New YorkVon Truthahn zu Truthahn

Amerika feiert Thanksgiving. Eva C. Schweitzer berichtet, wie sie das Erntedankfest in New York begeht von 

Thanksgiving ist das wichtigste Fest in Amerika. Es ist das Erntedankfest und geht auf die Pilgerväter zurück. Die feierten es seit dem Jahr 1621, weil die Indianer ihnen ermöglicht hatten, in der Fremde zu überleben, indem sie ihnen beibrachten, Fische zu fangen und Mais anzubauen. Später lief das mit den Indianern nicht mehr so gut, aber Thanksgiving blieb. Und es eint alle Amerikaner. An Thanksgiving kommt die ganze Familie zusammen, ein Truthahn wird serviert, mit einer Füllung aus Semmeln, Kartoffelbrei, Yam - rötliche Süßkartoffeln - Grünkohl, dazu Kürbisauflauf als Nachtisch.

In unserem Haus leben viele arme Künstler und Schauspieler, ganz alleine in der großen Stadt, und deshalb lädt die Hausverwaltung zum Thanksgiving-Dinner ein. Allerdings nicht am Feiertag selber, denn da wollen die Angestellten mit ihren Familien feiern, sondern einen Tag vorher. Das traditionelle Truthahn-Dinner ist eine gute Gelegenheit, Nachbarn kennenzulernen. Ich erfahre, dass Jerome, ein Gospelsänger, gerade auf einer Tournee durch Deutschland war, und dass Nina noch vor ein paar Monaten in Los Angeles lebte. Auf der Straße. Hier gibt sie Kurse in Schauspielerei.

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Der eigentliche Thankgiving-Tag beginnt mit einer Parade von riesigen, mit Helium gefüllten Ballons, die zwischen hunderttausenden von Touristen den Broadway herunterwandern: Snoopy, Hello Kitty, Scooby Doo, und, in diesem Jahr neu, Shrek, dazu Jeff Koons Kaninchen, das aussieht wie ein silberner Roboter. Auf einem Wagen steht ein Chor von Cherokee-Indianern, die „Jingle Bells“ in ihrer eigenen Sprache singen. Früher wurden Indianerkinder bestraft, wenn sie nicht Englisch redeten, das ist also ein ziemlicher Fortschritt. Macy`s, das Kaufhaus am Herald Square, organisiert die Parade, am Herald Square endet sie auch, mit tanzenden Cheerleadern, rollenden Clowns und trommelnden Schulbands. Und den Cherokee. Auf dem letzten Floß sitzt Santa Claus, im dicken roten Mantel. Es ist fast 20 Grad warm.

An der Eighth Avenue und 42nd Street liegt die Laugh Factory, vormals Show World. Show World war das größte „Sex Emporium“ des alten Times Square, hier wurden Videos, Sexspielzeug, Reizwäsche und die Spanische Fliege verkauft, nackte Mädchen wickelten sich um Messingstangen. „Show World“ gehörte Richard Basciano, der auch den Laden an der 42nd Street besaß, wo heute Disney sitzt. Al Goldstein, der Verleger der einschlägigen Zeitschrift „Screw“, hält Basciano für einen Mafiosi, aber wer weiß.

Heute heißt die Etage „Laugh Factory“, und Whoopi Goldberg und Dave Chapelle treten hier auf. An Thanksgiving hängt ein großes Schild im Schaufenster: Wer hungrig sei, solle herein kommen, es gebe ein kostenloses Dinner, für jeden. „Niemand soll an Thanksgiving alleine sein“. Drinnen, zwischen rotem Plüsch, Spiegeln, Messingstangen und Discokugeln servieren Freiwillige Truthahn, Kartoffelbrei, Grünkohl und Yam. Eine Jazzband spielt, mehrere Dutzend Menschen sitzen im rotbeplüschten Saal und essen. Ein paar erschöpfte Gesichter sind darunter. „Wir machen das jedes Jahr“, sagt der Mann, der den Kürbisauflauf ausgibt. „Wir laden auch alle zu Weihnachten ein.“ Dann lächelt er. „Möchten Sie einen Teller Truthahn? Es ist genug da!“

Nun muss ich mich aber beeilen, um zum nächsten Thanksgiving-Dinner zu gelangen, nach Brooklyn. Die U-Bahn ist seltsam leer. Meine Freunde Benita und Ron haben gekocht, einen riesigen Truthahn mit allen Zutaten, nur anstelle des Grünkohls gibt es Bohnen. Und Brot. Benitas Sohn Michael hat den Nachtisch mitgebracht, und ich eine Flasche australischen Wein, eine Schachtel Mozart-Kugeln und eine Max-Raabe-CD. Benita schwärmt für die zwanziger Jahre in Berlin.

Leserkommentare
    • sven512
    • 24. November 2007 3:29 Uhr

    "Auf einem Wagen steht ein Chor von Cherokee-Indianern, die „Jingle
    Bells“ in ihrer eigenen Sprache singen. Früher wurden Indianerkinder
    bestraft, wenn sie nicht Englisch redeten, das ist also ein ziemlicher
    Fortschritt."Ja, und in Frankfurt wurde einem Rabbi vor ein paar Wochen ein Messer in den Bauch gerammt. Er wurde allerdings nicht umgebracht, wie noch vor knapp 60 Jahren, ist also auch ein ziemlicher Fortschritt.

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