Paar-Psychologie Wohin springen die denn
Sibylle Berg denkt über die Leute nach, die ihre Liebsten verlassen
Lebensentwürfe gibt es, die nachzuvollziehen nur mit größter Mühe gelingen mag. Erwachsene Menschen stehen nach 20, 30 gemeinsam verbrachten Jahren voreinander, und dann sagt einer Sätze wie: Du, es ist einfach so passiert. Ich konnte mich nicht dagegen wehren. Ich habe doch auch ein Recht darauf, glücklich zu sein!
Die Sätze meinen: Ich habe mich verknallt, die Hormone rauschen noch mal so richtig fett durch meinen Körper, hurra, ich hab noch einmal eine Erektion gehabt, jippi, mir ist es gekommen, und jetzt mal tschüss. Dann packen sie ihr Köfferchen - du hörst von meinem Anwalt - und schlagen die Tür noch nicht mal zu.
Immer wenn ich so eine Geschichte höre oder lese, werde ich ganz starr vor Elend. ICH VERSTEHE DAS NICHT!
Gehen wir von einer normal guten, normal freundlichen Beziehung aus. Eine, in der man miteinander redet, wenn auch nicht ununterbrochen, in der man lacht und gemeinsam einschläft, in der man dem Verfall des anderen nicht unbedingt mit Jubilieren, so doch gutmütig beiwohnt. Eine Beziehung in der man sich nicht verspannt, die meisten Geheimnisse des anderen kennt, seine Angewohnheiten und seine blöde Verwandtschaft. Vielleicht waren da Kinder mit Krankheiten und Sorgen, die Steuer war zu hoch, die Haare fielen aus, es gab Erkältungen und Darmgrippen, versaute Urlaube und nervende Nachbarn. Alles haben sie zusammen ausgehalten, durchgestanden.
Und dann: Ich habe mich verliebt, es ist einfach so passiert. Blöder geht es nicht. Keinem passiert Verlieben einfach so. Das muss man wollen. Und zulassen. Genauso dämlich wie Frauen, die sich in verheiratete Väter mit fünf Kindern verlieben - "Ich konnte mich nicht dagegen wehren" - ist das. Madame-Bovary-Quatsch. Natürlich schlafen in uns allen genetische Programmierungen, die nach Paarung schreien. Natürlich sieht man immer wieder einen netten Menschen, einen potenziellen Partner. Vielleicht verliert man sich mithin in erregenden Gesprächen, von denen man glaubt, sie so lebendig noch nie vorher erlebt zu haben. Aber darum einen Menschen verraten, mit dem man sein halbes Leben verbracht hat? Was bleibt denn von dem noch so attraktiven, noch so anregenden neuen Gegenüber nach zehn Jahren?
Sieht man so jemanden und ist in einer Beziehung, oder weiß, dass der andere es ist, dann geht man doch einfach flott und angemessen seiner Wege. So einfach ist das. Aber - nix da - weggegangen wird nicht bei den Leutchen, von denen hier die Rede ist. Die bleiben sitzen und dann überkommt es sie. Die große, neue Liebe, der ganze Kitsch.
- Datum 16.11.2007 - 11:40 Uhr
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- Quelle ZEIT online, 15.11.2007
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Ein sehr schöner und einfühlsamer Artikel, dem ich sehr zustimme. Ich lese gerade den "Brief an D." von Andre Gorz. Er wurde mal in einem Interview nach seiner Treue gefragt; etwas, dass im Paris der späten 60-er Jahre unter Intellektuellen eher weniger erwartet werden kann. Gorz hat geantwortet, der Gedanke seine Frau zu betrügen sei ihm einfach nie gekommen.
So einfach kann es manchal sein.
Frau Berg findet ja doch noch zu einer gewissen Form - selbst wenn der Artikel keine grundlegend neuen Wahrheiten verkündet, ist es immerhin besser als das Vorherige "Alles ist so schlecht".
Was für ein Unfug.
die Frau beweist mit ihrem Artikel, dass sie keine Ahnung von der Liebe und damit vom Leben selbst hat. Als ob Liebe eine Entscheidung wäre - etwas worauf man sich einlassen kann, nein, das man sogar "wollen muss", damit es passiert.
Falsch, meine Liebe, ganz falsch.
Dämlich? Sicher ist es dämlich, sich "einfach so" zu verlieben. Liebe ist eigentlich immer "dämlich", weil sie eben nie mit Wille und Verstand passiert und meistens Dinge verändert, in Verunsicherung führt und, leider, viel zu oft einen "Verlierer" hinterlässt, der die Nachsicht hat und verlassen wird.
Das ist unfair und traurig, aber so ist das Leben.
Klingt blöd, ist aber so.
Jemandem der sich neu verliebt und sich infolgedessen für einen neuen Partner, den "Geliebten" entscheidet, zu unterstellen, er tue dies, weil er sich dadurch "jung" fühle und die Vergänglichkeit nicht akzeptieren könne und ihm ferner zu unterstellen, er sei unfähig, anderweitig gegen "Endlichkeit" anzugehen, ist kurzsichtig und ignorant. Der Artikel stellt Liebe als eine billige Alternative zum Übernehmen der eigenen Lebensverantwortung dar.
Nur ein Mensch, der großen Verlustängste unterliegt, die sein Leben und Denken begrenzen, kann so einseitig schreiben und ein so falsches Bild von der Liebe/ von Liebenden zeichnen.
