Auch ein weiterer Suspendierungsgrund löst sich in Luft auf. Drei Strafanzeigen lägen in Dresden und Leipzig gegen Wehling vor, ließ Minister Buttolo den renitenten Polizisten wissen. Als Wehlings Anwalt Soult darauf hin Akteneinsicht bei den Staatsanwaltschaften verlangte, wurde ihm erklärt, diese Anzeigen gebe es gar nicht.

Wer ist Gemag?
Die sächsische Verfassung gebietet wie in anderen Ländern ausdrücklich eine Trennung von Polizei und Geheimdienst. Deshalb wirkt die dritte Begründung für Wehlings Zwangsurlaub zunächst triftig: Der Polizeibeamte habe illegal und heimlich mit dem Landesamt für Verfassungsschutz zusammengearbeitet. Dem entgegnet Soult: „Mein Mandant hat sich im Mai 2006 zweimal auf seiner Dienststelle mit der zuständigen Verfassungsschützerin getroffen. Seine Vorgestetzen waren informiert“. Damit hätte sich Wehling an die Regeln gehalten, denn offizielle Kontakte zwischen den Behörden sind erlaubt.

Zumal der Verfassungsschutz Informationen von der Polizei brauchte. Denn er hatte erst 2003 - auf Drängen der damals noch allein regierenden CDU - angefangen, die Organisierte Kriminalität im Land zu beobachten. Das OK-Referat des Geheimdienstes wurde allerdings Mitte 2006 schon wieder aufgelöst, nachdem das sächsische Verfassungsgericht interveniert hatte. Zurück blieben 15.600 Aktenseiten, auf denen ein schwerer Verdacht den nächsten jagt.

Neben Plauen und Chemnitz geht es besonders um Leipzig und mögliche Korruptionsfälle dort bei der massenhaften Privatisierung städtischer Immobilien. Auch sollen sich Justizbeamte durch Besuche in einem Minderjährigenbordell erpressbar gemacht haben.

Im Mai dieses Jahres berichteten die Leipziger Volkszeitung und der Spiegel erstmals über die schweren Vorwürfe. Die oppositionelle Linkspartei schob die Schuld an den angeblichen Missständen auf die Union und witterte ihre Chance, die Christdemokraten nach 17 Jahren an der Macht aus der Regierung zu drängen. Die Landesregierung, in der die CDU den Koalitionspartner SPD dominiert, versprach Aufklärung und geriet dennoch immer stärker in die Defensive.

Das änderte sich erst am 3. Juli, der Tag, an dem der Verfassungsschutz den Polizisten Georg Wehling als vermeintliche verdeckte Quelle enttarnte. Seitdem gelten die Leipzig-Akten als vergiftet. Die leitende Verfassungsschützerin Simone H., so die offizielle Lesart, habe suggeriert, Wehlings Ermittlungsakten seien ihr von einer anderen Quelle - Deckname Gemag - bestätigt worden. Allerdings verberge sich hinter "Gemag" niemand anderes als der Beamte selbst. Nach Recherchen von ZEIT online hat Simone H. unter dem Decknamen Gemag jedoch Informationen mehrerer Polizisten gesammelt.

Allein damit wäre hinfällig, was die CDU in ihrer "Nichts dran"-Kampagne seit dem Sommer behauptet: Der „Sachsensumpf“ sei im Wesentlichen ein Hirngespinst, ausgeheckt von der durchgedrehten Verfassungsschützerin Simone H. und Wehling, aufgepustet durch eine Medienkampagne der Linkspartei.