User-Kommentare Ökoschwaben und Pornobrillenträger

Mit seiner kritischen Kiez-Beobachtung des Berliner Stadtteils Prenzlauer Bergs hat Henning Sußebach eine kontroverse Diskussion ausgelöst

"Endlich, endlich, endlich!" Es gab einige ZEIT-Leser, denen unser Autor Henning Sußebach mit seinem Artikel "Bionade-Biedermeier" aus der Seele gesprochen hat. Andere User verspürten dagegen "ein ungutes Gefühl" nach der Lektüre. Prenzlauer-Berg-Bewohner meldeten sich zu Wort, die ihren Kiez vehement verteidigten - aber auch solche, die vor dem "Kindertheater im Bioland" inzwischen geflohen sind.

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Leser-Kommentare
    • voku
    • 13.11.2007 um 23:48 Uhr

    Ich habe ein bisschen den Eindruck, dass der Artikel an der ein oder
    anderen Stelle gefaked ist - gerade was die Zitate beispielsweise
    dieses türkischen Obsthändlers betrifft."Einer seiner Kunden
    habe sich einen Kamin für 130.000 Euro einbauen lassen" ist auch einer
    dieser furchtbaren Klischeesätze. Das ist eigentlich "Spiegel"-Stil.
    Erinnert mich an den schlimmen Spiegel-Artikel über die Vanity Fair. Da
    stand drin, dass die Redakteure von VF Evian in die Espresso-Maschine
    kippen. Das soll halt die Vorturteile der Leser bedienen, mehr nicht."Die
    wenigen Alteingesessenen jedenfalls unterteilen die vielen Zugezogenen
    grob in Ökoschwaben und eher auf ihr Äußeres bedachte
    Pornobrillenträger." Wieder ein ärgerlicher Klischee-Satz, der wohl
    eher das Weltbild des Autors als das der Ureinwohner widerspiegelt. Das
    ist sehr durchschaubar."Die Beamten im Polizeirevier drucksen ein wenig rum, wenn man sie nachVeränderungen in den Straßen und den Häusern fragt, die sie seit Jahrenkennen. Ihre Lippen werden schmal, sie wirken seltsam defensiv.  Dannstellt
    sich heraus: Sie kommen alle nicht von hier, Dienstleistungen werden
    mittlerweile importiert. Der Prenzlauer Berg ist kein Viertel, das
    Putzfrauen, Bauarbeiter oder eben Polizisten hervorbringt. Das ist hier
    ähnlich wie in Dubai."Jetzt wird der Artikel richtig
    schwachsinnig. Als ob sich Polizisten ihre Dienststelle aussuchen
    könnten. Und was will der Autor damit suggerieren? Dass West-Polizisten
    in den Prenzlauer Berg gekommen, weil sie es dort ebenfalls toll und
    trendy finden? Wahrscheinlich kommen die aus Lichtenberg und das ist
    dann normal. Natürlich hat er das verschwiegen. Passt ja nicht in den
    Klischee-Aufsatz.Der Gegensatz zwischen den "Ökoschwaben"
    und dem hart arbeitenden Türken ist übrigens besonders klischeehaft,
    wirkt konstruiert und taugt nicht als Reportage-Rahmen für diese
    PR-Schmonzette. Damit offenbart der Autor erstens unterschwelligen
    Rassismus (Der Türke verkauft immer Obst und ist zu dumm, sich
    anzupassen), zweitens bedient er die vermeintlichen Erwartungen seiner
    Leser. Dass die vielleicht weiter denken als er selbst, kommt ihm nicht
    in den Sinn. Am Ende kommt bei dem Artikel dann genau das raus, was
    doch eh alle über den Prenzlauer Berg wissen und tausend Mal in Spiegel
    und Co. gelesen haben.

