Grüne Zäsur vertagt

Auf ihrem Parteitag rücken die Grünen nach links, stärken ihrer Parteiführung den Rücken und beerdigen schwarz-grüne Gedankenspiele. Zukunftsfähiger werden sie so nicht.

Die Grünen haben ein neues Logo. Das ist an sich keine große Nachricht, in anderen Parteien entscheidet darüber die Bundesgeschäftsstelle. Aber in einer Partei, die auch über Überflüssiges und Nebensächliches gerne lustvoll streitet und deren Basis sich gerne selbstbewusst zu Wort meldet, ist das anders. Noch vor einem Jahr hatte sich ein grüner Parteitag geweigert, ein neues Logo zu entscheiden. Dabei hat sich an dem Signet kaum etwas geändert: Statt zwei Schriften gibt es nur noch eine, sie trägt den Namen Futura. Die blaue Farbe ist bis auf einen kleinen Balken verschwunden. Die Partei heißt weiterhin Bündnis 90/Die Grünen, obwohl sich kaum noch jemand daran erinnert, wo der Namenszusatz eigentlich herkommt (von der ostdeutschen Bürgerrechtsbewegung). Die Grundfarbe bleibt natürlich Grün, die Sonnenblume strahlt weiter wie bisher. Viel Tradition und wenig Mut. Wie das Logo so die Partei.

Drei Tage stritt sie auf ihrem Parteitag in Nürnberg, auch wenn es weniger chaotisch zuging als zuletzt in Göttingen. Dort hatte die Parteibasis in Sachen Afghanistan gegen die Führung rebelliert. Das traute sie sich dieses Mal nicht und düpierte die Spitze nicht erneut. Die Parteioberen hingegen haben gelernt, dass sie mit ihren Mitgliedern reden und auf sie eingehen müssen, bevor sie ihnen weit reichende Beschlüsse vorlegen können. Der Rest war Selbstvergewisserung beim Klimaschutz und bei den Bürgerrechten, ein Linksruck in Sachen Sozialpolitik und die Erkenntnis, dass es in der Opposition auch schön sein kann - vor allem deshalb, weil sich dann so viele hübsche, radikale Beschlüsse fassen lassen.

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Die Frage, ob die Grünen damit zukunftsfähiger werden, ob sie so erfolgreich die Wahlkämpfe der kommenden beiden Jahre bestreiten können, und ob dies der Weg ist, der sie zurück an die Macht führt, ist jedoch eine ganz andere.

Richtig zumindest ist, dass sich die Grünen der Sozialpolitik zugewandt haben. Mit Umweltschutz und Klimawandel allein lassen sich, so populär die Themen mittlerweile sind, keine Wahlen gewinnen. Die Wiederkehr der sozialen Frage in der Innenpolitik erfordert auch eine Antwort der Grünen. Die Schere zwischen Arm und Reich in der Gesellschaft geht weiter auf, die Armut nimmt zu, auch wenn es teilweise nur eine gefühlte Zunahme ist. Trotzdem bestimmt sie die Stimmung der Bevölkerung. Noch einmal wollte die Partei daher nicht den Fehler machen, dies zu ignorieren - wie vor 17 Jahren, als sie mit der Parole in den Wahlkampf zogen: „Alle reden von der Wiedervereinigung, wir reden vom Klima“. Damals flogen sie prompt aus dem Bundestag.

Sozialpolitisch gehen die Grünen jetzt also mit der Zeit. Sie distanzieren sich von ihrer eigenen Agenda-Politik, wollen soziale Wohltaten verteilen und bejubeln populistische Beschlüsse, von denen alle Experten in der Partei wissen, dass sie unbezahlbar sind. Von den Grünen als Reformmotor hingegen, war in Nürnberg kaum noch die Rede.

Nun lässt sich einwenden, Parteitage sind das eine, die Realität das andere. Auch in der CDU ist von der neoliberalen Wende des mittlerweile legendären Leipziger Parteitages wenig in der Regierungspraxis angekommen. Und bei den Grünen war die Diskrepanz zwischen radikalen Beschlüssen und dem Opportunismus der realen Politik schon immer relativ ausgeprägt.

