Apple Beten für das iPhone

Seit heute Nacht ist das iPhone auf dem deutschen Markt. ZEIT online war anlässlich des Verkaufsstarts in Köln und traf Apple-Jünger und B-Prominente. Eine Reportage

Es regnet, dann schüttet es, später regnet es wieder. Die Nacht ist angebrochen in Köln, und die Schildergasse bietet den perfekten Drehort für einen Kloster-Krimi: Die Häuser ragen düster in den nassen Himmel, das Thermometer misst gerade einmal vier Grad Celsius. Normalerweise schieben sich hier tagsüber Tausende Menschen aneinander vorbei. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag ist nur vor dem Haus mit der Nummer 84 ein riesiger Andrang.

Dort gibt es ab Mitternacht ein Stück Zukunft zu kaufen: Das neue iPhone von Apple, ein 400 Euro teures Handy, mit dem man im Internet surfen, Musik hören, Fotos machen und ganz nebenbei auch noch telefonieren kann. Als erstes Geschäft in Deutschland bietet der Telekom-Laden in der Schildergasse die digitale Wundertüte an. In seinen Schaufenstern flimmern die Werbe-Clips für das neue Handy über riesige Bildschirme und sorgen für Erleuchtung. Türsteher und Gitter versperren den Weg in den Laden, die Szenerie erinnert an den Papstbesuch. Etwa 350 Apple-Fans trotzen Wind und Wetter und harren vor dem Geschäft aus.

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„Ich möchte doch nur mal sehen, wie das Ding aussieht“, sagt die 21-jährige Susanne Reissmann, die mit einer Freundin gekommen ist. Kaufen wollen sie das iPhone aber nicht. Schließlich sei der Zweijahresvertrag, den man für einen Betrag von 1200 bis 2200 Euro zusätzlich abschließen muss, zu teuer. „Aber neugierig sind wir schon.“ Und ziemlich nass. Doch dann kommt ein Telekom-Mitarbeiter zu den Mädels und bringt einen Regenschirm, Kaffee und Brezeln vorbei. Auch weiße Decken werden ausgeteilt. Hier muss die perfekte Verkaufs-Messe geboten werden, hier wird gegeben und geteilt. Das freut auch einen Obdachlosen, der sich immer wieder Brezeln abgreift und damit in einem Hauseingang verschwindet.

Einige Meter weiter, aber zu weit entfernt von einem der Heizpilze, friert Oliver Keller. Sein Akzent verrät, dass er eine lange Anreise hatte. „Ich komme aus dem tiefsten Bayern“, sagt er. „Mein Heimatort Leoprechting liegt 20 Kilometer entfernt von der österreichischen Grenze.“ Er ist mit dem Billigflieger angereist und betet, dass genug Handys da sind. Warum er extra heute nach Köln gekommen ist? „Morgen ist das Handy schon alt, ich will das jetzt haben.“

So denkt auch Rafael Haymann. Der 19-Jährige aus der Nähe von Koblenz meint: „Wenn ich das heute nicht kaufe, dann brauche ich das sowieso nicht mehr.“ Teuer sei das Telefon zwar – aber es müsse sich ja auch nicht jeder leisten können. Neben ihm hält sich eine Gruppe von Studenten mit Liedgesang warm und wach. „Ich muss durch den Monsun“ schmettern sie. Danach wird „November Rain“ von Guns 'N' Roses angestimmt. Kein Messdiener hätte eine bessere Songauswahl treffen können.

Plötzlich kreischen einige Mädchen auf, der Gottesdienst beginnt. Die Ladentür wird geöffnet, Blitzlichtgewitter setzt ein. Eine Fernseh-Reporterin moderiert schreiend in ihre Kamera, leiser wäre sie nicht mehr zu hören. Eine junge Frau bricht im Gewühl zusammen, Sanitäter helfen ihr wieder auf die Beine. In Gruppen werden die Apple-Jünger nach drinnen geleitet.

