Verkehrspolitik Politik für Spritsäufer
Günther Beckstein fordert eine Pkw-Maut und will die Mineralölsteuer senken. "Sozial gerecht" ist das nur begrenzt - dafür aber populistisch, und umweltschädlich obendrein
Günther Beckstein weiß, wann die Zeit günstig ist. Seit Monaten schon steigen die Preise für Benzin und Diesel - und damit die Chancen für Bayerns Ministerpräsidenten. Denn dieser kämpft seit Langem dafür, eine Pkw-Maut auf Autobahnen einzuführen. Im Gegenzug will er die Autofahrer durch niedrigere Steuersätze auf Mineralöl entlasten.
Nun hat Beckstein seine Forderung wiederholt: Nach schweizerischem Vorbild soll künftig 120 Euro pro Jahr zahlen, wer auf deutschen Autobahnen Gas geben will. Zugleich soll die Mineralölsteuer auf Benzin um 15 Cent sinken, auf Diesel um 10 Cent.
Vor allem zwei Argumente führt Beckstein ins Feld, um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen. Erstens sei es „sozial gerecht“, wenn sich ausländische Autofahrer stärker an der Finanzierung der deutschen Autobahnen beteiligen müssten. In den meisten europäischen Ländern werden mittlerweile Mautgebühren erhoben, etwa in Frankreich, Italien, Spanien, Portugal, Österreich oder Dänemark. Warum sollte Deutschland nicht auch zulangen? Zweitens, so Beckstein, könnten sinkende Benzinpreise den Tanktourismus in deutsche Nachbarländer wie Polen oder Belgien begrenzen.
Zunächst klingt das plausibel - doch ökonomisch ist Becksteins Idee höchst problematisch. "Ein solcher Plan wäre ein fatales Signal", sagt etwa der Kölner Finanzwissenschaftler Michael Thöne. Eine Pkw-Maut hält Thöne zwar ganz grundsätzlich für ökonomisch sinnvoll, denn sie belastet den, der die Autobahn nutzt. Bislang muss jeder Steuerzahler für den Bau und die Instandhaltung der Fahrbahnen aufkommen - selbst wenn er gar kein Auto besitzt. Eine Maut würde das ändern.
Scharfe Kritik übt der Ökonom jedoch an der Senkung der Mineralölsteuer. Sie würde dazu führen, dass sich der Verbrauch von Benzin und Diesel wieder stärker lohnt: "Der Porsche Cayenne rechnet sich dann wieder mehr", sagt Thöne. "Das kann umweltpolitisch nicht gewollt sein."
Der Finanzwissenschaftler schätzt, dass durch eine niedrigere Steuer der Benzinverbrauch in Deutschland zwischen vier bis fünf Prozent steigen könnte. Zudem zieht das Argument, dass ein sinkender Benzinpreis im Inland den Tanktourismus stoppen könnte, nur begrenzt: Sänke der Preis um 10 bis 15 Cent, wäre er noch immer höher als in den Nachbarländern, wo Benzin und Diesel bis zu 30 Cent billiger sind.
Dass Beckstein die Mineralölsteuer senken will, hat daher vor allem politische Gründe. Sein Vorhaben ist
angesichts steigender Benzin- und Dieselpreise und einem Ölpreis, der ständig neue Rekorde bricht
, populär. Zudem ist die Mineralölsteuer eine Bundessteuer. Würde man sie senken, träfe das den Bund, nicht die Länder. Das erklärt auch, warum Beckstein nicht etwa die Kfz-Steuer senken will, um die Autofahrer für eine Autobahnmaut zu entschädigen. Dabei wäre das ökonomisch und umweltpolitisch viel sinnvoller, denn die Kfz-Steuer verteuert nicht den Gebrauch, sondern die Haltung von Fahrzeugen – von einer Senkung würden die Halter sparsamer Kleinwagen ebenso profitieren wie die Besitzer dicker Spritsäufer. Doch die Kfz-Steuer kommt ausschließlich den Ländern zugute, auf sie will auch Beckstein nicht verzichten.
