Frauen-Boxen Raus aus der Schmuddelecke

Das Frauenboxen in Deutschland hat nicht erst mit Regina Halmich begonnen. In und außerhalb des Rotlichtmilieus wurde schon vorher geboxt, selbst von Marlene Dietrich.

Regina Halmich gilt als die erste deutsche Profiboxerin. "Das ist falsch" sagt Helmut Slomke, "das war Birgit Nuako 1986." Slomke ist Boxveranstalter. Die von ihm betreute Birgit Nuako hatte am 10. Juli 1986 ihren ganz großen Kampf. "Da trat sie in der ARD auf, bei 'Mensch Meier'". Ein Showsparring mit Mario Adorf, moderiert von Alfred Biolek, und Slomke machte den Ringrichter. Ein großer Erfolg: "Wir hatten jede Menge Aufträge, aber bald hatte die Birgit keine Lust mehr", sagt Slomke wehmütig. Er musste damals "mit einem Ersatzmädchen" weiter ziehen. 

Rosi Bernstein hieß die, und sie trug am 26. September 1987 in der Westerwaldgemeinde Friedewald den, wie Slomke sagt, ersten offiziellen Frauenboxkampf aus. Ihre Gegnerin hieß mit Nachnamen Helfrich, es ging über vier Runden à zwei Minuten. "Ich verlangte Kopfschutz und eine Bescheinigung des Frauenarztes. Sonst hätte ich das nicht gemacht", sagt Slomke.

Anzeige

200 Mark gab es für jede Kämpferin. Helfrich gewann, und weil das Frauenboxen damals noch nicht legal war, "habe ich eine Anzeige bekommen", schimpft Slomke. "Ich musste 2000 Mark Strafe zahlen."

Aber tatsächlich waren auch Helfrich, Bernstein und Nuako nicht die ersten deutschen Profiboxerinnen. Zehn Jahre vorher, im Jahr 1976, kämpften im westfälischen Augustdorf die Hausfrau Brigitte Meereis und die Barbesitzerin Ursula Döring um die Europameisterschaft, wie damals auf den Plakaten stand. Dieser Kampf wurde von keinem Verband lizenziert. "Das blieb eine einmalige Sache, die Erlöse gingen an die 'Aktion Sorgenkind'", erinnert sich Manfred Meereis, Sohn einer Kämpferin, die vor zehn Jahren starb. "Die Ulla Döring hat danach wohl noch einen Kampf gemacht, aber meine Mutter nicht mehr."

Im Jahr 1976 hatte auch in Hamburg der Promoter Wilfried Schulz – er diente als Vorbild für die Fernsehserie "Der König von St. Pauli" – einen Frauenboxkampf anmelden wollen. Er hatte zwei Boxerinnen verpflichtet, die eine US-Lizenz besaßen, aber der Bund Deutscher Berufsboxer lehnte ab. Das Fachblatt Boxsport empörte sich, dass man sich  "ausgerechnet in einer Zeit, in der vom Tiefstand des Boxens" gesprochen würde, mit einem "ganz neuartigen Problem" beschäftigen müsse.

Doch selbst 1976 war das „Problem Frauenboxen“ nicht neu. Seine Geschichte ist noch älter. In England fängt sie im 18. Jahrhundert an. 1728 erschien in der „Daily Post“ eine Anzeige: "Ich, Elisabeth Wilkinson, wohnhaft zu Clerkenwell, habe mit Anny Hyfield einen erregten Wortwechsel gehabt, bei dem diese sich zu Beleidigungen hat hinreißen lassen. Ich bin nun keineswegs gewillt, die Sache im Sande verlaufen zu lassen und verlange Sühne. Deshalb fordere ich sie zu einem Zweikampf heraus unter den Bedingung, dass wir um den Einsatz von 60 Pfund kämpfen. Wer die andere schlägt, soll Siegerin sein." Die Gegnerin antwortete bald an gleicher Stelle: "So Gott will, werde ich dir mehr Schläge erteilen, als du vertragen kannst. Ich mache wenig Worte, aber ich schlage desto härter."

In Deutschland kam das Frauenboxen später an, war aber nicht weniger umstritten. Mit Joe Edwards war es ausgerechnet der wichtigste Pionier des deutschen Boxens, der sich für Boxerinnen einsetzte. Edwards, der mit bürgerlichen Namen Paul Maschke hieß, verfasste 1911 das erste deutsche Lehrbuch: "Boxen. Ein Fechten mit Naturwaffen". Darin heißt es, es gebe "keine Leibesübung, die den Damen jugendliche Grazie, geschmeidige Bewegungen und den Kern der Gesundheit besser bewahrt als das Boxen".

