Parteitag Grüne rücken nach links
Grundsicherung oder Grundeinkommen, die Grünen streiten auf ihrem Parteitag in Nürnberg darüber, wie sozial oder wie irreal sie sein wollen
„Wie erklärt ihr das der Verkäuferin bei Kaufhof?“ Diese Frage stellen mehrere Redner in der Nürnberger Frankenhalle. Jene, die Hartz IV für unsozial halten und stattdessen bewusst provokativ „Geld für alle“ fordern und auf der anderen Seite jene, die dies „Stillegungsprämie“ nennen, frei nach dem Motto „gebt dem Armen was zu fressen, dann sind sie ruhig“. Kontrovers geht es zu und teilweise polemisch.
Die Grünen haben sich auf ihrem Parteitag in Nürnberg an diesem Wochenende der Sozialpolitik zugewandt. Zwei völlig unterschiedliche Konzepte liegen auf dem Tisch und wenn die Grünen streiten, dann geben sie sich, anders als die SPD, nicht mit der Frage zufrieden, ob die rot-grünen Arbeitsmarktreformen nach einigen Jahren Praxistest nachjustiert werden sollen. Bei den Grünen wird es schnell grundsätzlich.
Grundsicherung oder Grundeinkommen, Korrekturen an der rot-grünen Agenda-Politik oder Systemwechsel. 420 Euro Arbeitslosengeld II für Bedürftige oder 420 Euro für jeden, Gesamtkosten von 60 Milliarden oder mehreren hundert Milliarden. Vehement wird gestritten. Sechs Stunden lang. Die Grünen leisten sich eine ungewöhnliche Debatte auf hohem Niveau. Sie pendelt zwischen lauter Polemik und nachdenklichen Beiträgen, zwischen philosophischen Ausführungen zum grünen Menschenbild und Klassenkampfrhetorik, zwischen Realpolitik und Illusion.
Das Konzept der bedarfsgerechten Grundsicherung wird vor allem von der Parteiführung und den Sozialpolitikern der Bundestagsfraktion verfochten. Ihr Konzept will Hartz IV weiterentwickeln, wobei die Vorstellungen recht weit gehen. Deshalb kann man es in den Worten des Ver.di-Vorsitzenden Frank Bsirske, der auf dem Parteitag ein Grußwort spricht, auch einen „Bruch mit der Agenda-Politik“ nennen. Auf 420 Euro soll der Regelsatz von Hartz IV angehoben, die Zuverdienstmöglichkeiten sollen verbessert, das Schonvermögen erhöht werden. Zudem soll es weniger Sanktionsmöglichkeiten geben und abgeschwächte Zumutbarkeitsregeln. Gleichzeitig sollen Arbeitslose mehr gefördert, Bildung und Erziehung verbessert werden.
Auf der anderen Seite gibt es die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens. Deren Anhänger machen keinen Hehl daraus, dass es ihnen um einen Paradigmenwechsel, um eine Revolution geht, um einen Systembruch. Die Idee klingt denkbar einfach, um nicht zu sagen naiv. Jeder Erwachsene in Deutschland erhält 420 Euro, jedes Kind 300 Euro und zwar bedingungslos. Es gibt keine Bedarfsprüfung mehr und keine Frage nach der Arbeitsbereitschaft, keine Sanktionen. Das Grundeinkommen wird als negative Einkommenssteuer gezahlt und funktioniert wie ein Steuerfreibetrag. Zahlen sollen die Reichen. „Das Grundeinkommen wird durch die hohen Einkommen bezahlt“, betont die Antragstellerin Beate Müller-Gemmeke aus dem Landesverband Baden-Württemberg. Nur wie viel sie zahlen müssen, dashat noch niemand genau ausgerechnet.
Die Führung der Grünen ist nervös, sie weiß, wie populär an der Basis der Partei die Idee des Grundeinkommens ist. Aber sie befürchtet, dass sie, wie schon auf dem Sonderparteitag zu Afghanistan, im September nun auch in der Sozialpolitik von der Basis bloßgestellt wird. Gleichzeitig befürchtet sie, ihre Partei könnte sich wie einst mit dem Fünf-Mark-Beschluss zum Benzinpreis in der breiten Öffentlichkeit mit teuren, illusionären und unvermittelbaren Beschlüssen lächerlich zu machen. Und dies ausgerechnet vor zwei kommenden Jahren mit wichtigen Wahlen. Deshalb mahnt Parteichef Reinhard Bütikofer die Delegierten gleich zu Beginn der sozialpolitischen Debatte vor allem dazu, „politisch praxistauglich“ zu entscheiden.
- Datum 25.11.2007 - 11:11 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT online
- Kommentare 6
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Schön, die Grünen bringen wieder einen frischen Wind in die lähmende unvisionäre Stille der grossen Koalition. Da werden sie mir ja direkt wieder sympathisch.