Der Ministerpräsident hat aber noch eine andere Klientel im Sinn: die Bürger Bayerns. Das Bundesland ist ein Flächenland, die Zahl der Pendler hoch. Käme die Autobahnvignette, zahlten sie einmalig eine Jahresgebühr von 120 Euro – und profitierten bei jedem Kilometer von den niedrigeren Benzinpreisen. Wer hingegen wenig fährt, etwa Menschen in Großstädten, zahlt relativ gesehen mehr.
Wie viel Becksteins Vorhaben dem Fiskus bringt, ist schließlich ungewiss. Würden zahlende ausländische Autofahrer den Haushalt wirklich entlasten? Sie machen nur vier bis fünf Prozent der Fahrer auf deutschen Autobahnen aus - gut möglich also, dass die Verwaltungskosten für eine Vignette höher lägen als die zusätzlichen Einnahmen. Die Kosten dürften nicht unerheblich sein, schließlich müsste kontrolliert werden, ob die Autofahrer sich an die Regeln halten. Der Vorsitzende des Verkehrsausschusses des Bundestags, Klaus Lippold, schätzt, dass alleine acht bis zehn Prozent der Einnahmen für Verwaltung und Erhebung der Maut draufgehen. Nicht auszuschließen ist auch, dass viele auf Bundesstraßen ausweichen, um den Gebühren zu entgehen.
Dabei böte eine Pkw-Maut prinzipiell große Chancen: Würde man sie geschickt installieren, etwa mit einem kilometergenauen Abrechnungssystem, könnte man jene belohnen, die auf das Auto öfter verzichten. Und so auch der Umwelt helfen.
- Datum 23.11.2007 - 12:59 Uhr
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Warum sollte dem Herrn Beckstein der vage Klimawandel wichtiger sein, als das kurzfristige Wohlergehen seiner WählerInnen und die langfristigen Geschäftsinteressen von Audi und BMW? Er hat doch nichts anderes gelernt.Dumm dabei ist nur, dass wir heute die Weichen stellen müssten für andere Verkehrs- und Wirtschaftskonzepte und mit dem Nachjustieren am alten System nur Zeit und Mittel vergeuden. Vielleicht sollte man sie einfach zum Teufel jagen, die altmodischen Politiker, wenn sie sich auf Dauer zu blöd anstellen.Vorläufig hilft nur eins: selbst weniger und langsamer fahren und als Einstieg in den Ausstieg ein Tempolimit fordern. Das kann man zur Zeit ganz einfach bei der Aktion <a target="_blank" href="http://www.pro-regenwald.de/mailaktion">Tempolimit statt Palmöl</a> oder bei <a target="_blank" href="http://www.pro-tempolimit.de">www.pro-tempolimit.de</a>.
Da ist für jeden etwas dabei, zumindest in der Begründung.
Es scheint tatsächlich Menschen zu geben, die gerne Maut bezahlen. Es genügt der wohltuende Gedanke, dass ausländische PKW Fahrer auch bezahlen müssen. Das leuchtet vielen ein, zumindest einige der Menschen die zum Stammtisch nicht über die Autobahn fahren.
Das Dilemma von Sozial Gerecht und Umwelt.Eine Verteuerung von Energie, und mag Sie nicht nur ökologisch begründet sondern ökologisch motiviert sein, führt dazu dass auch der finanziell schwache Bürger stark belastet wird. Egal ob Vignette, Steuer, Sprit, Feinstaubfilter oder Energieeinsparungsgesetz. Das Ergebnis kann lauten: Die "Reichen" und die mit den neuen PKWs, kaufen sich freie Autobahnen mit Vignetten, staufreie Städte mit dem Russfilter, und leere Strände auf den Inseln mit einer CO2 Abgabe. Dann kann die Stimmung kippen. Die Umwelt gerettet, das soziale Klima zerstört.
... vor einiger Zeit forderte man von den Kassenpatienten eine vierteljährliche Gebühr, um das Gesundheitssystem zu stärken. Tatsächlich waren im Jahr darauf die Kassen prall gefüllt und man feierte das als Erfolg des Systems. Wiederum ein Jahr darauf hieß es, die Kassen seien wieder leer, da die Pharmakonzerne die Preise drastisch angehoben hätten. Die Praxisgebühr bleibt - ein tolles Geschäft! Einfacherweise hätte man gleich den Pharmakonzernen die Praxisgebühr übergeben sollen, dann hätten die Ärzte nicht so viel Ärger gehabt!Jetzt möchte Herr Beckstein und Konsorten eine Maut einführen - natürlich im Gegenzug die Benzinsteuer senken. Neben den - im Kommentar nachvollziehbaren - Gründen ist das das selbe Spiel: Nachdem die Steuer gesenkt wird, werden die Mineralölkonzerne schnell die Schmerzgrenze wieder ausreizen und dieses mit - für den Normalverbraucher - nicht nachvollziehbaren Gründen darlegen.Man hat das Gefühl, daß manche Politiker sich Kraft nunmehr "besserer Absicherung durch Diäten-Änderung" keine Mühe mehr geben, ihre konkreten und von Lobbyismus geprägten Interessen für den Normalbürger nicht mehr nachvollziehbar durchzusetzen.
...beleuchtet und interpretiert, Herr Faigle.Hinzuzufügen ist noch, daß soziale und ökologische Interessen leicht vereinbar sind :Hoher Spritverbrauch und Abgasausstoß müssen bestraft werden, nicht die Benutzung der Autobahn. Private Autofahrer wie auch Unternehmen mit eigenem Fuhrpark werden nur auf sparsame und unweltverträgliche Motoren setzen, wenn Kraftstoff wie auch Schadstoffausstoß direkt an Steuern gekoppelt sind.V.a. eine drastische Erhöhung der KFZ-Steuer für sprithungrige Luxusautos und veraltete LKWs ohne Partikelfilter führt zu Erfolgen.Denn nur hier muß ich Herrn Faigle widersprechen : eine angemessene KFZ-Steuer bestraft nicht alle Autobesitzer gleichermaßen. In Klischeesprache : ein kleiner VW oder Toyota mit 1.2l Hybridmotor bei € 200 / Jahr und der vielbesagte Porsche Cayenne mit 3.2l Benzinmotor bei € 2000 im Jahr würde neben einem (angemessen!) hohen Spritpreis das Problem der sozialen Gerechtigkeit mit Umweltschutz verbinden.So einfach wäre das - gäbe es da nicht die Automobil- und Kraftstofflobbies, die uns vorgaukeln, daß wir Arbeitsplätze verlieren, wenn Boliden keinen Absatz mehr finden.Wahr ist das Gegenteil : japanische und deutsche Klein- und Mittelklassewagen haben die US-amerikanische Autoindustrie schon vor Jahren in eine Krise gestürzt. Die amerikanischen Autofahrer hatten nämlich wegen der hohen Spritpreise nunmehr weniger Interesse an Ihren 5 l Pick-Ups.
"Dabei böte eine Pkw-Maut prinzipiell große Chancen: Würde man sie geschickt installieren, etwa mit einem kilometergenauen Abrechnungssystem, könnte man jene belohnen, die auf das Auto öfter verzichten. Und so auch der Umwelt helfen."
Nebenbei hätte der Staat so auch noch ein weiteres Mittel zur Vollüberwachung seiner Bürger in der Hand. Das flächendeckende Scannen von Nummernschildern wäre endlich legitimiert und man müßte nicht mehr die Vorratsdatenspeicherung der Telekommunikation (Stichwort: Handyortung) bemühen.
Schöne neue Welt!!!
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