Bundesliga Danke, Fußballgott

Es gibt noch Gerechtigkeit im Stadion. Bayern München ist unter die Irdischen zurückgekehrt und in Bremen fiel ein Tor für die Ewigkeit.

Sie haben gebettelt, gefleht und gebetet. Deutschlands Fußballfans oder zumindest all jene, die es nicht unbedingt mit den Bayern halten. Und seit diesem Samstag wissen wir, sie sind erhört worden. Es gibt doch einen Fußballgott. Bayern München ist nicht unschlagbar, die Bundesliga ist wieder spannend und auch Franck Ribéry, Luca Toni und Miroslav Klose sind nur ganz irdische Fußballer, die mal einen schlechten Tag erwischen können.

Dennoch sind dies nicht der Ort und der Zeitpunkt, sich in Schadenfreude über die 70-Millionen-Elf aus München zu ergießen, über die Möchtegern-Galaktischen oder über das Großmaul Uli Hoeneß. Auch die Ferngläser sollte niemand voreilig weglegen, selbst wenn der Abstand der Bayern auf einen Punkt zusammengeschmolzen ist und die Verfolger Werder Bremen und Hamburger SV die Tabellenspitze wieder mit bloßem Auge erkennen können. Schließlich ist die Saison noch lang.

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Die entscheidende Frage aber, die sich nach dem 13. Bundesliga-Spieltag stellt, lautet, wie machen die das? Wie wird im Fußballhimmel über den Fortgang der Meisterschaft entschieden. Gibt es dort einen Allmächtigen oder einen Rat der Götter? Sitzen dort Fritz Walter und Helmut Rahn und machen sich einen Spaß daraus, die Münchner zum Stolpern zu bringen? Frei nach dem Motto: Heute lassen wir den Olli Kahn mal richtig alt aussehen? Hält dort Helmut Schön ein leidenschaftliches Plädoyer dafür, dass es besser sei, eine international nicht konkurrenzfähige, aber dafür spannende Liga zu haben? Schließlich ist der Fußball für den Fan da und nicht umgekehrt. Oder kämpft Sepp Herberger auch im Jenseits für seine These, eine Saison hat 34. Spieltage?

Vielleicht allerdings hat sich ja auch Willy Brandt eingemischt und dem Fußballgott erklärt, Geld dürfe den Fußball nicht regieren, deshalb dürften die Geldsäcke der Liga nicht jedes Wochenende gewinnen, vielmehr müsse man auf dem Platz mehr Gerechtigkeit wagen.

Gerechtigkeit ist schließlich wieder angesagt in der Gesellschaft. Das Volk will am Aufschwung teilhaben, und deshalb wird in der Politik wieder mehr Geld von oben nach unten umverteilt. Merkel und Beck, Koch und Müntefering, sie alle haben versprochen, dass jeder etwas vom Kuchen abbekommt und nicht nur jene, die eh schon haben. Warum sollte die Bundesliga ihnen in dieser Hinsicht nachstehen?

Gerecht war es in jedem Fall, dass die Münchener in Stuttgart 1:3 verloren haben. Zumal der Meister aus Stuttgart rechtzeitig vor dem Spitzenspiel seine Form wiedergefunden hatte. Wer hingegen so leidenschaftslos über den Platz trabt und so weit weg vom Gegner steht wie die Bayern dies am Samstag getan haben, der darf sich nicht beschweren. Nur eine Halbzeit dauerte es, da war die Demontage des FC Bayern komplett: Mario Gomez, Yildiray Bastürk und Mario Gomez schossen die Stuttgarter zu neuem Selbstbewusstsein.

Vor allem das 1:0 war ein bemerkenswerter Treffer: Mit dem Bauch hat Gomez den Ball über die Linie gedrückt und wirft damit die Frage auf, ob es für dieses Körperteil in der Torjäger-Statistik nicht eine eigene Rubrik geben könnte. Das 2:0 hingegen fällt klar in die Rubrik Torhüterfehler, das 3:0 schließlich war ein Blackout der gesamten Bayern-Abwehr, da kann man dem Titan-Kahn keine Schuld geben.

Die Fans der Liga jubeln, stoßen Dankesgebete gen Himmel. Nur in Cottbus oder Nürnberg hält sich die Schadenfreude in Grenzen. Was nützt es auch den Teams aus dem Ligakeller, wenn es am oberen Ende der Tabelle spannend zugeht oder gar gerecht. Von unten betrachtet ist und bleibt die Welt ungerecht. Da hilft kein Fußballgott und auch nicht die Sozialdemokratie. Denn wenn wirklich die Besseren auf dem Platz gewinnen sollen, dann hätte der Klub am Sonntag drei Punkte verdient gehabt und die Lausitzer in Rostock zumindest einen.

Bevor die Agnostiker unter den Fußballfans sich jetzt bestätigt fühlen, sollten sie allerdings nach Bremen schauen und vor ihrem geistigen Auge jene Szene ablaufen lassen, die in der 25. Minute zum 1:0 führte. Denn wenn es noch einen Beweis dafür bedürft hätte, dass es einen Fußballgott gibt, dann wurde dieser am Samstag im Weserstadion erbracht. Selbst ein genialer Fußball-Künstler wie Diego kann einen solchen Ball nicht ohne überirdischen Beistand ins Tor bringen.

Bei seiner Bogenlampe zum 1:0 flog der Ball von der Strafraumgrenze eine merkwürdige Kurve über Karlsruhes Torhüter Kornetzky hinweg und senkte sich wider alle physikalischen Gesetze doch noch ins Netz. Ein Tor für die Ewigkeit. Was wäre der Fußball also ohne seine Götter?

Nachspiel. Die Fußball-Kolumne auf Zeit online. Nach jedem Bundesliga-Spieltag kommentiert Christoph Seils den Kampf um Tore und Punkte, um Meisterschaft und Abstieg. Zum Stand der Liga gibt es jede Woche schließlich etwas Neues zu erzählen. Doch weil Fußball, Politik und Gesellschaft vieles gemein haben, Steilvorlagen und vergebene Chancen zum Beispiel, versteht es sich von selbst, dass mit Hilfe des Fußballs die Lage der Nation erörtert wird.

 
Leser-Kommentare
    • hagego
    • 12.11.2007 um 11:29 Uhr

    Da in Hollywood zur Zeit wegen eines Streiks keine Drehbücher geschrieben werden, machen das die Bayern im Alleingang.Beckenbauer grantelt. Hoeneß schweigt. Rummenigge ist so richtig sauer. Und Hitzfeld bleibt gelassen. Die Handlung ist schnell erzählt: Bayern hat das erste Saisonspiel und das Ex-Rotbäckchen die Contenance verloren. Und hat sich vor laufender Kamera als ein drohender Wolf dargestellt. Ob seine Mathe-Gleichung aufgeht wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Die Schweizer Fußballanhänger werden die Münchener Zwistigkeiten mit Freude zur Kenntnis genommen haben, steigen doch ihre Chancen, Hitzfeld als Nationaltrainer zu bekommen.Ach so, noch 'was, Herr Seils, das Tor für die Ewigkeit fiel in Stuttgart. Darauf würde ich mich schon versteifen. Fragen Sie mal Mario Gomez, wie er den Ball ins Tor bugsiert hat. Es könnte ein fruchtbares Kurzinterview werden...

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