Erst ab 1918, mit der Weimarer Republik, wurde das Boxen legal, sowohl das der Männer als auch das der Frauen. Den männlichen Widerstand schmälerte das nicht. 1920 schrieb das Fachblatt Boxsport : "Wenn Damenboxen überhaupt eine Berechtigung hat, dann sollte derartiges, ähnlich den Damenringkämpfen, in den Vorstadtvariétes stattfinden; dort ist der richtige Platz." Dort fand es auch meist statt, aber nie ganz ohne sportliche Ambitionen. 1922 beispielsweise forderten die Boxerinnen des Berliner Friedrichstadtpalasts die Boxerinnen eines anderen Variétes heraus, um beweisen zu können, dass sie es wirklich können.

1921 jedoch verbot der Amateurboxverband das Treiben, 1925 zogen die Berufsboxer nach. Aber das Verbot wirkte nicht so, wie sich die Herren das erhofften. Bekannte Künstlerinnen der Weimarer Republik wie Marlene Dietrich, Carola Neher, Vicky Baum oder auch Leni Riefenstahl fingen an zu boxen. Die "Boxsport" musste 1927 zugeben: "Und so wird Boxen zu einem wichtigen Faktor im Emanzipationskampfe der Frau".

Mangels anderer Orte fand Frauenboxen mittlerweile entweder in bürgerlichen Salons oder auf Jahrmärkten statt, wo sich bald eine Nähe zum Rotlichtmilieu einstellte. Die Nazis verboten das Frauenboxen, im Februar 1938 jedoch beschwerte sich der vom NS-System als Boxverantwortlicher eingesetzte Franz Metzner beim Hamburger Polizeipräsidenten, er habe Werbeschilder für "Damenboxen" gesehen. Das aber sei doch untersagt, "denn mit Sport hat weder Rummel- noch Damenboxen zu tun, und der Erfolg ist lediglich eine schwere Schädigung des Boxsports", heißt es in einem Schreiben, das im Berliner Bundesarchiv liegt.

Trotz des Verbots - im Rotlicht- und Jahrmarktmilieu überlebte das Frauenboxen die Nazizeit, und dort siedelte es sich nach 1945 wieder an. Die ersten Versuche, aus dem Frauenboxen wieder einen halbwegs seriösen Sport zu machen, fanden sich erst in den Siebzigerjahren.

Und der Durchbruch gelang erst in den Neunzigern. Bei den Amateuren waren es 1994 die "Ersten Hamburger Frauensporttage", die dafür sorgten, eine Veranstaltung des "Vereins zur Förderung feministischer Bewegungskultur". Dort fand der erste öffentliche Frauenkampf seit Jahren statt: Es kämpften die Tübinger Theologiestudentin Ulrike Heitmüller und die Hamburger Fitnesstrainerin Marion Einsiedel. Ein Jahr später gab der Amateurboxverband endlich sein Okay.

Im gleichen Jahr gab auch Regina Halmich ihr Debüt. Die damals unbekannte Rechtsanwaltsgehilfin aus Karlsruhe boxte mit Unterstützung des neuen Weltverbandes Women’s International Boxing Federation.

Einer größeren Öffentlichkeit wurde Halmich allerdings erst bekannt, als sie 2001 vor sechs Millionen TV-Zuschauern dem Entertainer Stefan Raab die Nase brach. "Traurig, aber wahr", sagt Halmich heute. "Nach dem Kampf hat mich fast jeder gekannt". "Und dann haben die Leute auch meine echten Kämpfe geschaut." Erst nach dem Raab-Kampf begann das ZDF, ihre Auftritte zu übertragen.

Ironischerweise musste Halmich, die angetreten war, das Frauenboxen aus dem Rotlichtmilieu zu führen, erst in die Schmuddelecke zurück, um Anerkennung zu finden. "Ich wusste davor nicht, welches Ausmaß das annehmen würde", sagt sie heute über den Tag, an dem sie den Raab schlug. "Aber wie er das dann aufgezogen hat – das war ein bisschen unheimlich. Es war plötzlich der Kampf Mann gegen Frau."