  1. Sicher, der Artikel tut vielen Prenzelbergern unrecht, die einfach nur
    dort leben, weil sie schon immer in Ostberlin gewohnt haben (gibt es!),
    weil viele ihrer Freunde dort wohnen, weil es bequem ist. Aber
    Klischees sind dazu da, dass man sie überzeichnet, und laut darüber
    lacht, weil man in der Überzeichnung vieles wiedererkennt. Ich
    meinerseits bin der Prenzelberger Monokultur recht bald überdrüssig
    geworden. Ein gewisser Zug weiterer Überdrüssiger in Richtung
    Friedrichshein oder Kreuzberg ist festzustellen, wobei diese Option
    natürlich nur Menschen ohne akutem Kinderwunsch offensteht, denn so
    "alternativ" und "multikulti" das Leben im Wrangelkiez anmutet, sein
    Kind auf eine Kreuzberger Schule schicken möchte dann doch keiner. Vom
    Regen in die Traufe also letztlich doch.Ich bin jetzt nach
    Charlottenburg gezogen (Kommentar vieler "Ökoschwaben": "Was? In den
    Westen? So weit weg?"). Da ist die Welt noch in Ordnung. Zwischen
    Otto-Suhr-Allee und Kurfürstendamm gibt es Türken und Asiaten,
    Fußgängerzonen-Ghetto-Kids und Yogamuttis, Alte und Junge, Penner und
    Beamte. Der Mietspiegel liegt bei 5€/qm. Das Einzige, was zwischen all
    den Alt-Berliner Eckkneipen und Restaurants fehlt, ist eine "hippe" Bar
    und voller Pornobrillen- und Trainingsjackenträger. Ob das ein Mangel
    ist? Ich habe es noch kein einziges Mal vermisst. Die Verkehrsanbindung
    an die verschiedenen Hipness-Biotope Berlins ist phänomenal, und nichts
    geht über das tägliche Gefühl, in einer Großstadt mit Geschichte und
    ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen auf engstem Raum zu wohnen. Die
    Varietas und Toleranz, die sich doch eigentlich alle Großstädter
    wünschen.Ich hoffe, ich habe jetzt nicht zu viel verraten. Doch ich
    glaube, die alte Charlottenburger Identität ist stark und das Image des
    Stadtteils "spießig" genug, um nicht ähnlich von einer Welle wahrer
    Spießer überrannt zu werden.

