Thierse-Äußerung Das Öffentliche und das PrivateSeite 2/2

Drittens: Wer öffentlich Moral predigt, der sollte wissen: Gerade der moralisch Sensible hütet sich vor vorschnellen Urteilen und vor der Versuchung der Selbstgerechtigkeit - und er weiß, gerade als Christ (und Katholik), als der Wolfgang Thierse ja nicht ungern in Erscheinung tritt: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein…“ (Joh 8,7) Und wer schon öffentlich moralisieren will, der tue es in einer äußerst präzisen Sprache, die keiner unpräzisen Dementis bedarf.

Nun also: Die große Empörung aus den Reihen der Union, bei der sich manche wohl mehr über Thierses wiederholte Patzer freuen, als sich über seine jüngste Äußerung tiefinnerlich zu ärgern. Glaubwürdiger wäre dieser Sturm der Entrüstung, wenn ich ganz sicher wäre, dass keiner dieser Wüteriche sich jemals gefragt hat, ob bei Helmut Kohl die Familie wohl immer so sehr im Mittelpunkt gestanden hat, wie der das verkündet hatte. (Und besonders komisch ist es, von Friedbert Pflüger über den korrekten Umgang mit Familienproblemen belehrt zu werden. Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte…)

Das freilich ist ein Grundproblem in der Politik der medienbetonten Massendemokratie und ihrer permanenten Termin- und Auftrittshetze: Ein geruhsames Familienleben, in dem alle Mitglieder Zeit für einander haben, ist da noch viel schwieriger als in vielen anderen Berufen. Und deshalb sollte jeder auf diesem Felde bescheiden auf das Seine schauen – und weder andere mit politischen und parteiischen Neben- oder gar Hauptabsichten tadeln, noch die eigenen Parteifreunde aus denselben Motiven zu Heiligen erklären.

Gerade das nämlich hat der aufrechte Franz Müntefering nicht nötig – und schon gar nicht zu Lasten von Helmut und Hannelore (sie nicht zu vergessen!) Kohl. Ob man Wolfgang Thierse, wenn er geschwiegen hätte, wirklich schon für einen Philosophen gehalten hätte, das weiß ich seit einigen Vorfällen nicht mehr. Aber klüger wäre es bestimmt gewesen.

 
Leser-Kommentare
  1. ... zurücktreten.

    • Manu84
    • 15.11.2007 um 16:38 Uhr

    Boah ist das ein lächerlicher Nebenkriegsschauplatz!

  2. 3. Genau

    Ob man Kohls "embedded" Wahlkampfreporter Robert Leicht, wenn er geschwiegen hätte, wirklich schon für einen Philosophen gehalten hätte, das weiß ich seit einigen Vorfällen nicht mehr. Aber klüger wäre es bestimmt gewesen.

  3. Der Vergleich ist schon interessant. Kohl hat seine Frau im Stich gelassen und sich im Glanz der Weltpolitik gesonnt, nicht einsam, denn er hatte ja.... Während Hannelore daheim im Dunkeln saß. Das hat Thierse schön auf den Punkt gebracht. Ob sie sich das Leben genommen hätte, hätte er ihr zur Seite gestanden, weiß niemand. Das sagt Thierse ja auch nicht. Aber dagegen nimmt sich Münteferings Entscheidung schon erheblich anständiger aus.

  4. Thierse hat einen unpassenden Vergleich gewählt und Kohl persönlich um Entschuldigung gebeten - damit ist der Fall doch erledigt - was dieser Medienrummel dann noch?F. MayerP.S. & OT: Bin ja mal gespannt, wie die Christdemokraten jetzt mit der neuerlichen, teuflischen Entgleisung von Mixa umgehen ..

    • Anonym
    • 15.11.2007 um 17:13 Uhr

    'Niedertracht', 'schäbig', 'geschmacklos'. das betrifft selbstverständlich nicht die journalisten der leipziger zeitung.
    andererseits ist zu vermerken, es scheint eine unterschwellige obszöne lust bei politikern zu geben. sie wollen gehen. den kram hinschmeissen. oder sie wollen gegangen werden. hingeschmissen werden.
    eine lust, sich seiner selbst zu entledigen. in einen dunklen raum flüchten.
     ohne licht.

  5. Herr Leicht macht es sich allzu leicht. Herr Thierse hat sehr ungeschickt formuliert. Sein Vergleich deplaziert. Ich hätte gesagt: "wie wir alle wissen, entscheiden und entschieden sich nicht alle Politiker wie Münte". Punkt. Da die frühere Animosität Kohl  - Thierse allzu bekannt ist, wurde natürlich sofort unterstellt, es sollte eine Art "Untergriff" (österr. Formulierung) erfolgen. Solche tapsigen Personen wie Thierse sind relativ einfache Opfer im Haifischbecken der Politik, weil sie in der eigenen Partei meist wenig Anhang haben ( es mag der eine oder andere schon auf den Posten lauern), in der Öffentlichkeit bequemer Sandsack um Frust "rauszulassen" in allen möglichen Foren und für die Polit-Gegner eine Person, die einen "leichten Sieg" ermöglichen kann.Aber von den Fehlern Thierses will ich weder etwas leugnen noch relativieren. Aber an Fakten sollten wir uns auch halten!
    Hat Thierse die Unwahrheit gesagt ? Wohl nicht.
    Die Schutzbehauptung mit dem verkürzten Zitat halte ich auch zumindest für möglich. Eine Frau Ex-Bundesjustizministerin ist ja auch von einem angeblich (wohlmeinden) Journalisten/Schreiber reingelegt worden.
    In Wirklichkeit soll es eine abgekartete Intrige gewesen sein, den Wahlkreis an die Union zu "kippen" ( was bekanntlich auch eintrat).
    In der Politik muss man sich sogar vor dem friendly fire vorsehen. Es könnte allzu ernst gemeint sein, warum auch immer.
    Verkürzt nenne ich einen anderen Fall: OB-Kandidat, aus einer der größten deutschen Städte, Union, Volljurist, Rechtsanwalt, hielt vor großem Publikum eine schriftlich vorbereitete Rede, verglich politische Gegner mit "Läusen". Nach einem Aufbrausen der Öffentlichkeit und der politischen Konkurrenz eine oscarreife Entschuldigung, ein paar Tage Büßermiene. Niemand sprach mehr vom Rücktritt. Und man liess es auf sich beruhen.
    Politische Gegner mit "Läusen" zu vergleichen ist sehr, sehr starker Tobak. Dagegen ist der deplazierte Vergleich des Thierse geschmacklos, unpassend, von mir aus grenzwertig, aber gegenüber dem ersten Beispiel nur ein pipifax; den die im kritisierten Zitat enthaltene Tatsachen-Behauptung ist ja so falsch nicht.
     
     

  6. Wie Ehrenwort Helmut seine Frau behandelt hat, darüber kann man streiten, wenn man lieber nicht über die verlogene Bahnreform, den Sozialabbau, Mindestlöhne und die überzogene Klimaabzocke streiten will. Frau Merkel will sicherlich auch  nicht ihre führungslose Kanzlerschaft gestört wissen und empört sich lieber über Kleinigkeiten. Man merkelt sich weiter durch, nur etwas distanzierter. Von Kohl hört man nichts. Er war immer hart im austeilen und sollte jetzt auch nicht das Sensibelchen spielen. Sogar Bismarck fiel zuletzt in Ungnade und ertrug es mit Würde.  

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