 
Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 29.11.2007 um 13:25 Uhr

    kann ich nicht bewundern. Niemals. Meine Wissenswelt wird dadurch nicht reicher.Ich finde es erbärmlich, wenn zwei Weiber auf sich brutal eindreschen. Meine kostbare Zeit, werde mir für so ein dämliches Schauspiel, nicht vergeuden lassen.
    Ich bewundere die Mütter, die ohne barnumsches Brimborium in den debilen Visualmedien präsent zu werden, es schaffen, in bescheidenen Verhältnissen, ihre Kinder verantwortungsvoll großzuziehen und ihnen eine solide Bildung verschaffen. Die sind die wahren Weltmeisterinnen... Tag für Tag.

  1. Im Artikel fehlte erstaunlicherweise die gemeinhin zu erwartende Anmerkung, dass Frauen (auch) die besseren Boxer sind. Denn welcher Mann war jemals solange amtierender Weltmeister? 

  2. Aber ist das nicht eher ein Hinweis auf mangelnde Konkurrenz? Aber waeren dann nicht die Frauen (in ihrer Gesamtheit) die schlechteren Boxer, waehrend eine von ihnen die (schlechte) Konkurrenz eben um Haupteslaenge ueberragt? Oder sollten wir doch die Bemessung der Boxqualitaet aufgrund der Anzahl der Jahre als amtierende Weltmeisterin in Zweifel ziehen?

  3. Sollten wir dann etwa auch die epochale Leistung unserer Frauenfußballnationalmanschaftsweltmeisterinnen in Zweifel ziehen? Niemals!

    • Anonym
    • 30.11.2007 um 16:07 Uhr

    eine saudische oder yemenische Boxerin...

  4. Wie ein Freund einmal behauptet hat, nur ein Zyniker wuerde behaupten, dass die Absurditaet der Schlussfolgerung nicht Grund genug sein darf, die Praemissen der Schlussfolgerung nochmal zu ueberdenken. Natuerlich sind die erwaehnten Beispiele sportlicher Leistungen durch herausragende Qualitaet gekennzeichnet. Ob diese aber dennoch in dem Masse an die Grenze des Machbaren reicht, wie das im viel staerker durchorganisierten maennlichen Sportbereich ist, das ist die Frage, auf die ich hinauswollte. Ob frau solche Leistungen epochal nennen will, ist natuerlich jeder selbst ueberlassen. Wenn jedoch die Schlussfolgerung, dass die Leistungen der Frauennationalelf epochal seien, dazu fuehrt, berechtigte Zweifel an der Leistungsdichte im Frauenboxen zu ignorieren, so scheint mir doch das Bewertungsschema verrueckt und ich sehe mich gezwungen, die Debatte vom Kopf auf die Fuesse zu stellen. Ich bleibe bei der Behauptung, dass ganz generell im Frauensport die Konkurrenz duenner ist als beim Maennersport, was sich in vielen Sportarten ganz einfach an nackten Zahlen ablesen laesst. Wieviele Teilnehmerinnen, wie viele von ihnen in den top x% des Weltrekords usw. Und ich bleibe auch dabei, dass eine besonders lange gehaltene Weltmeisterposition Ausdruck von vor allem 2 Konditionen sein kann: Entweder ein ueberlegenes Individuum und/oder eine geringe Konkurrenz. Aber es gilt, dass, je hoeher die Leistungsdichte, desto unwahrscheinlicher die Dominanz eines besonders begabten Individuums. Damit scheint mir in der ueberwaeltigenden Mehrheit der Faelle eine besonders starke Dominanz einer Mannschaft/einer Person eher Ausdruck mangelnder Leistungsdichte zu sein. Das gilt sogar dann, wenn die einzelnen Individuen tatsaechlich am Rande des machbaren agieren. Frau stelle sich nur mal vor, die Erde bestuende aus einem Land, das 99 % der Einwohner beherbergt, und 100 Laendern, die sich den Rest aufteilen. Weltmeisterschaften der Mannschaften wuerden dann (zumindest in der Spitze) wohl fast immer langweilig sein, obwohl jede einzelne Mannschaft auf allerhoechstem moeglichen Niveau spielt. Auch hier waere dann wieder die Dominanz einer Mannschaft Ausdruck geringerer Leistungsdichte und mithin uninteressanteren Sports. Im Fall vieler Sportlerinnen kommt aber noch eine gegenueber den Maennern geringere Professionlisierung dazu, die aus ganz objektiven Gruenden (ob man sie gut heisst oder oder nicht, ob man leidenschaftlich dabei ist oder nicht, ob die Frauen aus ihren beschraenkteren Moeglichkeiten alles herausgeholt haben oder nicht) in der Summe zu einem weniger vollendeten Sport fuehren. Immer im statistischen Sinne gesehen.

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