  2. Ich sitze in meiner Küche an der Schönhauserallee und esse argentinisches Rindfleisch. Das Zeug ist 100% Natura und stammt von garantiert glücklichen Viechern, die drei Mal pro Tag mit irgendwelchen Ölen eingerieben werden und nur Bio - Gras zu fressen kriegen. Dazu gibt es Pasta mit einer hausgemachten Tomatensauce und später noch ein Glas Multivitaminsaft. Danach sehe ich mir gemeinsam mit Julien so einen französischen Studiofilm an, in dem alle Protagonisten die ganze Zeit Foie Gras aus handgetöpferten Lehmbehältern in sich reinstopfen und gleichzeitig ihre Frauen betrügen. Während der Film läuft werde ich dann doch ein wenig schwach und rauche eine Zigarette, bereue dies aber gleich wieder. Um 00:45 finde ich dann, es wäre langsam Zeit ins Bett zu gehen, schlüpfe in meine frisch gewaschene Baumwolle - Bettwäsche und lese ein halbes Kapitel in einem Buch von Rüdiger Safranski. Danach schlafe ich ein.
    Ich gebe es ja zu, ich lebe mitten im Getto der Öko – Digital – Boheme – Nomenklatura Deutschlands. Im Prenzlauer Berg gibt es den größten Bio – Supermarkt Europas, übermäßig viele junge Frauen mit geländetauglichen Kinderwagen und geländeuntauglichen Fahrrädern sowie eine ganze Menge Second – Hand – Läden, in denen ein Nierentisch aus Hartplastik 500 Euro kostet. Die Leute fahren erst um neun zur Arbeit und auf der Kastanienallee kommt der Milchkaffee im Wasserglas und heißt dann Latte Macchiato. Es gibt hier wenige Türken, dafür umso mehr Franzosen und Italiener. Und an der Eberswalderstrasse konnte man bis vor kurzen einen Bio – Döner kaufen. So weit so gut. Aber lässt sich deswegen ein ganzer Stadtbezirk unter dem Schlagwort Neo – Biedermeier zum Problemfall erklären? Für die Zeit offenbar schon. Das Hamburger Wochenblatt ortet zwischen Torstrasse und Kollwitzplatz nichts anderes als Pornobrillenträger, Öko – Schwaben und hysterische Mütter, die zwischen Yoga, überteuerten Altbauwohnungen und vagen, arbeitsähnlichen Nachmittagsbeschäftigungen eine keim- und konfliktfreie Selbstverwirklichung betreiben. Das mag bis zu einem gewissen Grade durchaus stimmen und ich bin ja der erste, der sich darüber lustig macht. Aber was verdammt noch mal soll daran so schlimm sein? Und überhaupt? Was wäre Berlin ohne den fürchterlichen Prenzlauer Berg?
    Man kann über die Attraktivität der Tangente Mitte/Prenzlauer Berg ruhig geteilter Meinung sein. Vielleicht sind die Strassen nicht dreckig genug und es gibt zu wenige Gammelfleisch – Döner. Eines hingegen ist unumstritten: die viel gescholtene Schickimicki – Boheme hat Berlin für Außenstehende zum ersten Mal seit langem wieder attraktiv gemacht. Denn hier liegen die Galerien der ganzen New Yorker Exilkünstler, die vor der lustfeindlichen Politik ihrer Stadt nach Übersee geflohen sind. Hier hat Hedi Silmane den Heroin- Chic erfunden und nicht etwa in Lichterfelde-Ost. Früher war das anders. Ich kann mich an die Fernsehbilder vom Mauerfall oder von der Weltmeisterschaft 1990 erinnern. Die Leute, die sich da in den Armen lagen, sahen alle gleich aus, egal ob sie nun aus dem Osten oder dem Westen stammten. Sie trugen die Jeans bis über den Bauchnabel, hatten bunte Windjacken an und die gleichen Frisuren wie Rudi Völler. Dazu sang ein schauspielernder Bademeister aus Amerika „I am looking for Freedom.“ Will irgendwer da hin zurück? Ich bestimmt nicht. Und da bin ich sicherlich nicht der einzige. „Als ich meiner Mutter erzählt habe, dass ich nach Berlin ziehen werde, hat sie mich angeguckt, als würde ich mich freiwillig in ein osteuropäisches Umerziehungslager einweisen lassen“, sagte Julien einmal. Inzwischen hat sich diese Sichtweise radikal geändert. Berlin ist für viele Europäer zu einer vielleicht etwas naiven, realitätsfernen aber umso aufregenderen Utopie gworden. Zu einer Stadt, in der man leben möchte. Und das ganz bestimmt nicht wegen Bushido, der Neuköllner Rütli – Schule oder dem Aldi - Supermarkt in Wedding.
    In den übrigen europäischen Metropolen hat man offenbar keine solchen Probleme. Julien beispielsweise, bezeichnet sich selbst als Pariser, obwohl er eigentlich in der Nordfranzösischen Provinz aufgewachsen ist. In Berlin wäre so etwas ein Sakrileg. Hier bleibt ein Zugezogener für immer ein Zugezogener, Punkt. Aber mal ehrlich, was wäre diese Stadt ohne all die Öko - Schwaben, die westdeutschen Provinzler oder die Easy- Jet – Ladungen voller Franzosen, Spanier und Engländer, die mit rauchenden Köpfen und kribbelnden Fingern voller Tatendrang in Schönefeld auf dem Bahnsteig stehen? Vermutlich nicht viel mehr als eine weitere ostdeutsche Stadt mit Männerüberschuss, zwanzig Prozent Arbeitslosigkeit und leeren Kassen. Wer das möchte, kann uns ruhig zum Teufel jagen. Und ach ja, bevor ich es vergesse. Die Steaks hat Julien übrigens beim Ulrich gekauft. Und zwar drüben, im Westen.

  3. Ich wohne seit 1999 im Prenzlauer Berg und fühle mich hier sehr wohl und vor allem sicher als schwuler Mann Anfang 40. Bis 1999 habe ich im ehemaligem Westteil, in Berlin Schöneberg gewohnt. Nach zwei tätlichen Angriffen auf offener Strasse verübt durch türkische junge Männer auf meine Person hielt ich es für ratsam, dort wegzuziehen, den ich hatte bis dato nicht gekannte Angstgefühle. An die verbalen Beleidigungen hatte ich mich ja dort schon so gut wie gewöhnt. Prenzlauer Berg ist für mich ein gutes Lebensgefühl und hoffentlich noch lange ein Ort zum wohnen.

