SPD Schock, Betroffenheit, Wut
Nach dem Rücktritt von Franz Müntefering hält das politische Berlin nur einen kurzen Moment inne. Dann geht der Koalitionsstreit weiter, heftiger denn je.
Die Bundespolitik hat schon viele Rücktritte erlebt, viele erzwungene und sehr wenige freiwillige. Aber das hat es noch nicht gegeben: Ein Minister tritt zurück, weil er seiner schwer kranken Frau beistehen will, weil es für ihn offenbar noch etwas Wichtigeres gibt als die Politik. Und so sitzt am späten Dienstagnachmittag ein ziemlich nachdenklicher Franz Müntefering vor den Journalisten, erklärt etwas, was man schwer erklären kann. Er redet über die fünf Operationen, denen sich seine Frau in den letzten sechs Jahren unterziehen musste; er redet über ihren Gesundheitszustand und darüber, dass es ihr seit zwei Wochen wieder schlechter geht, dass sie erneut operiert werden musste und dass er nun seine Frau auf dem schwierigen Weg der Rekonvaleszenz begleiten will.
„Ich will dabei sein“, sagt Franz Müntefering, „ich werde mich der Aufgabe zuwenden, die jetzt meine wichtigste ist.“ Und da sich dies nicht mit der Arbeitsbelastung eines Ministers und Vizekanzlers verbinden lasse, habe er sich am vergangenen Sonntag entschieden, aus dem Kabinett auszuscheiden. Es gebe „ausdrücklich keine politischen Gründe“, versichert Müntefering. Und weil er natürlich weiß, dass die Hauptsstadtjournalisten an dieser Beteuerung zweifeln werden, dass sie an seinen Streit mit Kurt Beck und seine machtpolitische Niederlage im Streit um das Arbeitslosengeld erinnern werden, fügt er noch hinzu: „Ich würde mich freuen, wenn das viele akzeptieren.“
Die SPD steht unter Schock. Man spürt es beim SPD-Vorsitzenden Kurt Beck, der am Abend im Willy-Brandt-Haus vor die Presse tritt und darüber spricht, dass Müntefering für die SPD „bis zum heutigen Tag Großes geleistet“ habe. Man spürt es in der SPD-Fraktion, die am Nachmittag zu einer Sitzung zusammengekommen ist. Von einer „echten Zäsur“ redet der Sprecher des Seeheimer Kreises, Johannes Kahrs. Es habe ihn „wie ein Schlag getroffen“, sagt der Abgeordnete Jörg Taus, von „menschlicher Größe“ spricht sein Parlamentskollege Klaas Hübner. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt sagt: „Jemand, der schwer krank ist, kann glücklich sein, jemanden wie Franz Müntefering an seiner Seite zu haben.“
Eigentlich sollte es eine Routinesitzung werden, in der die Bundestagswoche vorbereitet wird. Doch nun muss sich die Fraktion völlig unerwartet und unvorbereitet von ihrem wichtigsten Minister verabschieden. Die Emotionen schlagen hoch, vereinzelt fließen sogar Tränen. Franz Müntefering redet kurz. Er erläutert seine Gründe, verkündet, die SPD werde noch gebraucht, und versichert, sie werde in der Großen Koalition weiter eine wichtige Rolle spielen. Dann sagt er noch „Glück auf“, wie es seine Genossen von ihm gewohnt sind, und wird von ihnen mit langem Applaus bedacht.
Fast alle Abgeordnete reden danach zunächst von Respekt und Betroffenheit. Von dem Respekt vor der Entscheidung ihres Parteifreundes und Betroffenheit über den Abgang eines so wichtigen Ministers.
- Datum 21.11.2007 - 09:51 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT online
- Kommentare 12
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





...wenn man die diskussionen im fernsehen verfolgt oder die berichterstattung im allgemeinen...phoenix ausgeschlossen, da es die tragik der leichtigkeit des live-seins hat...'herr müntefering, fand ihre frau das gut und wie fand das die kanzlerin?...meine frau ja, die kanzlerin nein... das is trocken und nett-und null... mit dem mann würde man gerne ein bier trinken.
mit dem rest im fernsehen nicht mal leitungwasser...eher ölhaltigen wüstensand? hm lekker
...vielleicht mal warmen, schleimigen Tapetenkleister.Genau. Danach ist mir jetzt.
