Familie

Ein Weihnachtsmann

Zur Weihnachtszeit denken wohlhabende Menschen daran, arme Kinder zu beschenken. Wie können sie es tun, ohne die Familien zu beschämen? Erfahrungen aus einem Familienzentrum.

In der Weihnachtszeit melden sich nicht nur Journalisten im Familienzentrum, um über die Armut in der Stadt zu berichten. Auch die Wohlhabenden besinnen sich und verspüren mehr als in den anderen Monaten den Wunsch, abzugeben von ihrem Reichtum und Familien in Armut zu helfen.

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Ein Geschäftsmann aus dem angrenzenden Einkaufscenter, der vom Martinsfest im Familienzentrum im Wochenblatt gelesen hatte, bot an, Kinderwünsche zu erfüllen. Er hatte die Idee, dass wir ihm eine Wunschliste schicken sollten, anhand derer er die Mädchen und Jungen beschenken wollte. Ob er dann vielleicht einfach zu Nikolaus kommen könne und die Geschenke an die Kleinen austeilen? Er würde auch gern allen 70 Kindern, die regelmäßig zu uns kommen, einen Wunsch erfüllen. Nur, und das war seine Bedingung, wolle er kein Geld geben, sondern die Geschenke selber kaufen.

Ich lud ihn zum persönlichen Gespräch ein. Wir sprechen über Weihnachten. „Haben Sie Kinder?“, frage ich ihn und: „Was ist das Schönste am Weihnachtsabend für Sie?“ Er lacht, zeigt auf seinen Bauch und meint „die Gans! Nein, im Ernst“ und dann schaut er auch ernst: „das Schenken. Es macht mir einfach wahn-sin-nig viel Spaß zu schenken. Diese Freude der Kinder.“

Ich schätze den guten Willen des Herrn wert, seine Großzügigkeit ist wunderbar und ehrlich gemeint und sie soll sich gewiss auszahlen für die Kinder. Aber nicht, indem die finanzschwachen Eltern beschämt werden durch die weitaus größeren Geschenke des spendablen Unbekannten. Auch sie würden gerne ihre Kinder glücklich machen.

Ich brauche Zeit zum Nachdenken und schlage vor, dass wir gemeinsam Kaffee trinken. Als wir den Cafétrakt wieder verlassen wollen, stellt Jule sich uns in den Weg. Auffordernd schaut sie Herrn L. von der Seite an und wirft den braunen Zopf in den Nacken. In den Händen hält sie Tannengrün und getrocknete Apfelsinenscheiben. Meine Kollegin Nora bastelt heute Adventsgestecke mit Großen und Kleinen, Kindern und Müttern.

„Wer bist du?“

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Leser-Kommentare

  1. Alle Jahre wieder, in der dunklen Jahreszeit, wird das schlechte Gewissen beruhigt. Die armen Armen. Da muß man doch was tun!Den Rest des Jahres dagegen verbringt man damit über zu hohe Steuern zu jammern (die armen Reichen!), den wirklich Armen die zu hohen Hartz- Sätze zu neiden (9€ Regelsatz pro Kind und Jahr für Spielzeug sind auch wirklich zu viel!), das Kastensystem im Schulwesen mit Zähnen und Klauen zu verteidigen (mein Kind soll nicht mit den Versagern in eine Klasse!), gegen auskömmliche Löhne zu wettern (Mindestlöhne, das ist der Untergang!) und sich in jeder Form immer mehr abzugrenzen.Dieses Land ist um diese Zeit ganz besonders unerträglich.

  2. Naja, besser so als gar nichts, oder? Vom Schwadronieren wurde auch noch niemandem geholfen.

  3. vielleicht könnten menschen wie herr l. und seine geschäftskollegen ja den finanzschwachen eltern mit einem (neben)job unter die arme greifen - das wäre zumindest eine etwas nachhaltigere hilfe zur selbsthilfe. so muss sich niemand beschämen lassen

  4. Die Diskussion hier ist schon wieder irgendwie bezeichnend. Anstatt das man sich einfach mal freut, dass ein Mann, der scheinbar Unternehmer ist und somit den Mut hatte auf eigenes Risiko ein Unternehmen zu gründen, armen Kindern etwas zu Weihnachten schenken möchte, wird er direkt dafür verurteilt, dass sein Unternehmen nicht die Caritas ist und allen armen Leuten einen Job gibt. Bertolt Brecht hat mal in "Der gute Mensch von Sezuan" geschrieben, dass wenn man dem armen Mann den kleinen Finger reicht er einem gleich die ganze Hand abreißt. Dabei war Brecht ja nicht gerade als Freund des Kapitalismus bekannt.
    Ich finde die Lösung die in diesem Artikel gefunden wurde wirklich mal gut und sinnvoll. Des Weiteren ist, meiner Meinung nach, auch am Verhalten des L nichts auszusetzen. Was ist so schlimm daran Geschenke zu verteilen?
    Gruß
    Mephisto77
    ____________________________________________________________ Mitleid gibt es umsonst, Neid muss man sich verdienen.

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