Dort ist alles vorbereitet. Wie auf einem Altar werden die iPhones auf weißen großen Tischen präsentiert. Telekom-Mitarbeiter drängen sich auf. „Fass es doch mal an!“ - „Es fühlt sich so gut an!“ Kalte Füße, nasse Klamotten – aber die Fans halten das gepriesene Spielzeug in den Händen. Optisch ist das iPhone ein einziges Display, und die Bedienung des Touchscreens will nicht auf Anhieb klappen. Das Schreiben ohne Tastatur ist alles andere als kinderleicht. Wie ein rutschiges Stück Seife gleitet das teure Teil durch die Hände. Doch die Internet-Verbindung funktioniert und verblüfft: Scharf wie am Computer sind Texte auf ZEIT online zu lesen.

Einer der ersten iPhone-Besitzer ist Dominic Hallau. Wie eine heilige Gabe streckt der 29-jährige Software-Manager die kleine Box mit dem Handy in die Luft. „Für Apple-Produkte würde ich alles tun“, sagt er. “Dafür geht man zum Teufel.“ Leer ausgehen muss unterdessen wohl niemand, wie der Ladenbesitzer versichert. Man habe Tausende iPhones auf Lager. „An einem geheimen Ort in zwei Kilometer Entfernung steht außerdem ein LKW mit Nachschub.“

Im ersten Stock des Ladens erscheint unterdessen eine Scheinheilige. Ein B-Promi ist dort missionarisch unterwegs: Ruth Moschner, bekannt geworden durch ihre üppige Oberweite und die „Freitag Nacht News“, springt wie ein Flummi vor den Kameras auf und ab und preist das neue Handy. „Das passt auf Anhieb in jede Handtasche“, sagt sie mit marketing-tauglichem Lächeln. Für Moschner ist das Ding „eher ein Frauenhandy.“

Sie schwört ganz auf Apple und verrät, dass sie zu Hause vier iPods hat - alles andere würde ihren Apple-Priestern wohl auch missfallen. Je länger sie vom neuen iPhone schwärmt, umso stärker entsteht der Eindruck, sie rede über eine neue Liebe. Als Partnerersatz tauge das Ding aber nicht, stellt sie dann doch klar. „Ich weiß nämlich nicht, ob das vibrieren kann“, sprudelt es aus ihr heraus. Das weiß dafür der Pressesprecher: Natürlich hat das iPhone auch Vibrations-Alarm. Es soll ja schließlich keine Wünsche offen lassen.

So verlassen die Käufer beseelt das Geschäft und verschwinden in der verregneten Nacht. Bis nach zwei Uhr morgens dauert die Verkaufs-Messe in Köln. Ab Freitagvormittag ist das iPhone bundesweit in 700 Geschäften zu kaufen. Was war das doch gleich? Die Produkteinführung für ein Mobiltelefon. Amen.

 
Leser-Kommentare
  1. Zitat: „Morgen ist das Handy schon alt, ich will das jetzt haben.“ ... Der 19-Jährige aus der Nähe von Koblenz meint: „Wenn ich das heute nicht kaufe, dann brauche ich das sowieso nicht mehr.“Und dann wundert man sich, warum so viele Jugendliche überschuldet sind? 

    • jaso
    • 09.11.2007 um 9:56 Uhr

    für DIE ZEIT, sie will es uns zeigen.