Zweitens jedoch hat die Partei zugleich alle Gedankenspiele über Schwarz-Grün oder Jamaika zurückgestellt. Die Union ist wieder das Feinbild, die FDP wieder die Klimakillerpartei und Angela Merkel macht wieder neoliberale Politik. Die Zeiten, in denen man stolz über die eigenen bürgerlichen Wurzeln philosophierte und Programme schrieb, mit denen sich auch schwarz-grüne Bündnisse schmieden ließen, scheinen vorerst vorbei. Die Grünen sehen ihren Platz wieder an der Seite der SPD, nennen sich stolz Modernisierungslinke. Man konnte in Nürnberg fast den Eindruck gewinnen, sie wollten sich wieder links von der Sozialdemokratie verorten, wie in der guten alten Zeit.

Dabei liegt die Zukunft der Grünen nicht zwischen SPD und Linkspartei. Der Platz links von den Sozialdemokraten ist längst vergeben und die Gefahr, zwischen SPD und Linkspartei programmatisch und machtpolitisch zerdrückt zu werden, ist groß. Eine Zukunft hat die Partei nur, wenn sie sich aus dem linken Lager lösen und zu einer Scharnierpartei werden kann, die nach links und nach rechts koalitionsfähig ist.

Die Mehrzahl der Wähler ist diesen Weg schon gegangen und auch in der Kommunalpolitik gehören schwarz-grüne Bündnisse bereits zum Alltag. Doch der Parteitag tat sich schwer, dies nachzuvollziehen. Wobei es manchmal den Eindruck macht, als seien es dieselben grünen Politiker, die sich kommunalpolitisch pragmatisch und kompromissfähig nach allen Seiten geben, und die sich dann auf dem Parteitag ihrer eigenen Jugend erinnern.

Die Parteistrategen wissen das. Sie wissen, dass angesichts eines Fünf-Parteiensystems die Alternative zur Großen Koalition Jamaika oder Ampel heißt. Angesichts der Sehnsucht vieler Mitglieder nach Opposition und radikalen Beschlüsse jedoch hat sie der Mut verlassen, die Partei in diese Richtung mitzunehmen. So wiegt es schwer, dass die Grünen drittens ihre Führungskrise in Nürnberg nicht lösen konnten oder wollten. Das war zwar nicht zu erwarten, aber es war anderseits auch nicht zu übersehen, dass das Führungsdilemma die Partei mehr lähmt, als alle radikalen Beschlüsse. Fünf Personen bilden die kollektive Führung der Partei, aber keiner führt. Die Lücke, die Joschka Fischer mit seinem Abgang hinterlassen hat, bleibt offen.

Noch kann die Partei damit leben, die Umfragenwerte sind nicht beunruhigend. Aber so wie Fischer die Truppe einst gegen Widerstand regierungsfähig machte und in die rot-grüne Bundesregierung führte, bräuchte sie heute eine Parteispitze, die ihre Basis auf die neue Rolle vorbereitet. Mit der Ökologie, den Bürgerrechten und der Sozialpolitik wurden zumindest schon einmal die richtigen Themen aufgerufen.

Wenn die Grünen aber wieder zukunftsfähig werden wollen, wenn sie neue Wählerschichten erreichen und wieder regieren wollen, dann brauchen sie einen Richtungswechsel. Das aber heißt mehr Pragmatismus und weniger Oppositionssehnsucht. Genau diese notwendige Zäsur wurde in Nürnberg vertagt. Vermutlich hat die jetzige Parteiführung nicht den Mut und die Kraft, neue Wege zu gehen und sich von der SPD zu lösen.

Bleibt die Hoffnung auf die Zeit nach 2009. Denn die Gründergeneration, zu der nicht nur Joschka Fischer gehörte, sondern im Grunde alle, die derzeit an der Spitze der Partei wirken, wird nach der nächsten Bundestagswahl abtreten. Spätestens dann werden neue, junge Politiker nach vorne drängen. Politiker, die weniger stark in den alten grünen Milieus verankert und nicht auf das längst gescheiterte rot-grüne Projekt fokussiert sind. Die Zäsur wird also spätestens nach 2009 kommen und anschließend werden auch schwarz-grüne Bündnisse möglich werden.

Vielleicht aber wird die alte Führung auch von der Realität überholt. Wenn Schwarz-Grün nämlich nach den Landtagswahlen in Hamburg im Februar kommenden Jahres die einzige Alternative zur Großen Koalition ist. Dann jedoch werden die Grünen nach diesem Nürnberger Parteitag ihren Wählern einiges erklären müssen.

 
Leser-Kommentare
  1. "Die Grundfarbe bleibt natürlich Grün, die Sonnenblume strahlt weiter wie bisher. Viel Tradition und wenig Mut. Wie das Logo so die Partei."Im Gegenteil, sehr viel Mut sogar, nämlich sich von der unsäglichen Agenda 2010 klar abzuwenden, einen Mut, den die SPD nicht hatte."Die Schere zwischen Arm und Reich in der Gesellschaft geht weiter auf, die Armut nimmt zu, auch wenn es teilweise nur eine gefühlte Zunahme ist."Dann bin ich ja beruhigt, dass Sie das so sehen, woran machen Sie das denn fest, diese "gefühlte" Zunahme der Armut, an den Menschen, die Pfandflaschen aus Altglascontainern ziehen ?"Sozialpolitisch gehen die Grünen jetzt also mit der Zeit. Sie distanzieren sich von ihrer eigenen Agenda-Politik, wollen soziale Wohltaten verteilen und bejubeln populistische Beschlüsse, von denen alle Experten in der Partei wissen, dass sie unbezahlbar sind. Von den Grünen als Reformmotor hingegen, war in Nürnberg kaum noch die Rede."Die alte Leier des Populismus. Wenn man nur mehr aufs Volk hören würde.Eine Reform der Reform kann auch eine Reform sein. ;-)"Eine Zukunft hat die Partei nur, wenn sie sich aus dem linken Lager lösen und zu einer Scharnierpartei werden kann, die nach links und nach rechts koalitionsfähig ist."Manchmal zählen Inhalte und wofür man steht mehr als strategische Überlegungen, auch wenn das in der Politik die Ausnahme ist.Nebenbei gibt es auch eine Mehrheit links der Mitte, und an der scheinen sich die Grünen eher zu orientieren, auch wenn das dem Autor nicht passt.Hilflose Meinungsmache, die die Wirklicheit der nächsten Wahlen widerlegen wird.

  2. Das ist mal ein besonders schlechter
    Zeit-Artikel. Hat der Chefredakteur heute Urlaub? Der Artikel ist
    reine Polemik! Der Autor scheint sich wohl unbedingt eine
    Schwarz-Grüne Koalition auf allen Ebenen herbei zu sehnen.
    Wenngleich dies jeder Realität entbehrt. Denn der Autor scheint keine der
    Leute zu kennen die sich in beiden Partei mehrheitlich tummeln. Der
    Autor führt an, die Grünen müssen um zukunftsfähig
    zu sein mit der CDU koalieren. Er behält aber für sich
    warum dies so sein muss und was es den Grünen nutzen soll. Wird
    die SPD auch zukunftsfähiger weil sie mit der CDU
    koaliert?Ich kann mir das nur erklären dass der
    Autor wahrscheinlich seine ganze Hoffnung in Grün-Schwarz
    gesteckt hat und jetzt enttäuscht ist.Schade, von
    der Zeit hätte ich etwas besseres erwartet. 

    • rawe64
    • 25.11.2007 um 20:03 Uhr

    ... noch eine linkspopulistische Partei, die verspricht, was sie nicht halten kann! Langsam wird's langweilig.
     

    • Anonym
    • 25.11.2007 um 20:33 Uhr

    Die grünen Waldschrate sind wieder da angekommen von wo sie einst starteten, in ihrem links-grünen, pinkfarbenen Nirwana. (Das ist kein Widerspruch, die Ideologie ist links-grün, aber das selbstgeschaffene Nirwana ist in einem zarten, sozialistisch angehauchten Pinkton gehalten!)
    Mit der Realität stand dieser Haufen schon immer auf Kriegsfuß. Noch nie konnten sich diese Möchtegernweltverbesserer wirklich von ihren Wunsch- und Wahnvorstellung lösen, und sich endlich mal konsequent der Lebenswirklichkeit stellen. Aber das kann einen nicht wirklich wundern, wenn man sich die "Führung" dieser grünen Phrasendrescher durch die Jahre ansieht: meist keifende, rechthaberische, moralinsaure Weibchen aus der satten Wohlstandsbourgeoise mit ´nem Volvo vor der Tür, in Armani Klamotten und mit Gucci-Brille. Und im Parkett die Rohkost manpfende Basis in naturbelassenen Baumwollunterhosen.
    Die Lebensferne dieses seltsamen Vereins wurde und wird nur noch von seiner triefenden Selbsgerechtigkeit und seinem Rechthabertum übertroffen. Deshalb war dieser Haufen eine zeitlang der Liebling der linksbourgeoisen Journaille, die sind genauso. Doch auch die größte Liebe endet, wenn es zum einen immer nur das gleiche intellektuelle Grünfutter gibt, und zum anderen diese Grünen noch selbstgerechter sind, als man selber ist.
    Hinzu kommt, die heutigen medialen Möglichkeiten zeigen unzensiert um was für eine "gesellschaftskritische Intelligenzia" es sich bei den Grünen in Wahrheit handelt. Die Vorsitzende Grüne, Madame Roth, gibt ein Beispiel ihres sprühenden Intellekts:
    http://www.youtube.com/watch?v=Dm7F2ZVPzLo
    Und so was soll das deutsche Volk vertreten!? Wer zum Teufel hat diese Leute ins Parlament gelassen?
    Spes nostra in fide amicorum est!

  3. Die "Grünen" waren schon früher Spinner. Jetzt aber heben sie endgültig ab in den Nebel der politschen Esoterik. Die aufgeblasene Dumpfbacke Claudia Roth weiß genau, warum: Nur so haben die "Grünen" Chancen auf Wählerstimmen. Spinner haben in Deutschland Konjunktur, egal ob grün, braun oder rot. Schade. Denn daran ist Deutschland mehr als einmal zu Grunde gegangen.     

  4. In den 90ern drängelten sich alle Parteien in die "Mitte". Jetzt wollen alle "links" sein. Das klappt am besten in der Opposition, denn dann wird man an seinen Glücksverheißungen nicht gemessen. Die Grünen fangen wieder an, Gefallen an der Rolle der sozialistischen Heilsbringer zu finden. Das Problem ist nur, dass ihre finanziellen Vesprechungen immer von der Linkspartei überboten werden. Das ist sehr schade, denn eigentlich bräuchten wir eine ökologische Oppositionspartei, und nicht noch eine linkspopulistische. Der Platz ist schon besetzt.http://noktavian.blogspot...

  5. Liebe ZEIT-Redaktion,
    es ist schon erstaunlich, mit welcher Art "Berichten" Sie immer wieder über Die Grünen aufwarten. Der Artikel von Cristoph Seils wäre als Kommentar eben ein Dreizeiler ( ... es gibt nur zwei wichtige Parteien ... von denen die eine die richtige ist ... und Die Grünen sollen sich gefälligst damit begnügen für eine entsprechende Mehrheit zu sorgen ... ) als "Bericht" über den Parteitag der Grünen disqualifiziert er sich selbst.
     
    Wer die Diskussionen auf dem Parteitag nicht verfolgt hat, erfährt in dem Artikel ziemlich ... nichts. Wer zumindest Ausschnitte vom Parteitag gesehen hat, fragt sich, ob Herr Seils mehr als die Beschlüsse des Parteitags in der Tagesschau zur Kenntnis genommen hat.
     
    Als Kommentar sind natürlich auch einseitige Darstellungen erwünscht, nur unterzieht sich Herr Seils ja nicht einmal der Mühe, seine Meinung zu begründen. Und da wäre es ja mal interessant, warum er in dem Parteienspektrum ausgerechnet Die Grünen als offensichtlich zukunftsuntauglichste Partei von allen sieht ... wohl gemerkt ... alle Reden heute vom Klima ...
     
    Man muss ja nicht grüne Positionen vertreten, aber an anderer Stelle gelingt es der ZEIT ja auch, Inhalte darzustellen. Warum Sie sich ausgerechnet mit den Grünen so schwer tun und Ihr gewohntes Niveau auf die Qualität von Kantinengesprächen reduzieren bleibt mir ein Rätsel.
     
    MfG
    Holger Gottschling

  6. Der vorherige Artikel des Autors zum Grünenparteitag konnte noch als relativ neutrale Berichterstattung gesehen werden. Dieser hier ist leider nur ein Statement für den politischen Standpunkt des Herrn Seils.
    Würde dieser Standpunkt wenigstens stark argumentativ untermauert, so könnte man sich in produktiver Weise hiermit auseinandersetzen. Aber das hat der Autor anscheinend nicht nötig. Vorgefertigte Glaubens- und Meinungssätze ersetzen bei ihm jegliche Reflektion.
    Trösten Sie sich, Herr Seils, diese Krankheit ist eine Seuche, die bereits einen Großteil Ihres Berufsstandes infiziert hat. Sie sind also in bester Gesellschaft.
     
    Don't get brainwashed!
    www.NachDenkSeiten.de
    www.jjahnke.net

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