Um Kopf und Kragen geredet, möchte man das nennen, was Wolfgang Thierse gerade mal wieder getan hat. Die Leipziger Volkszeitung hat ihn zitiert und erklärt, das Zitat sei wörtlich wiedergegeben worden. Es war ein Gespräch über Münteferings Rücktritt und über den Zusammenhang (oder Gegensatz) zwischen öffentlichem Politikerdasein und privatem Familienleben. Der zitierte Satz lautet: „Seine Frau im Dunkeln in Ludwigshafen sitzen zu lassen, wie es Helmut Kohl gemacht hat, ist kein Ideal."

Einmal abgesehen davon, dass der Satz – selbst wenn sein Inhalt denn richtig wäre – in sich verkorkst ist (denn trüge Helmut Kohl wirklich Schuld am Tod seiner Frau, wäre die Wendung „ist kein Ideal“ im moralisierenden Kontext schon recht albern) – Thierses Äußerung ist aus vielen Gründen so sehr daneben, dass man sich wirklich fragen muss, wie sie ihm entfahren konnte.

Erstens: Selbst wenn er im Einzelnen deutlich anders gesprochen haben sollte – es war völlig absurd, irgendeinen noch so entfernten Zusammenhang zwischen Franz Müntefering und Helmut Kohl herzustellen, denn über die ohnehin für Außenstehende nie zu durchschauende Gründe für einen Suizid richtet man als Fremder in keinem Fall, weder, was die Person der Toten, noch, was die der Angehörigen angeht.

Zweitens: Gerade dann, wenn man zu Recht hervorhebt, dass Franz Müntefering eine höchstpersönliche Entscheidung getroffen hat, verbietet sich der Vergleich mit anderen höchstpersönlichen Situationen, einfach deshalb, weil eben das Höchstpersönliche per definitionem das Unvergleichbare ist. Das Höchstpersönliche muss man einfach für sich stehen lassen.

Es käme ja auch niemand auf die Idee, Müntefering mit irgendjemandem zu vergleichen, der eine politische Laufbahn noch vor sich hat und dann zu schlussfolgern, ihm sei die moralisch richtige Entscheidung deshalb leicht(er) gefallen, weil er politisch nichts mehr zu erwarten hatte. Und wer einen solchen Vergleich wagte, würde zuerst von Wolfgang Thierse als charakterlos verurteilt, genauso, wie es Helmut Kohl jetzt – so oder so – widerfuhr.