  2.  
    Der Artikel trifft es auf den Punkt,
     
    ich war selbst da um mir dieses Spektakel anzuschauen.
    Meines Erachtens wurden höchstens ca. 150 - 200 iPhones verkauft.
    Das ist auch die Menge welche man an ca. 10 Bestellterminals in 2 h schaffen kann. Ein Vertrags abschluß dauert ja eine gewisse Zeit.
    Mehr als die Hälfte der Besucher waren entweder von der Presse oder einfach nur Schaulustige (wie ich).
    Das iPhone durfte ich heute zum ersten Mal in Händen halten.
    Sieht ganz chic aus dieses kleine Technikpaket. Ich war nahe dran auch zu den Ersten der Käufer zu  gehören..
    Leider ist dieses Handy von Apple noch sehr unpraktikabel. Wenn man Text eingeben möchte, so geht dies nur über eine Touch-Tastatur. Sie ist leider nicht zu einer Schreibmaschinentastatur konform und die richtigen Buchstaben zu treffen fällt mit dem Zeigefinger schwer. Einen Eingabestift vermißt man dafür. Andere Handys haben eine Handschriftenerkennung, womit man leicht seine Nachrichten verfassen kann, was hier leiderr fehlt.
    Für Liebhaber von  MMS Nachrichten ist das iPhone nicht geeignet, da keine versendet werden können. Es sind leider nur SMS und E-Mails möglich.
    Es macht natürlich Spaß über das Couverflow seine Musiktitel auszuwählen, der eingebaute Lautsprecher ist selbst für das Freisprechen eine krächzende Zumutung, was die etablierten Handyhersteller wesentlich besser können.
    Eine schöne Fuktion ist das drehen der Photos wenn man das Gerät um seine eigene Achse dreht, so kann man sich die Bilder leicht im Querformat ansehen. Bei Bedarf kann man mit Hilfe der Finger ganz leicht zoomen.
    Leider ist bei Ansicht von E-MAils das drehen auf das angenehmere Querformat nicht möglich. Das hat wohl Apples Entwicklungsabteilung verschlafen.
    Hauptsächlich soll man ja mit dem iPhone im Internet surfen. Leider ist dieses Handy nicht mit UMTS ausgestatten und das Laden von Internetseiten nicht übermäßig schnell. Eher mmehr ein Gimmick als eine Funktion für die ständige Benutzung.
    Apple hat seine Hausaufgaben was die Technik betrifft noch nicht gemacht. Es sind da noch etliche Verbesserungen vorzunehmen.
    Das iPhone wird in Deutschland vermutlich  nur ein Nischenprodukt bleiben. Die Spaßbremse sind teure Tarife welche auch ausschließlich für das iPhone ausgerichtet sind.
    Es ist nicht möglich die Datenflat mit einem Notebook oder anderem Handy zu nutzen. Mit anderen Geräten kann mit dieser SIM-Karte nur telefoniert weden und der SMS Versand ist möglich. Geht das iPhone kaputt (wenn Garantieansprüche ausgeschlossen sind) oder wird es gestohlen/geht verloren, so zahlt man trotzdem die teuren Gebühren.
    Apple verdient an dem Monatsumsatz der iPhonekunden mit, deshalb kann die Telekom die Gebühren nicht anders gestalten.
    Als Fazit läßt sich feststellen - ein teures Spielzeug was niemand wirklich brauch. Für einen breiten Erfolg sind technische Verbesserungen notwendig und natürlich andere Tarife. Am besten natürlich ein freier Verkauf, sodass man sich seinen Mobilfunkanbieter selbst aussuchen kann.
     
    rebecmeer

    • xtoph
    • 09.11.2007 um 22:11 Uhr

    Lieber Marc Steinhäuser,vielen herzlichen Dank für diesen grandios geschriebenen Artikel. Ich habe herzhaft gelacht!Mit freundlichen Grüßen,Christoph Peter, Frankfurt am Main

  3. 5. Danke

    @rebecmeerVielen Dank für diese objektive Beurteilung! Zwar habe ich selbst keinerlei Interesse am iPhone, sehe mich aber als Mac-User immer wieder mit Vorurteilen konfrontiert, auch wenn ich beileibe keine fanatischer Apple-Jünger bin. Aber man wird ja schnell in diese Schublade gesteckt, und selbst die seriöse Presse, von der man eigentlich eine objektive Berichterstattung sollte erwarten können, beugt sich oft diesen Vorurteilen und folgt eben diesen.

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