  4. Der Prenzlauer Berg frohlockt. Ist er doch neuerdings wieder in aller Munde. Schon wird das “Bionade-Biedermeier” auf sämtlichen Partys des Bezirkes ausgerufen. Leider ist der Titel dann auch das Beste am ganzen Artikel, der unentschieden zwischen Reportage und Polemik schwankt.
    Habe mit Erstaunen die Häme und Bösartigkeit der an dieser Stelle geführten Debatte zur Kenntnis genommen. Aber was erwarte ich? Leben und leben lassen war halt noch nie eine deutsche Tugend, und wehe, wenn sich irgendwo in diesem Land eine bürgerlich-intellektuelle Schicht zu formieren wagt! Dann setzt es Prügel von allen Seiten.
    Anstelle eines weiteren fruchtlosen Kommentars (sonst bin ich doch nur wieder „der getroffene Hund, der bellt“) möchte ich verweisen auf Jakob Heins großartige Polemik „Das Geständnis“ (zu lesen unter http://taz.de/blogs/reptilienfonds/2007/10/11/jakob-hein-ueber-das-geschundene-kind-vom-wedding), die ihrerseits eine Replik ist auf einen (ebenfalls ganz netten) Text von Heiko Werning (http://www.taz.de/blogs/reptilienfonds/2007/06/01/die-geschundenen-kinder-vom-prenzlauer-berg). Ich denke, dort ist alles zum Thema gesagt.
    Einen Einwurf kann ich mir dennoch nicht verkneifen. Ist es nicht interessant, dass ausgerechnet der spießige Prenzlauer Berg, auf den hierzulande neuerdings alles einhackt, so attraktiv für ausländische Zuzügler ist? Da kommen sie in Scharen aus Spanien, Frankreich, Italien, ja sogar aus den USA und aus Israel. (Aber die wolln wa hier nich haben, wa?)
    Und - man höre und staune – auch der eine oder andere weltoffene Türke soll sich bereits hierher verirrt haben. Manche von ihnen haben sogar Zentralheizung...

    Marc Burth

  5. Prenzlauer Berg ist meine Heimat. Ich hab schon immer hier gewohnt. Als Kleinkind in einer Erdgeschosswohnung mit Außentoilette im Hinterhaus in der Christburger, als Teenager in der von Ihnen sogenannten "Castingallee" (habe ich so übrigens noch nie gehört) im 5. Stock mit Ofenheizung. Das Haus sieht heute noch genauso aus wie damals (Nr. 87). Ich bin zugegebenermaßen ziemlich froh, heute, in unserer Wohnung am Kollwitzplatz, eine richtige Heizung zu haben. Sollte es Ihrer Meinung nach keine Veränderungen geben? Muss alles so bleiben wie "früher", um die Authentizität zu bewahren? Der Prenzlauer Berg ist einfach ein wunderbarer Kiez. Sie haben durchaus recht, dass es jede Menge Zugezogener gibt. Aber hier leben ebenfalls sehr viele, die schon immer hier waren. Es gibt Freundschaften und nachbarschaftliche Beziehungen, die über Jahre, Jahrzehnte gewachsen sind. Ob echter oder neuer Prenzlauer Berger, in unserem Freundes- und Bekanntenkreis spielt das keine Rolle. Die Klassenkameraden unserer 10-jährigen Tochter sind alle herrlich normal, die Eltern bodenständig, interessiert und für das Wohl der gesamten Klasse engagiert. Es gibt nur 3 oder 4 von 31 Mitschülern, die Einzelkinder sind - etwa doch ein Hinweis darauf, dass hier mehr Kinder als anderswo geboren werden? Ich finde Ihre polemische Darstellung sehr hochnäsig. Man kann doch nicht aufgrund von Statistiken oder anhand von zielgerichtet betroffen machenden Fallbeispielen über einen ganzen Bezirk urteilen. Damit könnten Sie jeden Bezirk abkanzeln. Und tun Sie doch nicht so, als ob Bionade nicht in ganz Deutschland gern getrunken wird!

  6. Der Kommentar steht würd ick sagen für sich oder? Ostberlin für immer!!!

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