Ein Eindruck bleibt: Innenminister Albrecht Buttolo hat Wehling unter fadenscheinigen Vorwänden suspendiert. Weiß der Politiker es nicht besser oder täuscht er die Öffentlichkeit bewusst? Buttolo warnte noch im Juni, auf dem Höhepunkt der bundesweiten "Sachsensumpf"-Berichterstattung, im Dresdner Landtag, die Organisierte Kriminalität werde zurückschlagen. Inzwischen spielt er den Getäuschten, auf den Leim geführt von Simone H. und Wehling.

Buttolo bestellte deshalb die externen Prüfer, um die Arbeitsweise von Polizei und Verfassungsschützern im Bereich Organisierte Kriminalität zu untersuchen. Die Experten ermittelten freilich nicht, was an den "Sachsensumpf"-Vorwürfen stimmt oder nicht. Sie hatten vielmehr lediglich den Auftrag, Zuständigkeiten, Akten- und Informantenführung sowie die Kontrollen durch Vorgesetzte zu beurteilen.

Beim Verfassungsschutz traten grobe Mängel zutage: Vor allem gegen Ende der OK-Beobachtung seien Informationen nur noch unkritisch gesammelt worden, das zuständige Referat habe aufgrund fehlender Aufsicht ein "Eigenleben" entwickelt.

Dennoch entbehrt es jeglicher Logik, wenn Kommissionschef Dietrich Beyer, ein ehemaliger Ermittlungsrichter, gleich die gesamte Aktensammlung von 15.600 Seiten "in die Nähe heißer Luft" rückt. Zumal sein Kontrollteam nur einen von zehn Mitarbeitern befragte. Bei der Polizei wurde Wehling mit den längst widerlegten Vorwürfen zur Fehlerquelle Nr. 1 erklärt. Anhaltspunkte für kriminelle Netzwerke konnte Chefprüfer Ingmar Weitemeier beim Aktenstudium hingegen nicht entdecken.

Eine heiße Spur?
Eine Merkwürdigkeit fiel jedoch sogar dem Weitemeier-Team auf: Die Ermittlungen zum Anschlag auf Martin Klockzin - ein Leipziger Schlüsselfall, der auch Bestandteil der "Sachsensumpf"-Akten des Verfassungsschutzes ist. Die mutmaßlichen Auftraggeber des Attentats auf den städtischen Immobilienmanager waren im Sommer 1995 - knapp ein Jahr nach den fast tödlichen Schüssen - bekannt. Dennoch wurde nicht gegen die beiden Grundstücksmakler aus dem Allgäu ermittelt, was nach vielen Medien nun auch die Experten erstaunte. Erklären können Weitemeier & Co. die Panne jedoch nicht – weil das nicht ihr Auftrag war.

Bis heute ist ungeklärt, ob Juristen und Politiker Einfluss auf die Klockzin-Ermittlungen nahmen. Erst 1999 gelang es Georg Wehling, die Hintermänner mit einer Abhöraktion zu überführen.
Dabei stieß Wehling auf Verbindungen zum 1993 aufgeflogenen Minderjährigenbordell „Jasmin“. Der Polizist vernahm den Bordellbesitzer. Der sagte aus, er sei nur deshalb mild bestraft worden, weil er keine Freier nannte. Wehling ließ daraufhin den ehemaligen „Jasmin"-Mädchen Fotos möglicher Kunden vorlegen. Vorher hatte niemand danach gefragt.

Diese Ermittlungen erklärt Weitemeier in seinem Abschlussbericht erstaunlicherweise für unbegründet. Zu ZEIT online sagte der mecklenburgische LKA-Chef: „Es ist nicht wahr, wenn das ´Jasmin` heute immer als Kinderbordell bezeichnet wird. Lediglich eins der Mädchen war unter 14 Jahren.“ Weitemeier redet, als spreche er über ein Kavaliersdelikt. Außerdem übersieht der Fachmann, was in den Akten steht: Im „Jasmin“ mussten mindestens drei weitere Minderjährige – 14 und 15 Jahre alt – anschaffen. Nicht nur die Bordellbetreiber, auch Freier, die sich ihrer bedienten, machten sich strafbar. Deshalb war es die Pflicht der Polizei, sie zu ermitteln.