Besser Wirtschaften Der Zins ist kein Übel

Die Probleme unserer Wirtschaft haben viel damit zu tun, wie das Finanzsystem funktioniert. Vom Zins alleine rühren sie nicht her

Eigentlich hatten die Initiatoren des Freigeldes in Wörgl ja großes Glück, dass die Österreichische Zentralbank ihrem Experiment ein solch schnelles Ende bereitete. Dadurch ging Wörgl als erfolgreiches Beispiel für die segensreiche Wirkung von Freigeld in die Geschichte ein. Hätte der Versuch länger angedauert, dann wären aber auch hier bald die typischen Probleme solcher nur lokal gültigen Währungen aufgetreten. Reinhard Pirker weist in seinem Beitrag zu Recht darauf hin . Die am meisten verehrten Revolutionäre sind häufig jene, die früh ermordet wurden , bevor sich die unangenehmen wirtschaftlichen Konsequenzen ihrer Revolution bemerkbar machten.

In diesem Beitrag möchte ich vor allem auf die Frage eingehen, ob die Zinsen im heutigen Geldsystem einen negativen Einfluss auf die Wirtschaft haben. Die wesentlich auf Silvio Gesell zurückgehende Kritik am Zins lässt sich, vereinfacht ausgedrückt, so beschreiben: In der Wirtschaft gibt es auf der einen Seite Banken und reiche Geldvermögensbesitzer, die ihr Geld zinstragend bei den Banken anlegen. Auf der andern Seite stehen die potenziellen Gläubiger. Sie würden gerne produzieren oder konsumieren, erhalten keinen Kredit, denn die Geldbesitzer horten ihr Vermögen und kassieren dafür Zinsen, statt es den potenziellen Investoren und Konsumenten zur Verfügung zu stellen .

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Um die Blockade aufzulösen, muss ein negativer Zins den positiven Zins ersetzen. Die Geldbesitzer zahlen also eine sogenannte Liquiditätsgebühr, statt Zinsen zu erhalten, und haben so einen Anreiz, ihr Vermögen möglichst schnell wieder auszugeben, statt es zu horten. Letztlich sollen Freigeldsysteme also die Wirtschaft ankurbeln – aus diesem Blickwinkel scheint es etwas paradox, dass auf der einen Seite immer wieder der Wachstumszwang der heutigen Geldwirtschaft kritisiert wird, das Freigeld aber auf der andern Seite dazu dienen soll, den Geldumlauf und damit die Wirtschaft weiter zu beschleunigen.

Soweit die Argumente der Freigeld-Befürworter. Die entscheidende Frage ist nun: Was genau meinen sie mit „horten“? Wo bleibt das Geld, wenn es nicht investiert oder konsumiert wird?

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Kaum jemand bewahrt sein Geld heute noch unter der Matratze auf, bei den Menschen zu Hause findet sich das „gehortete Geld“ also nicht. Im Wesentlichen kann dieser Begriff nur die Gelder beschreiben, die zu spekulativen Zwecken kurzfristig in Finanzkapital (vor allem in Aktien und Optionen auf Aktien) investiert und auf diese Weise dem realen Wirtschaftskreislauf entzogen werden. Der Anteil dieser Gelder am Vermögen hat in den letzten Jahrzehnten zugenommen, und aus diesem Grund kann es für kleinere, im Vergleich zu den großen Aktiengesellschaften weniger gewinnorientierte Unternehmen tatsächlich schwierig sein, Kredite von einer Bank zu erhalten. Die Investitionsprojekte dieser Unternehmen müssen jetzt nämlich mit den spekulativen Investitionsmöglichkeiten konkurrenzieren, welche auf Finanzmärkten hohe Renditen versprechen.

Doch ist daran tatsächlich der Zins schuld?

Leser-Kommentare
    • Bleys
    • 14.11.2007 um 21:20 Uhr

    In dem kapitalistischen System steckt ein Rechenfehler. Die Kapitalisten können nicht rechnen. Das ist die ganze Wahrheit. Wenn sie rechnen könnten, würden sie wissen, dass keine Wirtschaft andauernd Zins und Zinseszins zahlen kann.Paul C. Martin (*1939), Autor und Wirtschaftsjournalist, in "Wann kommt der Staatsbankrott" (1982)Wir zweifeln nicht daran, dass eine Zeit kommen wird, in der sich eine christliche Bewegung gegen den Zins erhebt.Friedrich Naumann (*1860, †1919), dt. Theologe und Politiker, im "Soz. Programm der evang. Kirche" (1890)Jede Gesetzgebung, die den Zins erlaubt, ist null und nichtig.Papst Alexander III. (*1105, †1181)Wer Zins nimmt, lebt auf Kosten der Arbeit anderer, ohne ihnen für diese Arbeit irgendeine Gegenleistung zu geben. Durch den Zins wird der Gleichwertgrundsatz in schwerster Weise verletzt. Christentum und Zins sind unvereinbar.Johannes Ude (*1874, †1965), Dekan der kath.-theol. Fakultät GrazDenn die Tatsache, dass ein Fünftel der Menschheit immer reicher und vier Fünftel immer ärmer werden, das liegt natürlich an unserer Wirtschaftsform und ganz speziell an unserem Geldwesen. Ich glaube, dass an diesem Geldsystem etwas geändert werden muss, um zu irgendeiner Art von Gleichgewicht in der Welt zu kommen...Michael Ende (*1929, †1995), dt. SchriftstellerWo nicht der Mensch, sondern das zinstragende Kapital der Gegenstand ist, dessen Erhaltung und Mehrung der Sinn und das Ziel der politischen Ordnung ist, da ist der Automatismus schon im Gang, der eines Tages die Menschen zum Töten und Getötetwerden auf die Jagd schicken wird.Karl Barth (*1886, †1968), dt. evang. Theologe...ein Krieg gegen die gesamte Dritte Welt, ein Krieg um die Auslandsschulden. Seine schärfste Waffe ist der Zinssatz, und die ist tödlicher als die Atombombe."Luis Ignácio Lula da Silva (*1945), bras. PräsidentWer Zins nimmt, wird mit dem Königsbann belegt, wer wiederholt Zins nimmt, wird aus der Kirche ausgestoßen und soll vom Grafen gefangengesetzt werden.Kaiser Lothar (*795, †855) im Jahr 825Jeder, der glaubt, dass exponentielles Wachstum für immer weitergehen kann in einer endlichen Welt, ist entweder ein Verrückter oder ein Ökonom.Kenneth E. Boulding (*1910, †1993), britisch-amerikanischer WirtschaftswissenschaftlerWer auf Zinsen gibt und einen Aufschlag nimmt sollte der am Leben bleiben? Er soll nicht leben, sondern, weil er alle diese Greuel getan hat, soll er des Todes sterben; seine Blutschuld komme über ihn.Bibel, Hesekiel 18,13Jetzt endlich habe ich erkannt, dass nicht das Wirtschaftswachstum den Zinseswahnsinn erzeugt, sondern dass der Zins die einzige wahre und wirkliche Ursache dafür ist, dass die Welt dem Wahnsinn des ewigen Wachstums verfallen ist.Konrad Lorenz (*1903, †1989), österr. Verhaltensforscher, Medizin-Nobelpreis 1973    „So ist der Wucher (gemeint ist Zins) hassenswert, weil er aus dem Geld selbst den Erwerb zieht und nicht aus dem, wofür das Geld da ist. Denn das Geld ist um des Tausches willen erfunden worden, durch den Zins vermehrt es sich dagegen durch sich selbst.“ Aus Aristoteles' „Politik“ 1. Buch, 1258b___________________________________________________________________Aber die haben sicher alle unrecht....

  1. Diese ganze “Besser Wirtschaften” Serie, ist das Satire oder Ernst?  Jedesmal wenn ich diese Diskussion hier lese fuehle ich mich wie in ein Parallel-Universum versetzt.  Das kann doch kein Ernst sein?

    • QUOTE
    • 15.11.2007 um 11:23 Uhr

    "Ohne eine Prämie wird sich kein privater Investor auf ein solches
    Risiko einlassen, sondern sein Geld lieber in sichere
    Staatsobligationen stecken." -
    wenigstens wird hier ausnahmsweise mal deutlich ausgesprochen, was hinter der Staatsverschuldung wirklich steckt: nichts als der Wunsch der kapitalbesitzenden Schichten, einen Teil ihres Vermögens mit sicherer Verzinsung risikofrei anzulegen.Genau darum wird die Staatsverschuldung auch entgegen aller anderlautenden Parolen niemals gestoppt, ja nicht mal signifikant gesenkt werden. Letzen Endes ist es ja viel besser, den Staat in einer Situation zu haben, in dem er sich das Geld, was ihm eigentlich zustünde über STEUERN einzuziehen, im Wege von Krediten LEIHEN muß.

  2. Auch ich habe das Gefühl, das ist hier Satire.
    Man sieht an dem Artikel deutlich, wie versucht wird, unprofessionell und wenig fundiert pauschal das Thema der Freiwirtschaftslehre zu diskreditieren. Und der Mitläufer, der nicht Mit-Denker ist, wird das auch noch glauben. Der Punkt ist nämlich folgender:
    Die Freiwirtschaftler wollen doch gar nicht die Risikoprämie abschaffen oder die Bestandteile des Zinses, die einen Investitionsanreiz ausmachen (bei einem "negativen Zins" auf Bargeld & Sichtguthaben wie bei einer Umlaufsteuer wäre ein Null-Zins auch ein Investitionsanreiz!!), sondern nur den Grundzins OHNE Bankmarge, Inflations- oder Knappheitsaufschlag (!...im Artikel undifferenziert betitelt als "Anteil des risikolosen Zinssatzes"), der ja lt. Autor "nur weit unter 50%" läge. Was gerade bei risikoarmen Investitionen einfach falsch ist und trotzdem noch ein Problem ist! Zudem gibt es ja nicht nur Kredite zu Marktzinsen bzw. zum Thema Anlagen an der Börse etc. kann man ja nur sagen, dass das genau deswegen gemacht wird, um höhere Renditen als durch eine vergleichbare Verzinsung zum Markt- /Durchschnitts-Zinsniveau zu erreichen!
    Letztendlich geht der Autor auch gar nicht auf die Frage ein, was denn an sog. "leistungslosen Einkommen" sozial und ökonomisch sinnvoll sein soll! Wer sich eingehend mit den Argumenten der FW/Silvio Gesells auseinander gesetzt hat, weiß ja auch, welche falschen und zerstörerischen Anreize das Zinssystem verursacht!
    Insgesamt muss man feststellen, dass sich der Autor nicht mit der Freiwirtschaft auseinandergesetzt hat, was er wahrscheinlich auch nicht wollte!

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