Seinen Partner gehen zu lassen tut weh. Aber selbst das ist ein Zeichen von Liebe. Wer Liebe zum Vorwurf macht, ist mit seiner eigenen Liebe nie weit gekommen.
...es ist schon schlimm mit den l e u t c h e n , wenn sie mal anfangen zu überlegen oder möglichweise überlegen, es einzustellen. das überlegen. das maschinenglück. das glückliche glück. das endlose glückliche freundliche glück. was die sich alles erlauben. wo soll das hinführen? ich fürchte zu erektionen. flecken. auf der weissen, unschuldigen wäsche. an den wänden und im flur. im freien und auf parkplätzen.
hey! wer kitschig in der freundlichkeit ist, kitschig in der liebe und im sex und beim abwasch, der ist auch kitschig im schlussknaller. nothing to write home about, wie der bayer sagt.
@baumkanneich glaube die Autorin schreibt über Situationen, in denen die Entscheidung tatsächlich in der Verantwortung derjenigen Leute liegt. Nämlich dann wenn die Gründe unlauter sind, den Partner sitzen zu lassen. Wenn man zuviel Soaps, Romantikkomödien, Kitschbücher oder schlicht Werbespots gesehen hat und/oder sich selbst anfing für viel zu toll für den anderen zu halten, woraus das Gefühl entsteht man könne was verpassen vom suggerierten Highlife dadraussen.
ich kann den artikel nicht wirklich nachvollziehen. dämlich ist wer sich nicht ändern kann. dämlich ist wer nur nach hinten schaut. dämlich ist wer die kürze des lebens unterschätzt.soll man bei seinem partner bleiben nur weil man bereits so viel investiert hat? weil man gemeinsam so viel erlebt hat? eine aus meiner sicht sehr naive haltung.ein partnerwechsel frischt den geist enorm auf. noch nie erlebt?!
...finden fast alle Kommentatoren diesen Artikel "nicht nachvollziehbar"? Sybille Berg schreibt mutig über eine Wahrheit, die jeder insgeheim irgendwie weiß, aber doch niemand akzeptieren kann. Gesellschaftlich erwünscht ist es, jemanden, der laut den Beschreibungen der Autorin handelt, zu seiner phänomenalen Entscheidung zu beglückwünschen. Jegliche Kritik wird sofort empört abgefedert, und sollte man in die Lage des Kritisierenden geraten sein, finden sich für die Gegenseite mit Sicherheit etliche Verbündete. Warum hat in unserer Gesellschaft Kontinuität keinen Wert? Warum wird nur das anerkannt, was den Wechsel markiert? Zudem, der Mensch kann sehr wohl steuern, wann er sich wo in wen verliebt. Gottseidank sind wir mit Verstand ausgestattet, der uns mitteilt, dass der fünffache verheiratete Familienvater vielleicht doch nicht der Richtige ist, auch wenn wir so endlos ergreifende Gespräche mit ihm führen, während wir mit dem Gatten nur noch das Abendessen neben laufendem Fernseher einnehmen.
In Erinnerung an einen schönen Sketch der tschechischen Klassiker-Marionetten Spejbl und Hurvinek um eben diese Frage (etwa aus den 60ern) scheint mir, daß die Autorin wie auch die Kommentatoren alle eine sehr subjektive Meinung davon haben, die wohl durchaus sehr unterschiedlich ist; daher vielleicht auch die etwas konträren Standpunkte (die vielleicht auch etwas achtungsvoller ausgedrückt werden könnten, nicht wahr baumkanne?).
Liebe, Leidenschaft, Verliebtheit, Zusammenleben, Ehe, Romanze, ONS - es gibt sehr vieles Verschiedenes auf diesem Gebiet, und wer was für was hält ist auch wieder subjektiv.Versuchen wir mal ein Herantasten: ein aufflammendes Gefühl der Hingezogenheit und der Begeisterung für einen anderen Menschen ist, vor allem wenn es auf mehr als verkappter (weil lange unterdrückter) Eigenliebe beruhen, trotzdem noch lange keine Liebe.
Wann Verliebtheit zu Liebe wird, bestimmen BEIDE Akteure selbst; hier ist die persönliche Verantwortung eines jeden Menschen für sein Verhalten nicht zu ignorieren. Oder im Klartext: wer fremd geht, WILL dies. Sich dann auf "äußere Umstände" zu berufen, ist Flucht vor der eigenen Erkenntnis, wohl etwas falsch gemacht zu haben. Dacor?
In unserer schnelllebigen Zeit sind natürlich viele Werte, die lange als unumstößlich galten, den vielfältigen Veränderungen des Lebens zum Opfer gefallen. Das heißt aber auch nicht, daß alle Werte zum Teufel gehen können. Eine Gesellschaft ohne Werte wie Moral, Ethik, Verantwortung für sich und andere ist mittelfristig nicht überlebensfähig.
Eine Gesellschaft ohne Liebe nicht mal kurzfristig, das stimmt. Bei aller Liebe - auch dieses "hehre" Gefühl kann sich aber nicht außerhalb gesellschaftlicher Normen stellen. In einer Gesellschaft des konzentrierten Egoismus mag dies ein unmoderner Standpunkt sein - Ehrlichkeit sich selbst gegenüber ist aber ein wesentliches Element der Selbsterkenntnis, zu jeder Zeit.
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