sozialversicherung und Einkommenssteuer nach Norden fließen. Nur jeder zweite Euro den ein bayerischer Arbeitnehmer von seinem Gehalt an den Staat abführen muss bleibt in Bayern oder fließt über den Bund wieder zurück nach Bayern - nur jeder zweite. Und dabei sind wir auch so schon Spitze und der Freistaat hat einen Haushalt ohne Neuverschuldung, sprich wir könnten das zusätzliche Geld in Investitionen und Steuersenkung stecken wovon ein jeder etwas hätte. Aber gut, die "christlich sozialen" Politiker werden die Bayern weiterhin an der Nase herumführen mit ihrem geschickten Mix aus biserl bayerisch rumtun aber in jedem Nebensatz erwähnen Bayern sei ja ein teil "Deutschlands". Ist ja auch klar, gibts mehr Posten für die Funktionäre wenn es auch noch Abgeordnete in einem "Bundestag" gibt und mehr Minister obendrein. 

    • Anonym
    • 09.11.2007 um 16:12 Uhr

    ...scheint mir die Ignoranz der französischsprachigen Leute zu sein; für die Flamen ist das eine ganz doofe Situation, weil ihnen schlicht und einfach nichts anderes übrigbleibt, als verschnupft und hart zu reagieren.Die Alternative wäre, auf die eigene Sprache nebst kulturellem Hintergrund zu verzichten - das kann ganz einfach nicht die Lösung sein!Eine sehr ähnliche Situation hat man in Katalonien: die Katalanen werden von den (sonstigen) Spaniern (und neuerdings auch von lateinamerikanischen Einwanderern!) so konsequent ignoriert, daß sie vor der dilemmahaften Wahl stehen:auf die eigene Muttersprache verzichten oder aber sich für ihren Erhalt einsetzen -ersteres kann es einfach nicht sein und bei letzterem werden sie dann sofort reflexhaft von "aller Welt" in die "ultranationalistische Ecke" gedrängt.

    • Prach
    • 09.11.2007 um 17:00 Uhr

    "„Es muss Schluss sein mit dem Diktat der flämischen Sprache,“ sagte er."
    Soso... das Diktat der flämischen Sprache gibt es also. Unerhört, wenn ein Flame in Flamen tatsächlich Flämisch (=Niederländisch) spricht. Das wäre ja dasselbe, wie wenn ein Deutscher in Deutschland plötzlich Deutsch spricht anstatt Türk... äh, ich meine Europäisch oder Politisch Korrekt-Sprak.
    Früher, da war alles besser. Da gab es dieses böse Diktat noch nicht, und ganz Belgien hatte das Recht, Französisch zu sprechen. Zwar verstanden die einfachen nordbelgischen Soldaten ihre Offiziere nicht (weil die ja Französisch sprachen) oder die Arbeiter die Fabrikbesitzer, aber egal.
    Zum Glück ist die Arbeitslosenquote in Südbelgien nur so ungefähr 35 %, so daß viele innerbelgische Migranten zur Verbreitung des französischen Kulturgutes in Belgien beitragen können (natürlich auch in Luxemburg). Egal ob Supermarkt oder Fast Food-Restaurant (ich meinte natürlich Restovite), sie sprechen einfach weiterhin Französisch und motivieren damit ihre Landsleute im Norden oder Osten dazu, statt Niederländisch und Deutsch auch Französisch zu sprechen, um in den Genuß eines Hambourgers oder von Sixpacks zu gelangen. Das ist echt europäischer Geist!
    Weiter so, Belgien!
     
     
     

    • self22
    • 10.11.2007 um 8:26 Uhr

    Das belgische Problem zeigt mir, wo der Haase in Deutschland auch hinlaufen wird. Wenn ernsthafter Verteilungswahnsinn, wie der langsam ins absurde abgleitende Länderfinanzausgleich nicht politisch aufgearbeitet werden. Wenn 3 bis 4 Geberländer für die restlichen in einer Weise aufkommen, dass diese letztlichdauerhaft besser dastehen bzw. sorgloser Schulden machen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis zu diesen belgischen Problemen. Wir sollten diesen Artikel also ernst nehmen. Widersprüche kann man Jahrzehnte ignorieren, aber nicht ewig kaschieren.  Zur Untermauerung ein Auszug aus einer Studie zum Länderfinanzausgleich der Friedrich-Ebert-Stiftung von 1998(!!):Bis Ende der sechziger Jahre hatten die Bundesländer,wie auch der Bund, kaum Schulden in nennenswertemUmfang. Die unterschiedliche Finanzkraft der Länderführte bei unvollkommenen Ausgleichsmechanismen zueinem entsprechend unterschiedlichen Ausgabeverhalten,kaum aber zu unterschiedlicher Verschuldung. Dann aberbewirkte die Reform des bundesstaatlichen Finanzausgleichs1969 eine weitgehende Einebnung noch vorhandenerFinanzkraftunterschiede zwischen den Bundesländern.Die Summe der Ausgleichsmechanismen bewirktheute, daß Nehmerländer im Finanzausgleich (wieSchleswig-Holstein, Niedersachsen oder Rheinland-Pfalz) inklusive Ausgleichszahlungen höhere Steuereinnahmenpro Kopf erzielen als Geberländer (wieNordrhein-Westfalen, Hessen, Bayern oder Baden-Württemberg). Die überkommenen Unterschiede in derWirtschaftskraft sind im wesentlichen unverändert geblieben.Die Nehmerländer haben jedoch seit Anfang dersiebziger Jahre trotz vergleichbar hoher Steuereinnahmendurchweg deutlich mehr Schulden gemacht als die Geberländer.Einschließlich der Zinsausgaben haben heutedie Nehmerländer deutlich höhere Nettoausgaben proEinwohner als die Geberländer und Jahr für Jahr einedeutlich höhere Nettoneuverschuldung. Noch 1980 hattedie Gesamtverschuldung der alten Bundesländer (ohneStadtstaaten) 95 Prozent der jährlichen Steuereinnahmenbetragen, 1995 waren es bereits 160 Prozent.

