Thierse-Äußerung Das Öffentliche und das Private
Die Äußerung von Bundestagsvizepräsident Thierse über das Privatleben von Altkanzler Kohl ist nicht nachvollziehbar. Ein Kommentar
Um Kopf und Kragen geredet, möchte man das nennen, was Wolfgang Thierse gerade mal wieder getan hat. Die
Leipziger Volkszeitung
hat ihn zitiert und erklärt, das Zitat sei wörtlich wiedergegeben worden. Es war ein Gespräch über Münteferings Rücktritt und über den Zusammenhang (oder Gegensatz) zwischen öffentlichem Politikerdasein und privatem Familienleben. Der zitierte Satz lautet: „Seine Frau im Dunkeln in Ludwigshafen sitzen zu lassen, wie es Helmut Kohl gemacht hat, ist kein Ideal."
Einmal abgesehen davon, dass der Satz – selbst wenn sein Inhalt denn richtig wäre – in sich verkorkst ist (denn trüge Helmut Kohl wirklich Schuld am Tod seiner Frau, wäre die Wendung „ist kein Ideal“ im moralisierenden Kontext schon recht albern) – Thierses Äußerung ist aus vielen Gründen so sehr daneben, dass man sich wirklich fragen muss, wie sie ihm entfahren konnte.
Erstens: Selbst wenn er im Einzelnen deutlich anders gesprochen haben sollte – es war völlig absurd, irgendeinen noch so entfernten Zusammenhang zwischen Franz Müntefering und Helmut Kohl herzustellen, denn über die ohnehin für Außenstehende nie zu durchschauende Gründe für einen Suizid richtet man als Fremder in keinem Fall, weder, was die Person der Toten, noch, was die der Angehörigen angeht.
Zweitens: Gerade dann, wenn man zu Recht hervorhebt, dass Franz Müntefering eine höchstpersönliche Entscheidung getroffen hat, verbietet sich der Vergleich mit anderen höchstpersönlichen Situationen, einfach deshalb, weil eben das Höchstpersönliche per definitionem das Unvergleichbare ist. Das Höchstpersönliche muss man einfach für sich stehen lassen.
Es käme ja auch niemand auf die Idee, Müntefering mit irgendjemandem zu vergleichen, der eine politische Laufbahn noch vor sich hat und dann zu schlussfolgern, ihm sei die moralisch richtige Entscheidung deshalb leicht(er) gefallen, weil er politisch nichts mehr zu erwarten hatte. Und wer einen solchen Vergleich wagte, würde zuerst von Wolfgang Thierse als charakterlos verurteilt, genauso, wie es Helmut Kohl jetzt – so oder so – widerfuhr.
- Datum 16.11.2007 - 09:01 Uhr
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... zurücktreten.
Boah ist das ein lächerlicher Nebenkriegsschauplatz!
Ob man Kohls "embedded" Wahlkampfreporter Robert Leicht, wenn er geschwiegen hätte, wirklich schon für einen Philosophen gehalten hätte, das weiß ich seit einigen Vorfällen nicht mehr. Aber klüger wäre es bestimmt gewesen.
Der Vergleich ist schon interessant. Kohl hat seine Frau im Stich gelassen und sich im Glanz der Weltpolitik gesonnt, nicht einsam, denn er hatte ja.... Während Hannelore daheim im Dunkeln saß. Das hat Thierse schön auf den Punkt gebracht. Ob sie sich das Leben genommen hätte, hätte er ihr zur Seite gestanden, weiß niemand. Das sagt Thierse ja auch nicht. Aber dagegen nimmt sich Münteferings Entscheidung schon erheblich anständiger aus.
Thierse hat einen unpassenden Vergleich gewählt und Kohl persönlich um Entschuldigung gebeten - damit ist der Fall doch erledigt - was dieser Medienrummel dann noch?F. MayerP.S. & OT: Bin ja mal gespannt, wie die Christdemokraten jetzt mit der neuerlichen, teuflischen Entgleisung von Mixa umgehen ..
'Niedertracht', 'schäbig', 'geschmacklos'. das betrifft selbstverständlich nicht die journalisten der leipziger zeitung.
andererseits ist zu vermerken, es scheint eine unterschwellige obszöne lust bei politikern zu geben. sie wollen gehen. den kram hinschmeissen. oder sie wollen gegangen werden. hingeschmissen werden.
eine lust, sich seiner selbst zu entledigen. in einen dunklen raum flüchten.
ohne licht.
Herr Leicht macht es sich allzu leicht. Herr Thierse hat sehr ungeschickt formuliert. Sein Vergleich deplaziert. Ich hätte gesagt: "wie wir alle wissen, entscheiden und entschieden sich nicht alle Politiker wie Münte". Punkt. Da die frühere Animosität Kohl - Thierse allzu bekannt ist, wurde natürlich sofort unterstellt, es sollte eine Art "Untergriff" (österr. Formulierung) erfolgen. Solche tapsigen Personen wie Thierse sind relativ einfache Opfer im Haifischbecken der Politik, weil sie in der eigenen Partei meist wenig Anhang haben ( es mag der eine oder andere schon auf den Posten lauern), in der Öffentlichkeit bequemer Sandsack um Frust "rauszulassen" in allen möglichen Foren und für die Polit-Gegner eine Person, die einen "leichten Sieg" ermöglichen kann.Aber von den Fehlern Thierses will ich weder etwas leugnen noch relativieren. Aber an Fakten sollten wir uns auch halten!
Hat Thierse die Unwahrheit gesagt ? Wohl nicht.
Die Schutzbehauptung mit dem verkürzten Zitat halte ich auch zumindest für möglich. Eine Frau Ex-Bundesjustizministerin ist ja auch von einem angeblich (wohlmeinden) Journalisten/Schreiber reingelegt worden.
In Wirklichkeit soll es eine abgekartete Intrige gewesen sein, den Wahlkreis an die Union zu "kippen" ( was bekanntlich auch eintrat).
In der Politik muss man sich sogar vor dem friendly fire vorsehen. Es könnte allzu ernst gemeint sein, warum auch immer.
Verkürzt nenne ich einen anderen Fall: OB-Kandidat, aus einer der größten deutschen Städte, Union, Volljurist, Rechtsanwalt, hielt vor großem Publikum eine schriftlich vorbereitete Rede, verglich politische Gegner mit "Läusen". Nach einem Aufbrausen der Öffentlichkeit und der politischen Konkurrenz eine oscarreife Entschuldigung, ein paar Tage Büßermiene. Niemand sprach mehr vom Rücktritt. Und man liess es auf sich beruhen.
Politische Gegner mit "Läusen" zu vergleichen ist sehr, sehr starker Tobak. Dagegen ist der deplazierte Vergleich des Thierse geschmacklos, unpassend, von mir aus grenzwertig, aber gegenüber dem ersten Beispiel nur ein pipifax; den die im kritisierten Zitat enthaltene Tatsachen-Behauptung ist ja so falsch nicht.
Wie Ehrenwort Helmut seine Frau behandelt hat, darüber kann man streiten, wenn man lieber nicht über die verlogene Bahnreform, den Sozialabbau, Mindestlöhne und die überzogene Klimaabzocke streiten will. Frau Merkel will sicherlich auch nicht ihre führungslose Kanzlerschaft gestört wissen und empört sich lieber über Kleinigkeiten. Man merkelt sich weiter durch, nur etwas distanzierter. Von Kohl hört man nichts. Er war immer hart im austeilen und sollte jetzt auch nicht das Sensibelchen spielen. Sogar Bismarck fiel zuletzt in Ungnade und ertrug es mit Würde.
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