Kurt Beck und Peter Struck waren sichtlich verärgert, als sie kurz nach zwei Uhr in der Nacht das Berliner Kanzleramt verließen. Der SPD-Vorsitzende sprach von „Verwerfungen“ und „unglaublichen Angeboten“, der SPD-Fraktionschef von einem „unerfreulichen Vorgang“ und von „Verweigerung“. Auf Seiten der Union natürlich. Auch von Wortbruch war in der sozialdemokratischen Delegation die Rede.

Sechseinhalb Stunden lang hatten die Spitzen der Koalitionsparteien CDU, CSU und SPD im Kanzleramt beraten und sich in den strittigen Fragen nur teilweise einigen können. Vor allem für die SPD bedeutete dies eine Niederlage, was ihren Abgesandten in der Nacht auch anzusehen war.

Anders die Union. Sie zeigte sich zufrieden. Am Morgen danach sagte CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla selbstbewusst, die Union habe Kurs gehalten. Auch aus Sicht des CSU-Vorsitzenden Erwin Huber können sich die Ergebnisse „sehen lassen“. Für seine Seite jedenfalls.

Das zeigte sich vor allem in einer der wichtigen Streitfragen: Wegen des Widerstands der Union konnten sich die Koalitionsparteien in der nächtlichen Runde nicht auf die Einführung eines Mindestlohns für Briefzusteller verständigen – ein Thema, das für die SPD mit Blick auf die Gewerkschaften einen großen Stellenwert besitzt. Die Union war nicht bereit, den Tarifvertrag der Gewerkschaft ver.di mit der Post AG auf dem Umweg über das Entsendegesetz für allgemeinverbindlich zu erklären. Dieser Tarifvertrag sieht Mindest-Stundenlöhne von bis zu 9,80 Euro vor, er wird aber von den Konkurrenten des ehemaligen Monopolisten nicht anerkannt. Stattdessen hatte die Union in der Nacht – für die SPD überraschend – vorgeschlagen, den Mindestlohn für alle Briefzusteller bei etwa 8 Euro festzulegen.

Dies jedoch entsprach nicht den Abmachungen, die die Große Koalition im Sommer auf ihrer Kabinettsklausur in Meseberg getroffen hatte. Vor allem die Gewerkschaft ver.di wäre so brüskiert worden. Das war mit der SPD nicht zu machen. Von einem „Unterlaufen“ des Tarifvertrags sprach Beck, wären Unions-Fraktionschef Volker Kauder darauf verwies, dass der bestehende Tarifvertrag aus Sicht seiner Partei nicht für 50 Prozent der Beschäftigten in der Branche gelte und deshalb nicht für allgemeinverbindlich erklärt werden könne. Die SPD rechnet allerdings anders, aus ihrer Sicht gilt der Tarifvertrag sogar für 90 Prozent der Briefzusteller. Die gesetzliche Vorgabe wäre damit erfüllt.