Die Berichterstattung gelingt dem Autor neutraler und damit besser als ich es für diejenige der Zeit bezüglich des SPD-Parteitages erinnere.
Dennoch drei Kiritkpunkte:
1. Der Autor stellt auf Seite 2, Absatz 3 des Artikels die Behauptung auf, dass Hartz IV "auch viele positive Wirkungen hatte". Bei einer kritschen, fachlich versierten und unvoreingenommenen Recherche hätte der Autor dies nicht so salopp daherschreiben dürfen. Es drängt sich der Eindruck auf, der Autor hätte noch nie die Anstrengung unternommen, sich anzuschauen, welche Einzelgesetze unter dem Schlagwort Hartz IV zusammengefasst werden.
Der Spiegel titelte damals mit "Milliardengrab Hartz IV". Der sog. Aufschwung und der damit einhergehende Rückgang der Arbeitslosigkeit ist in allen seriösen Gutachten, die die Kausalität der Reformen für den sog. Aufschwung zum Untersuchungsgegenstand haben, kaum auf die Reformen der Agenda 2010 zurückzuführen.
Ganz so einfach wie Sie sich das hier machen, ist die Sache also nicht.
2. Personalie Oswald Metzger:
Spiegel-Online war immerhin so verwegen enthüllungsjournalistisch und hat die Zusammenarbeit des Herrn Oswald Metzger mit dem ideologischen Propaganda-Netzwerk der INSM zur ergänzenden Erklärung der Missliebigkeit seiner Person bei einem Großteil seiner Partei herangezogen.
Die ZEIT erwähnt diesen nicht unwesentlichen Punkt nicht mal andeutungsweise.
3. Linksruck:
Das Wort wird noch zum Unwort des Jahres avancieren, wenn es jetzt für jedes politische Ereignis herhalten muss.
Don't get brainwashed!
www.NachDenkSeiten.de
www.jjahnke.net
Boris Palmer ist unser OB in Tübingen, und wir sind nicht in Thüringen!
Warum stellt der Autor die im ganzen Land entbrannte Diskussion über das - bedingungslose - Grundeinkommen (bGE) in die Ecke des "Irrealen"?
Wagen wir doch einen kurzen Blick in das Grundgesetz. Man sollte es immer wieder tun, first! Wenn man daran geht, strukturell zu denken, zu schreiben und zu handeln.
Der jetzige "reale" Zustand ist bekannt: Das Bild von der Schere muss ich nicht erläutern. Es sind schätzungsweise allein in Deutschland 15 - 20 Millionen Menschen. Ausgegrenzt. Von der Teilhabe, von gesunden Lebens- und Arbeitsverhältnissen, von einer angemessenen Bildung, von Zuwendung, von Solidarität,von ...................................
All jenen ist gemeinsam die bittere Erfahrung, dass sich der Stadt, aller Sonntagsreden zum Trotz, seiner an erster Stelle unseres Grundgesetzes stehenden Verpflichtung ihnen gegenüber entzieht. ( Art. 1 Absatz 1 Satz 2 GG). Das ist die inhumane, gegen die Würde dieser Millionen verstoßende Realität. Wer widerspricht unter der Geltung dieses Grundgesetzes?
Frage daher: Ist es nicht hohe Zeit, dass "IRREALES" gedacht, gebündelt und in nicht allzu ferner Zukunft in die Praxis umgesetzt wird? Und wenn es die GRÜNEN nicht angehen, dann werden es andere sein.
Für das bGE gilt: Nichts ist so stark wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.
Vor diesem Hintergrund wünsche ich mir mehr ZEIT-Artikel, die das Visionäre kritisch-wohlwollend in ihre Gedanken aufnehmen. Denn steht es ZEIT-Autoren zu, neue Bewegungen einfach in vermeintlich nicht akzeptable, (heute noch) irreale Ecken zu stellen? Sie mögen die Energie fließen lassen und statt ein ABER ein UND setzen. Na dann!
Na sowas, ein Ruck nach Links! Also Grün mischt jetzt etwas Rot mit in den Brei. Hat irgendwer gemerkt, dass sich dadurch Braun ergibt? Und dann auch noch ausgerechnet in Nürnberg!
Geht es um linke oder soziale Ideen, kommt sofort die Argumentatioen mit den Worten realistisch, Realität.Bourgeoise Diffamierungen. Wie real ist ein Handy für 65.000 Euro? Wie real ist eine Wirtschaft, die rationalisiert und die Leute stehen nach einem Jahr mit Hartz IV da? Wie real ist dieser Kapitalismus, der das Ökosytem so stark gefährdet?Was kümmert das in den Elbvororten, Niendorf und Eimsbüttel, wo Leute wohnen, die "was mit Medien" machen?Manchmal ärgert es mich, daß meine Einstellung zu Gewalt geklärt ist, bei dieser miesen bourgeoisen Stimmungsmache, wo jederzeit erkenntlich ist, daß es nur um das Wohl der eigenen Kaste geht.MfG
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren