Energiemarkt Ein bisschen Enteignung
Hessens Wirtschaftsminister Alois Rhiel will die großen Stromkonzerne zwingen, Kraftwerke zu verkaufen, und so für mehr Wettbewerb sorgen. Der Vorschlag ist konsequent.
Der politische Druck auf die Stromkonzerne gewinnt an Kraft. Seit einer Woche wird nahezu täglich neue Kritik an E.on, RWE, Vattenfall und EnBW laut: Zuerst äußerte das Bundeskartellamt den Verdacht, die großen Vier sprächen untereinander ihre Preise ab. Dann bemängelte die Monopolkommission, der Wettbewerb in der Branche funktioniere nicht,
und der Vorsitzende der Kommission Jürgen Basedow dachte öffentlich über Eingriffe nach
. Auch die Bundesnetzagentur kritisierte die angekündigten Strompreiserhöhungen um zehn Prozent zum Jahreswechsel.
Zu guter Letzt meldete sich EU-Wettbewerbskommissiarin Neelie Kroes zu Wort: Die Strompreise seien höher, als man in einem Markt mit echtem Wettbewerb erwarten dürfe, sagte sie in einem Interview. Kroes will den Stromkonzernen ihre Netze nehmen, um ihre Macht zu brechen.
Alois Rhiel will mehr.
Seit Langem kämpft der hessische Wirtschaftsminister (CDU) gegen die Dominanz der großen Energiekonzerne.
An diesem Montag, gut zwei Monate vor den hessischen Landtagswahlen, stellte er in Berlin den Entwurf eines Gesetzes vor, das endlich mehr Wettbewerb auf dem Strommarkt schaffen soll.
Rhiel möchte die großen Versorger zwingen, Kraftwerke an potenzielle Konkurrenten zu verkaufen
- in eng definierten Ausnahmefällen und wenn alle anderen Mittel nicht mehr helfen. Der Entwurf sieht sogar die Abspaltung ganzer Unternehmensteile vor, zudem soll das Bundeskartellamt unter bestimmten Umständen auch Fusionsgenehmigungen widerrufen können.
Es sei inakzeptabel, „Bestandsschutz zu gewähren für Unternehmen, die dank einer genehmigten Fusion in eine marktbeherrschende Stellung wuchsen und diese nun dauerhaft missbrauchen können“, sagt Rhiel. Seine Hoffnung: Erleichtert das neue Gesetz der Konkurrenz den Eintritt in den Strommarkt, so wird der Wettbewerb intensiver, und dann fallen auch die Preise. Um ein Drittel könnte Strom im Großhandel billiger werden, prognostiziert sein Ministerium. Das entspräche einer Preissenkung von zwei Cent je Kilowattstunde. Im kommenden Januar will der Minister seinen Entwurf in den Bundesrat einbringen.
Die Struktur des Strommarkts spricht für Rhiels Vorhaben: Allein zwei Unternehmen – E.on und RWE - kontrollieren in Deutschland 60 Prozent der Stromerzeugung. Zusammen mit den beiden anderen großen Spielern im Markt – Vattenfall und EnBW – kommen sie auf 80 Prozent. Diese großen Vier betreiben auch die überregionalen Netze und kassieren von jedem Konkurrenten, der auf ihre Leitungen angewiesen ist, eine Nutzungsgebühr. Sie halten Anteile an der Leipziger Börse EEX, an der sich der maßgebliche Großhandelspreis bildet, und an kleineren Stromproduzenten, beispielsweise Stadtwerken. Sie kontrollieren die Kuppelstellen an den deutschen Grenzen, durch die Elektrizität importiert und exportiert werden kann und die bislang kaum ausreichende Kapazitäten haben, um einen wirklich europäischen Strommarkt zu ermöglichen. Konzentration bestimmt also den Markt, sagt selbst das ganz den objektiven, puren Zahlen verpflichtete Statistische Bundesamt.