Das Gefühl, was sich bei dem Gedanken an obiges Trinkerlebnis einstellt, ist vergleichbar mit jenem, was sich einstellt, wenn Beck jetzt sein Messer weglegt und bedauernde Worte für Herrn Münteferings Rücktritt sucht und nicht finden will.
ich habe den Münte mal am Nachbartisch in einer Pizzeria beim Essen gesehen. Der war unglaublich locker, zugwandt, höflich und wirkte auf mich authentisch.
Genau das gleiche Gefühl gab er mir, als ich ihn heute im Fernseher sah. Toller Mann.
Denn langsam wird die Frage dringlich, ob die SPD weiterhin mit der CSU weiterregieren will oder sich nicht besser langsam in Richtung Linkspartei orientieren sollte. Warum will man unbedingt weiterhin eine "konservative" Politik betreiben mit einer "linken" Mehrheit im Bundestag? Wie sagte Altmeister Herbert Wehner einst so treffend wie wahr: Mehrheit ist Mehrheit. Das ist das fundamentale Gesetz der Demokratie! Warum hat die SPD-Führung das eigentlich nicht verinnerlicht? Sind Merkels und Westerwelles Attacken gegen die rot-grüne Koalition eigentlich wirklich so unvergessen. Beck ist jetzt als Kanzler gefragt und nicht in 2 Jahren!
Herzliche Grüße aus Akodo Beach, Lagos!
Wie kann Frau Merkel Herrn Müntefering bei den Mindestlöhnen vorführen?
Gesetze brauchen eine Mehrheit im Parlament. Im Parlament nicht im Kabinett. So etwas nennt man Demokratie, oder?
Im Gesicht kann man Münteferings Leid und Wahrheit erkennen, daß das Private Vorrang hat vor dem Windhauch der Politik hat . Müntefering ist ehrlich. Er hat immer Aufrecht zu seiner Sache gestanden ohne Winkelzüge. Auch, wenn man manchmal anderer Meinug und seine Sprache von Schlagwörtern geprägt war. Hier geht einer den man in großen Gefahren gerne an seiner Seite hätte, denn man weiß darum, er läßt einen nicht im stärksten Feuergefecht verwundet auf dem politischen Schlachtfeld liegen, um für sich Nutzen daraus zu ziehen.
Bei allem gebotenen Respekt vor Münteferings persönlichen Motiven bleibt bei mir als altem SPD-Mitglied doch ein Geschmäckle, wenn ich den schnellen Entschluss Kurt Becks reflektiere, nicht als Vizekanzler nach Berlin zu gehen.
Willy Brandt bewies 1967 mehr Mut, als er in das Kabinett Kiesinger eintrat. Er hatte mit seinem Mut zum Risiko 1969 auch den entsprechenden Erfolg.
Aber vielleicht möchte Kurt Beck einfach seinen Posten in der Pfalz nicht aufgeben. Ist ja auch schön da.
Die Gründe von Müntefering sind nachvollziehbar - aber das muß man
sich auch leisten können ! Während viele ebenfalls Betroffene sich mit
Pflegekassen, Krankenkassen und ggf. mit dem Arbeitgeber herumstreiten
müssen ( auch Ergebnis einer Politik für die Müntefering steht) ist es
ein "unheimliches" Privileg "Good-Bye" sagen zu können, ohne daß
soziale Not folgt.
Einen faden Beigeschmack hinterläßt die Ankündigung ggf. wieder aktiv
in die Politik zurückzukehren. Eine weiteres Privileg: Während man die
58-60ig jährigen mit hohen Abschlägen zwangsverrentet ( lt. CDU-Röttgen
ist das Problem bei seiner Partei nicht bekannt-obwohl ca. 350.ooo
davon betroffen sind?????), haben Politiker die Angewohnheit, sich
selbst als für dieses Land unverzichtbar einzustufen-teilweise bis ins
sehr hohe Alter.
Als Münte- Good-Bye forever !!!!!!
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren