Kosovo Der Marathon beginntSeite 2/2

Womit wir bei der zweiten, sehr viel schwierigeren Frage sind: Wie geht es weiter? Der designierte kosovarische Premierminister Hashim Thaçi hat noch für den Dezember eine einseitige Unabhängigkeitserklärung in Aussicht gestellt. Das klingt recht forsch, doch dürften Thaçi und das kosovarische Parlament nichts derartiges unternehmen, bevor nicht Washington und eine große Anzahl der EU-Mitgliedsstaaten ihre Zustimmung und Anerkennung des neuen Staates signalisiert haben. Das wird – bei aller gebotenen Vorsicht gegenüber solchen Prognosen – voraussichtlich erst Anfang des nächsten Jahres der Fall sein.

Und dann? Dann werden die Kosovaren auf den Straßen feiern, während die 15.000 KFOR-Soldaten in erhöhte Alarmbereitschaft treten und die serbische Regierung ihrerseits zurückschlägt: Belgrad wird die „Grenze“ zum Kosovo schließen, den Waren- und Personenverkehr blockieren und Stromlieferungen einstellen, was den Alltag der Kosovaren zumindest kurzfristig noch beschwerlicher machen wird, als er ohnehin schon ist. Außerdem gilt als sicher, dass sich der von Serben dominierte Nord-Kosovo seinerseits vom neuen kosovarischen Staat abspaltet (eine politische Variante der biologischen Zellteilung) und seine Zugehörigkeit zu Serbien erklärt. Es wird spannend für die KFOR-Truppen, die im Nord-Kosovo stationiert sind – darunter demnächst womöglich auch 500 Bundeswehr-Soldaten. Deren Präsenz soll für Ruhe, Ordnung und Einheit sorgen, doch aus Belgrader Sicht wären sie dann eigentlich Interventionstruppen auf serbischem Territorium.

Blieben noch die Auswirkungen auf die Nachbarländer zu erwähnen: aus Mazedonien, wo seinerzeit dank rechtzeitiger internationaler Vermittlung ein Bürgerkrieg verhindert werden konnte, werden neue Spannungen zwischen den albanischen und slawischen Bevölkerungsgruppen gemeldet. In Bosnien verkünden die Führer der Serben, dass sie sich im Fall einer Unabhängigkeit des Kosovo ihrerseits berechtigt fühlen, sich abzuspalten und Serbien anzuschließen. Womöglich nur eine leere Drohung, aber jedenfalls trägt sie nicht zur Entspannung der Lage bei. Das Kapitel Balkan ist acht Jahre nach Kriegsende für Europa noch lange nicht abgeschlossen. Der Marathon hat gerade erst begonnen.

 
Leser-Kommentare
    • gmail
    • 28.11.2007 um 22:32 Uhr

    Sich damals von der NATO im Balkan einmischen zu lassen.
     
    Deutschland hat in Afghanistan gezeigt, wie man sich bei der NATO druecken kann. Warum Amerika sich verpflichtet fuehlte mitzumachen, und am Ende beinah die ganze Sache auf eigenen Schultern getragen hat, sollte als Erziehung  in Washington dazu dienen, nie wieder auf Europa zu hoeren.
     
    Jugoslawien war Amnerika's Freund, nicht Albanien waehrend WWII und auch im kalten Krieg. Bis Genscher, der "gute Freund" alles fuer die US auf den Kopf stellte.
     
    Hoffentlich tritt Bush' Botschafter nun endlich aus der "Troika" aus. Und ueberlaesst das "Problem" den Russen. [Ischinger, war er nicht Schroeder's Botschafter in Washington? Mit Schroeder's Hilfe kann er sich auf der Seite der Russen nuetzlich machen.]
    Warum man Serbien und Kosovo Putin verweigern will, ist eine Frage zu der es keine gute Antwort gibt.

  1. Es gibt noch viel zu lernen für die Amis!

    • Anonym
    • 29.11.2007 um 12:27 Uhr

    Nur auf dem Balkan ? Wie sieht´s aus mit Baskenland, Katalanien, Flandern, Länder in Osteuropa, die nicht zum Balkan zu zählen sind ?

    • amras
    • 30.11.2007 um 9:24 Uhr
    4. ...

    Die EU und die USA machen sich nicht besonders glaubwürdig, wenn sie eine Unabhängigkeit des Kosovo unbedingt durchsetzen wollen, die serbischen Kosovaren aber gleichzeitig mit Waffengewalt an der Abspaltung hindern. Vom "No" zur Unabhängigkeit der bosnischen Serben ganz zu schweigen. Gleiches Recht für alle...

  2. Ich denke, das zeigt recht deutlich, was es mit dieser "Unabhängigkeit" auf sich hat.

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  • Quelle ZEIT online, 28.11.2007
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