    • AnnVDM
    • 10.11.2007 um 20:57 Uhr

    Ich habe drei Anmerkungen:
    erstens: es gibt einen schwerwiegenden Fehler im Artikel. Es wurde geschrieben, "dass sich die flämischen Parteien bei den Koalitionsverhandlungen beharrlich weigern, einer Staatsreform zuzustimmen". Dem ist nicht so. Es sind gerade die Flamen, die auf eine, übrigens mehr als notwendige, Staatsreform drängen und es sind die Brüsseler und Wallonen, die jeglichen Ansatz in dieser Richtung blockieren. Die Frage der Staatsreform ist so etwas wie die Grundsatzfrage der Koalitionsverhandlungen.
    zweitens: es wurde nicht erwähnt, das französischsprachige Politiker fortwährend darauf drängen, das Grundgebiet von Brüssel auszubreiten, zu Lasten der flämischen Randgemeinden. Ein Vorschlag, dies zu Lasten wallonischer Gemeinden zu tun, wurde von wallonischen Politikern strikt abgelehnt. Eine Ausbreitung des frankophonen Brüssel ist nur in Richtung flämischsprachiges Gebiet vorgesehen, als eine Art politischer Annektierung, die kulturellen Siedlungs-Kolonialismus absegnen würde. Vielleicht harte Worte, aber so sieht es die flämische Gefühlslage, getragen von jahrhundertelanger kultureller Unterdrückung.
    drittens: ich habe die Arroganz Französischsprachiger in den Randgemeinden selbst erfahren. Es wird wirklich kaum eine Mühe gemacht, Flämisch, d.h. die Sprache der Gemeinden, in denen man lebt, zu erlernen. 
    Ansonsten fand ich diesen Artikel sehr gut, sehr detailliert und gut recherchiert, vieles wurde wirklich treffend wiedergegeben.
    Ich glaube aber an den Bestand Belgiens und an die vernünftigen Kräfte in diesem Land.  

  1. liegen primär daran, dass beide Volksgruppen noch offene Rechnungen aus vergangenen Zeiten  haben. Die Emotionen hierzu werden von mehr oder weniger nationalistisch gesinnten Politikern und Zeitungen immer wieder neu entfacht...Die Frage der Finanzströme, die auch im "Bayern"-Blog angesprochen wurde, hat übrigens schon zum blutigen Zerfall Jugoslawiens aber auch zur friedlich verlaufenen Teilung der Tschechoslowakei geführt. Belgien könnte daran jedenfalls auch zerbrechen. Und was Bayern angeht: Wieviel Steuern und Sozialabgaben werden denn von "echten" Bayern gezahlt, wie viel von den massenhaft angeworbenen Akademikern aus anderen Bundesländern?Bayern bildet weniger Abiturienten aus, als alle anderen Bundesländer. Wer fährt die Münchner U-Bahn - echte Bajurvaren, oder nicht zufällig Ostdeutsche? Als Ausgleich für Wanderungsbewegungen von Arbeitskräften muss es immer eine Art von Finanzausgleich der Regionen geben. Aber zugegeben - transparenter und sinnvoller könnte er schon sein.

  2. Wenn ich so die Kommentare lese kann ich eigentlich nur irre lachen. Hat jemand schon mal wirklich in Belgien gelebt? Wahrscheinlich nicht. Sonst würden die Kommentare anders ausfallen. Selten ein Land erlebt daß so hinterhältig und von einem Rechtsstaat so weit entfernt ist wie Belgien. Nie wieder. Von wegen die Flamen werden von den Wallonen unterdrückt, umgekehrt wird eine Schuh draus. Und übertragt bitte die Brüsseler Verhältnisse nicht auf den Rest Flanderns, das sind verschiedene Welten. Versucht Euer Glück mal in Flendern, dann Könnt Ihr mitreden - wenn Ihr dann noch reden könnt, weil Euch wahrscheinlich die Spucke wegbleibt.

    • Mungo2
    • 12.01.2008 um 11:25 Uhr

    Wovon spricht der Autor? Die Flamen sind in der Überzahl und in der wirtschaftlichen und kulturellen Übermacht. Auf dieser Seite werden einige Missverständnisse über Französisch und Niederländisch in Belgien aus der Welt geräumt. Zu empfehlen.

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