Es ist eine denkwürdige Ehre. Der Leipziger Kriminalhauptkommissar Georg Wehling dürfte bisher der einzige sächsische Polizist sein, der direkt von seinem Innenminister suspendiert wurde. Die Vorwürfe klingen eindeutig: Als Chefermittler im Bereich Organisierte Kriminalität (OK) soll er in der Sachsen-Affäre, die seit Monaten das Land in Atem hält, Informanten und Akten nicht vorschriftsmäßig geführt haben. So steht es im Abschlussbericht einer länderübergreifenden Prüfgruppe. Innenminister Albrecht Buttolo (CDU) hatte sie beauftragt, die OK-Ermittlungsarbeit der sächsischen Polizei zu durchleuchten.

Unter Leitung von Ingmar Weitemeier, Chef des Landeskriminalamtes von Mecklenburg-Vorpommern, hatten zwölf Experten die Akten spektakulärer Fälle untersucht. Fälle, die beim sächsischen Verfassungsschutz den Verdacht nährten, nach der Wiedervereinigung hätten sich vor allem in Leipzig kriminelle Netzwerke gebildet. Ein „Sachsensumpf“ aus illustren Beteiligten: Justizbeamte, städtische Bedienstete, Immobilienhändler und Rotlichtgrößen. Ihre angeblichen Taten: Grundstücksschiebereien, Prostitution mit Minderjährigen, sogar die verschleppte Aufklärung eines Attentats.

Neben dem Verfassungsschutz ermittelte auch Georg Wehling mit seinem OK-Kommissariat 26. Bis er 2003 zum ersten Mal kaltgestellt wurde – weil er bei der Führung von Informanten und Akten geschlampt haben soll.

Exakt die gleichen Dienstverstöße wirft ihm jetzt die Weitemeier-Kommission noch einmal vor. Es gebe keine Anhaltspunkte für ein kriminelles Netzwerk, so das Fazit der Experten, aber jede Menge Fehlverhalten bei Chefermittler Wehling. Offenbar blieb den Prüfern verborgen, dass längst widerlegt ist, was sie dem Polizisten ankreiden. Alle neun Disziplinar- und Strafverfahren, die seinerzeit gegen Wehling eingeleitet worden waren, wurden schon vor Jahren eingestellt.

Doppelspiel
Aber Innenminister Buttolo tat so, als seien die Vorwürfe gegen den Leipziger Beamten neu und ungeklärt. Auf einer Pressekonferenz am 2. November schloss sich der CDU-Politiker dem Urteil der Experten an. Als erste Konsequenz teilte er die Suspendierung des Hauptkommissars mit. Georg Wehling hatte zu diesem Zeitpunkt sein Beurlaubungsschreiben bereits gelesen und die Dienstwaffe abgegeben.

Doch die Gründe, die Buttolo dem Polizisten nannte, sind offenbar ganz andere als die öffentlich verkündeten. Das geht aus einer Erklärung von Wehlings Anwalt Steffen Soult hervor.

Am 21. Juni dieses Jahres brachte das ZDF-Magazin Frontal 21 ein Interview mit dem Leipziger Kommissar, in dem er unter anderem den Verdacht äußerte, Abhörmaßnahmen seien gezielt an Kinderschänder verraten worden. Jetzt wird Wehling vorgehalten, er habe in der Sendung unerlaubt Dienstliches ausgeplaudert, eine Lichtbildmappe mit Verdächtigen gezeigt und den Journalisten sogar Akten überlassen. Ullrich Stoll, der Autor des Beitrags, kontert: „Ich habe eidesstattlich versichert, dass Wehling uns kein Material gab. Außerdem hatten wir eine schriftliche Aussagegenehmigung des Leipziger Polizeichefs.“ Und die Lichtbildmappe? Auf der Internetseite von Frontal 21 kann sich jeder überzeugen, dass sie nicht von dem Beamten in die Kamera gehalten wird.