So etwas hält die Strompreise hoch, höher zumindest als fast überall sonst in Europa – trotz Privatisierung der ehemals staatlichen Stromerzeuger. Deren Folgen hatte sich die Politik anders vorgestellt. Denn statt zu sinken, stiegen die Verbraucherpreise für Strom zwischen Januar 2000 und September 2007 Angaben des Statistischen Bundesamts zufolge um 38,5 Prozent.
- Datum 06.05.2009 - 15:16 Uhr
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- Serie Energiemaerkte
- Quelle ZEIT online
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"Konzentration bestimmt also den Markt, sagt selbst das ganz den objektiven, puren Zahlen verpflichtete Statistische Bundesamt.So etwas hält die Strompreise hoch, höher zumindest als fast überall sonst in Europa – trotz Privatisierung der ehemals staatlichen Stromerzeuger". die formulierung - trotz privatisierung - läßt darauf schließen, daß hier jemand etwas ganz wesentliches der privatisierungsprozesse nicht verstanden hat.
"Nicht verstanden" wäre eine Erklärung. Ich denke, es geht hier um ein anderes Problem: den blinden Glauben an die Selbstregulierungskräfte des Marktes. Den wollen Neoliberale nun mal nicht in Frage gestellt sehen.
Ohne Zweifel würden die Energieriesen alle juristischen Winkelzüge probieren und so Zeit gewinnen, in der sie weiter abkassieren können. Ich schlage daher vor, Herrn Glos' Idee einer staatlichen Deckelung der Preise als Zwischenlösung zu nehmen und überdies die bisherigen 38% Preiserhöhung als erstes den Verbrauchern zu erstatten.
Es wird natürlich umgekehrt laufen. Herr Glos darf die Wählerseele ein wenig streicheln, der Rest der korrupten Bagage einigt sich mit den Energiebossen auf eine Politik der kleinen Schritte und die Verbraucher zahlen mehr und mehr, die nächsten 20 Jahre lang.
Die in dem Artikel genannten Gründe für die hohen Strompreise sind sicherlich im großen und ganzen richtig. Ein ganz wesentlicher kostentreibender Faktor ist dem Autor aber leider entgangen. Tatsächlich sind ja die Preise nach der Liberalisierung erstmal kräftig gefallen, erst nachdem Rot-Grün mit dem erneuerbaren Energien-Gesetz und der Ökosteuer den Staatsanteil am Strompreis massiv hochgeschraubt haben sind die Preise gestiegen. Das inzwischen auch die hohen Kosten für Öl, Gas und Kohle zu buche schlagen, und obendrein die Konzerne ebenfalls mehr verdienen tut sicherlich ein übriges. Mit dem letzten Punkt habe ich allerdings noch die geringsten Probleme. Mir ist lieber der Erbringer einer Leistung macht Gewinn als der Erbringer keiner Leistung (also der Staat). Denn das der Staat keines der erklärten Ziele im Energiesektor erreicht hat (also vor allem sinkende Strompreise) gibt er ja offen zu.
Dieser Titel schlägt schon dem Fass den Boden aus.
Ich werde langsam krank, wenn ich sehe, dass jede Abzocke erlaubt wird, Menschen, die nicht geerbt haben, aber als Verfügungsmasse der "Eliten" gesehen werden. Mir ist immer schlecht, ich könnte dauernd kotzen, hat jemand ein Rezept?
"die formulierung - trotz privatisierung - läßt darauf schließen, daß hier jemand etwas ganz wesentliches der privatisierungsprozesse nicht verstanden hat."
Das kann man wohl sagen! Jemand hat einmal vorgeschlagen, für diesen Begriff die Formulierung "Enteignung öffentlichen Eigentums" vorgeschlagen.
Privatisierung ist immer dann gut, wenn der betroffene Endverbraucher - kurzum: der Bürger - keine Wahl hat, als den geforderten Preis zu zahlen. Oder umgekehrt: Bei der Privatisierung geht es um die Konstruktion eines (scheinbaren) Marktes ohne Wettbewerb. Denn wie schrieb Uwe Jean Heuser in dieser Zeitung so richtig? "Unternehmer mögen keinen Wettbewerb."
http://www.zeit.de/2007/46/01-Strom
Da ist es natürlich schön, wenn man so etwas wie ein "Netz" besitzt: Das Kabel-Netz, das Strassen-Netz, das Wasser-Netz (in Berlin), oder eben das Strom-Netz. (Mobilfunk-Netze gibt es mehrere, und da gibt es, nanu, auch Wettbewerb. Festnetz aber gibts nur eines, und da gibt es Probleme.)
Weiter geschaffen werden muss dann die Möglichkeit der legalen Preisabsprache, kurz Börse genannt. (Für Öl in Rotterdam, für Strom in Leipzig.) Und so kommt es dann, dass sibirisches Gas nach 6000km Rohrleitung für 16 Euro an der deutschen Grenze ankommt, aber einen Kilometer weiter bereits 55 Euro kostet.
Weshalb fragt Herr Riehl nicht den Stromexperten seiner Bundestagsfraktion, Herrn Laurenz Meyer??
Am Beispiel RWE wird das desaströse Versagen der Wirtschaftspolitiker in Deutschland deutlich. Einst war die RWE fest in kommunaler Hand. Dann wurde der Einfluß der Städte und kommunalen Verbände als strukturelles Hindernis auf dem Weg zum Weltkonzern angesehen. Dann gaben die Kommunen ihren Einfluß ab. Zum Beispiel ließ sich der Bürgermeister der Stadt Düsseldorf für den Komplettverkauf der RWE-Anteile zur zeitweiligen Entschuldung feiern. Schon heute dürfte feststehen, daß die Stadträte von Düsseldorf eine besondere Eselei begangen haben.
Heute jammern die Herren Riehl und Co. über die angebliche Konzentration auf dem Markt. Der Nachweis der relativen Marktmacht wird angesichts des internationalen Wettbewerbes schwerfallen.
Die Gefahr droht von ganz anderer Stelle. Was machen wir, wenn die RWE oder EON eines Tages von einem russischen oder chinesischen Staatskonzern übernommen wird? Wenn eines Tages Warren Buffet anruft und verkündet, daß er ein paar Milliarden Barkasse in RWE oder EON-Aktien angelegt hat??
Es ist schon komisch, wenn ausgerechnet ein CDU-Minister für Entflechtung oder Enteignung eintritt. Herr Riehl sollte sich lieber für eine zeitweilige Herabsetzung der Mineralölsteuer einsetzen. Diese Maßnahme wäre kurzfristig realisierbar und der Kollateralschaden kleiner.
Das wäre ja auch zu ärgerlich, wenn solche Schröpfköpfe wie Strom- und Gaserzeugung nicht zum Schröpfen der Verbraucher genutzt werden könnten. Hey - da sind doch noch die Wasserwerke! Die müssen doch noch privatisiert werden! Wasser ist viel zu billig.
Bitte bei Wikipedia nachgucken: der "bolivianische Wasserkrieg". Da gab's schon mal einen Modellversuch. Am untauglichen Objekt: der Latino (nein, dies ist kein Rassismus) ist ein allzu wehrhaftes Opfer. Besser hätte man's an den verschlafenen Deutschen (auch kein Rassismus) ausprobiert! Die hätten sich dann von der ZEIT erklären lassen, daß es zu ihrem Besten ist, wenn auf diese Weise ihre Wasserverschwendung gedrosselt wird!
Einfach mal Exkanzler Schröder einschalten, Gazprom würde liebend gerne ein paar Kraftwerke abkaufen.Außerdem ist Schröder mit dieser Materie bestens vertraut.
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