Fussball Wo sind die Typen hin?
Katsche, Super-Mario und Ente waren einmal. Die Bundesliga hat sich verändert: Nicht nur die Stadien und Fans, sondern auch die Spieler. Ein Essay
Manchmal sagt sogar Lothar Matthäus kluge Sätze. In einem Interview übte der Rekordnationalspieler Kritik an der Fußball-deutschen Erinnerungskultur. Als seine Profi-Karriere begann, damals in den frühen achtziger Jahren, hätten alle bloß darüber gejammert, dass „die Generation Beckenbauer ausgestorben“ sei. Später als Matthäus sich anschickte, weltbester Fußballer der frühen neunziger Jahre zu werden, hätten alle nur den Rummenigges und Schumachers nachgetrauert. Matthäus sucht derzeit als Trainer nach Arbeit – und er solidarisiert sich mit der heutigen Spielergeneration. Denn auch die leidet nach dem Motto: Ihr könnt so großartig spielen, wie ihr wollt, früher war doch alles besser!
Matthäus hat recht. O tempora! O mores! (Was für Zeiten! Was für Sitten!) Schon Cicero, der melancholische römische Philosoph, beklagte den Verfall der Sitten und der Charaktere. Der kulturpessimistische Gedanke, dass alles früher besser war, ist so alt wie die Geschichtsschreibung – und psychologisch ebenso gut nachvollziehbar wie die Angst vor der eigenen Vergänglichkeit. Das Phänomen ist nicht auf den Sport beschränkt: Politiker, Künstler, Literaten – sie alle hatten früher mehr Geist, mehr Pfeffer, mehr Ausstrahlung, oder?
Anderer Meinung ist Mario Basler, früher
Enfant terrible
der Liga, heute Co-Trainer in Koblenz. Er habe tatsächlich eine qualitative Verbesserung zwischen seiner und der nachfolgenden Spielergenerationen beobachtet. „Richtige Persönlichkeiten“, so wie er eine gewesen sei, stürben dafür heute in der Bundesliga aus.
Auch Basler hat nicht unrecht, obgleich er selbstgerechter argumentiert. Die heutigen Nationalspieler, die Friedrichs und Metzelders, die Kloses und Hilberts, trennt tatsächlich einiges von ihrer Vorgängergeneration, den Baslers und Littbarskis, den Kohlers und Brehmes. Und dabei ist noch nicht einmal die Technik oder Spielweise gemeint, sondern ihr Charakter: der öffentliche Auftritt, die Rhetorik, ihr Gruppenverhalten. „Es gibt kaum noch Spieler mit Ecken und Kanten, die geradeaus ihre Meinung sagen“, sagt „Super-Mario“. Ihm schwant Schlimmes: „Wenn alle so brav und angepasst sind, ist das ist auf Dauer langweilig.“
Dem französischen Naturlisten Émile Zola zufolge bestimmen drei Faktoren, wie ein Mensch sich entwickelt: das Milieu, der Zeitpunkt und der Ort, in den man hineingeboren wird beziehungsweise an dem man seinen Beruf ausübt. Und tatsächlich: Das Umfeld, in dem heute Fußballprofis ihrer Arbeit nachgehen, hat sich in den vergangenen 25 Jahren nachhaltig verändert. Die Bundesliga aus dem Jahr 2007 ist kaum mit der von 1982 zu vergleichen. Wen wundert’s, dass sich da auch die Anforderungen an die Spieler gewandelt haben – und somit deren Verhalten?
Was also hat sich verändert? Zunächst etwas, das typisch ist, für die nach 1980 geborene Generation: Kaum etwas hat die Kultur der Mannschaftsabende oder der Fahrten ins Trainingslager so beeinflusst wie die moderne Technik. Die jungen Spieler besitzen heute fast alle Laptops und Spielkonsolen. Oliver Kahn, selbst nicht unbedingt ein geselliger Typ, äußerte einmal sein Befremden darüber, dass die jungen Kollegen unentwegt daddeln und chatten müssten. Abends sähe man sich teilweise gar nicht mehr, weil alle in Grüppchen auf irgendwelchen Zimmern hocken würden – vor Playstation und YouTube.
- Datum 01.04.2008 - 12:35 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT online
- Kommentare 4
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Längst sind die Kicker Teil der "Celebrity Culture" geworden. (Bestes Beispiel: die Beckhams. Sie kann nicht singen, er nicht Fußball spielen...) Schon im "Alten Rom" waren die Gladiatoren die reichsten Männer nach dem Kaiser. Und "Brot und Zirkusspiele" war einer der Grundpfeiler des Imperiums. Sehr geehrter Herr Schlieben, Ihre Feststellung, dass Fußballspieler heute "andere Horizonte haben als Andreas Brehme", ist doch etwas weit hergeholt. (Hoffentlich verklagt Sie Herr Brehme für diese schon jenseits der Grenze zur Beleidigung liegende Aussage nicht.) Eher würde ich schon "Super-Mario" Recht geben, dass "alle Spieler brav und angepasst" sind. Was nicht unbedingt von höherer Intelligenz zeugt - von Intellektualität ganz zu schweigen. Und um es besonders hervorzuheben: Fußball ist anti-intelektuell und systemimmanent. Längst hat der Fußball politische und "ersatz"religiöse Züge angenommen. Die Berlusconisierung Italiens wäre ohne Fußball undenkbar gewesen. Und wer Roman Abramowitsch für den netten Besitzer eines Londoner Fußballclubs hält, ist politisch sicher mehr als naiv.Fußball ist mittlerweile vom Volkssport zur Volksverdummung degeneriert. Man mag das bedauern oder nicht. Es gibt ohnehin nur eine Wahrheit im Fußball: Der Ball ist rund. Herzliche Grüße aus Akodo Beach, Lagos! Mancunianus[Wir bitten Sie, sich an Deutsch und Englisch als Verkehrssprachen dieses Forums zu halten. Vielen Dank. /Die Redaktion pt.]
Das Adjektiv intellektuell schreibt sich natürlich mit Doppel-L.
Also noch einmal: Fußball ist anti-intellektuell und systemimmanent. Der Ball bleibt rund.
Herzliche Grüße aus Akodo Beach, Lagos!
Toooooooooor....
Mancunianus - ein eitler Tor....
der Beweis:Berti Vogts(in einer Pressekonferenz:) "Die Realität ist anders als die Wirklichkeit."Quelle:http://baetzler.de/humor/...Und das noch:Richard Golz(auf die Frage, was beim sogenannten Studentenklub SC Freiburg
anders sei): "Vor lauter Philosophieren über Schopenhauer kommen wir
gar nicht mehr zum Trainieren."Horst Hrubesch(schildert die Entstehung eines seiner Tore): "Manni Bananenflanke, ich Kopf, Tor!"
Es gibt wahrscheinlich einen Zusammenhang zwischen dem "Aussterben der Straßenfußballer" und dem "Aussterben der Bundesliga-Typen".Früher sagte der erfolgreiche Trainer Addi Preißler: "Wichtig is aufm Platz!"Heute sagt ein erfolgreicher Bundesligatrainer: "Wir müssen sehen, dass wir hinten kompakt stehen und dann aus der kontrollierten Offensive, über die Außen, hinter die Viererkette des Gegners kommen. Wir haben das dezidiert, alle zusammen - Mannschaft und auch Co-Trainer -, besprochen."Früher war nicht alles besser, aber vieles einfacher...
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren