Eine ausdrucksstarke Sängerin. Junge, meist weiße Musiker, die den James-Brown -Sound im Schlaf beherrschen. Dazu ein Klang, als wäre die Welt über Nacht wieder analog geworden, als hörte man nur Vinyl. Das ist die Erfolgsformel des Retro-Soul, mit dem Amy Winehouse die Hitparaden stürmte.

Wem HipHop zu materialistisch und zeitgenössischer R'n'B zu oberflächlich geworden ist, findet hier ein musikalisches Heim. Während der R'n'B von Luxusmiezen wie Beyoncé und Rihanna oft die glatte Oberfläche sucht, lebt der Retro-Soul – auch Deep Funk oder Raw Soul genannt – die Rohheit eines James-Brown-Konzerts.

Der „Godfather of Soul“ ist auch Sharon Jones und ihrer Hausband, den Dap-Kings, ein Vorbild. Gerade hat die Sängerin ein beeindruckendes Album vorgelegt.

ZEIT online: Sie sind jetzt 51 Jahre alt. Warum hat es nicht schon früher mit der Musik geklappt?

Sharon Jones: Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre habe ich versucht, bei einem Label unterzukommen. Aber ich bekam immer nur das gleiche gesagt: Ich sei zu kurz, zu dunkelhäutig und zu dick. Nach meinem 25. Geburtstag war ich auf einmal auch zu alt. Dass ich singen kann, und zwar richtig gut, schien keinen zu interessieren. Natürlich habe ich weiter Musik gemacht. In Hochzeitsbands etwa oder als Studiosängerin. Zum Überleben musste ich auch ganz andere Jobs annehmen. Kurze Zeit habe ich als Gefängniswärterin gearbeitet.

ZEIT online: Hatten Sie nie Zweifel, dass Sie mit der Musik irgendwann Erfolg haben werden?

Jones: Im Grunde wusste ich immer, dass meine Stimme eine Gabe Gottes ist. Und dass mich die Leute eines Tages deswegen so akzeptieren würden, wie ich bin.

ZEIT online: Legt die Musikindustrie zu viel Wert auf Äußerlichkeiten?

Jones: Wie das heute so läuft, kann ich nicht sagen, weil wir unsere Musik auf Daptone, unserem eigenen Label, herausbringen – zu unseren Bedingungen. Ich weiß nur, dass ich jetzt mit Anfang 50 einfach die sein kann, die ich bin. Und nicht mit Beyoncé oder anderen R'n'B-Sängerinnen konkurrieren muss.

ZEIT online: Mögen Sie HipHop und zeitgenössischen R'n'B?

Jones: Mögen wäre zu viel gesagt. Aber jeder soll das machen, was ihm liegt. Ich jedenfalls höre nichts davon. Weil es mir zu gleichförmig klingt. Mir gefällt auch nicht, welche Worte wir Frauen uns vom HipHop gefallen lassen müssen und dass man dazu halbnackt herumlaufen soll. Als ich jung war, ging es im Soul vor allem um „Respect“ – wie im Song von Aretha Franklin. Heute dreht sich anscheinend alles ums Geld.

ZEIT online: Viele Kritiker nennen Ihre Musik Retro-Soul. Was halten Sie von dieser Bezeichnung?

Jones: Dieses kleine Wort Retro geht mir ganz schön auf die Nerven. Weil es so klingt, als ob wir nur jemanden nachahmen. Wenn ich einen Song singe, denke ich vielleicht an eine bestimmte Haltung oder Stimmung, mit der ich ihn interpretieren möchte – eine James-Brown-Haltung oder eine Otis-Redding-Stimmung. Aber das ist Inspiration und keine Imitation. Retro klingt zu sehr nach Imitation.

ZEIT online: Woher kommt eigentlich dieser alte Vinyl-Sound auf Ihren Alben?

Jones: Das digitalste an unserem Studio ist der CD-Player. Alles andere ist analog, ein großer Teil unserer Ausrüstung stammt aus den siebziger Jahren. Das meiste nehmen wir live auf, weil man nur so das richtige Gefühl hinbekommt. Das war letztlich auch der Sound, den Mark Ronson als Produzent für Amy Winehouse gesucht hat. Deshalb spielten sie die Hälfte des Albums Back To Black mit den Dap-Kings bei uns im Studio ein.

ZEIT online: Wie denken Sie über Ihre junge Kollegin aus England?

Jones: Die Journalisten wollen immer, dass ich irgendwas Schlechtes über Amy Winehouse sage. Dabei gibt es gar keinen Grund dazu. Sie hat eine tolle Stimme. Ihr und Mark Ronson verdanken wir einen Teil unseres Erfolgs. Sie waren es, die unseren Sound in den Mainstream-Pop gebracht haben.

ZEIT online: Sie ist also keine Rivalin?

Jones: Nein. Ich wünsche ihr das Beste – vor allem, dass sie ihre Probleme in den Griff bekommt .

ZEIT online: Ist es vielleicht besser, erst in Ihrem Alter ein Star zu werden, weil einen dann die Lebenserfahrung vor Dummheiten bewahrt?

Jones: Es kommt, wie es kommt. In meinem Fall eben so, dass ich erst mit 50 Jahren Erfolg als Sängerin habe. Kann schon sein, dass mich das vor Fehlern bewahrt, in die ich getappt wäre, wenn ich den gleichen Erfolg schon mit Anfang 20 gehabt hätte. Mir ist die Musik am wichtigsten. Ansonsten bin ich eine ziemlich reife Person, die kaum etwas aus dem Gleichgewicht bringen kann. Schon gar nicht das Geld. Geld interessiert mich nicht. Ich brauche keine 25 Autos.

ZEIT online: Woher nehmen Sie die Kondition für Ihre schweißtreibenden Konzerte? Vermutlich sind Sie fitter als Amy Winehouse, aber eben auch keine 24 mehr.

Jones:Amy bewegt sich ja kaum, wenn Sie auf der Bühne steht . Da bin ich ganz anders – eher wie James Brown. Wie ich das schaffe? Mit den Dap-Kings bin ich auf ständig auf Achse. Das nächste Konzert hält einen fit fürs übernächste. Und die Energie – die habe ich von Gott.

Das Gespräch führte Claus Lochbihler

„100 days, 100 Nights“ von Sharon Jones & The Dap-Kings ist erschienen als CD und LP bei Daptone Records

Plattenrezensionen, Künstlerportraits, Bildergalerien und unser Festivalblog gibt's auf zeit.de/musik »

Sie wollen auf dem Laufenden bleiben? Klicken Sie hier , und unser RSS-Newsletter bringt Ihnen die Musik direkt auf den Schirm.