Pisa-Studie 2006 Leistungen Mittelmaß, Chancengleichheit schlecht
Am Dienstag wurden die Ergebnisse der neuen Pisa-Studie zeitgleich auf der ganzen Welt vorgestellt. Die Experten streiten, ob deutsche Jugendliche erfolgreich waren

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Die dritte Pisa-Studie hat im Jahr 2006 in 57 Ländern 400.000 Schülerinnen und Schüler getestet. Das Ergebnis: In den Naturwissenschaften wird Deutschland erstmals bei einer Pisa-Studie in eine Ländergruppe klar über dem Durchschnitt eingestuft. Der Durchschnitt wird mit 500 Punkten angegeben. 516 Punkte ergeben Platz 13 im Vergleich mit allen Ländern (und Platz 8 unter den 30 OECD-Ländern). Obwohl die OECD die Länder auf Rangplätzen listet, gliedert sie die Nationen in Gruppen. Punktwerte um drei, vier Zähler gehören in den Bereich der statistischen Unschärfe. Um sie, so die OECD, sollte sich niemand streiten.
Professor Manfred Prenzel, der für das deutsche (wissenschaftliche) Pisa-Konsortium spricht, bewertet die Verbesserungen der deutschen Schüler, die die OECD im Bereich der statistischen Unschärfe sieht, durchaus als bemerkenswert. Die 11 Punkte Zugewinn beim Lesen seit der ersten Studie von 2000 bringe Deutschland zwar nicht über den internationalen Durchschnitt hinaus, aber dieser Drift nach oben ist für ihn signifikant. Dabei verweist Prenzel auf die verbesserten Werte im Ranking. Im Jahr 2000 beim Lesen Platz 21. 2003 Platz 18 und beim jetzt ausgewerteten Test von 2006 Platz 14. Das ist in der Tat imponierend, könnte aber dennoch ein falsches Bild ergeben. Die OECD hält die Unterschiede für statistisch nicht bedeutsam und will die Länder, die zum Teil nahe beieinander liegen, lieber nach Gruppen gewichten, was dann zu einer anderen Optik führt.
Ein ähnlich differentes Bild ergibt sich auch bei der Skala der naturwissenschaftlichen Kompetenzen. Von Platz 20 im Jahr 2000 über Platz 15 im Jahr 2003 nun auf den 8. Platz im Vergleich der 30 OECD-Staaten. (Im Vergleich aller teilnehmenden 57 Länder ist das Platz 13). Auch die OECD sieht bei den deutschen Schülern im Bereich Naturwissenschaft erstmals eine Platzierung oberhalb des Durchschnitts, will aber den Vergleich mit den vorherigen Tests aus methodischen Gründen nicht wagen und sieht bei den vergleichbaren Fragen keine Verbesserung.
Hinzu kommt, dass natürlich nicht alle Schüler eines Landes getestet werden. Deshalb sind die Rangangaben nur Hochrechnungen. 100-prozentig sicher können sie nie sein. Wie wenig die Zahlen bedeuten, erfährt, wer einen genaueren Blick auf die Tabelle der naturwissenschaftlichen Pisa-Ergebnisse wirft: Dort ist zu lesen, dass sich mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit sagen lässt, dass Deutschland einen der Ränge zehn bis 19 belegt. Für die Bundesrepublik ist der Schwankungsbereich außerdem größer als für die meisten Teilnehmerstaaten.
Darüber hinaus muss man wissen, dass der Pisa-Test jedes Mal ein Feld aus den Gebieten Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften ins Zentrum stellt. In diesem Bereich werden die meisten Aufgaben gestellt. Hier werden auch die differenziertesten Ergebnisse erwartet. Beim ersten Test 2000 stand das Lesen im Zentrum. 2003 war es die Mathematik. Diesmal sind es die Naturwissenschaften. Die anderen Gebiete wurden jeweils weniger intensiv untersucht. Nun wird es leider noch etwas komplizierter. Denn erst seit der aktuellen Studie sind die Aufgaben für den Naturwissenschaftstest ausgereift. Daraus ergibt sich, dass ein direkter Vergleich mit den vorangegangenen Tests von der OECD bestritten und gar nicht erst versucht wird. Das empfinden manche deutsche Bildungspolitiker als Herabsetzung ihres Erfolges und als Miesmacherei, als wäre es eine Beleidigung Deutschlands.
Diese argumentativ nachvollziehbaren Differenzen der Pisa-Wissenschaftler der OECD und im deutschen Konsortium tauchen in den Wertungen der Bildungspolitiker kaum noch auf. Sie werten die Ergebnisse durchweg als positive Entwicklung und als Bestätigung dafür, mit ihrer Politik auf dem richtigen Weg zu sein.
- Datum 05.12.2007 - 04:22 Uhr
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Die Studie ist bewusst nur sehr grob. Deshalb bedarf es der Interpretation und eventuell weiterer Forschungen nach den Ursachen. In der frühen Entscheidung, welchen Bildungsweg ein Kind einschlägt, liegt meines Erachtens nach kein so grosses Problem, wie im Artikel behauptet, aber das ist Ansichtssache. Ich persönlich sehe zwei essentielle Voraussetzungen, um gut lernen zu können:
a.) Sehr gute Kenntnis der Unterrichtsspracheb.) Ein hohes Lesevermögen
Unterricht in den Muttersprachen der Schulkinder u.ä. sind Unfug.
Diese Studien schreien doch nach Manipulation. Schon allein wegen der öffentlichen Wahrnehmung und der politischen "Sprengkraft". Die Rankingsucht nimmt bizarre Formen an.
Welcher Lehrer/Politiker möchte schon, dass seine Schule/Nation als "deppert" am Pranger steht.
Ehrlich gesagt glaube ich nicht einmal, dass man die Fragen geheimhalten kann.
Wie alle grossen Länder tut sich Deutschland schwer mit Kritik von aussen.
Aber jeder, der in Deutschland mal die Schulbank gedrückt hat, weiss doch, dass
(a) verbeamtete Lehrer keine wirklich gute Idee sind,
(b) die Selektion der 10-Jährigen die Hauptschule zur Restschule macht,
(c) Halbtags-Unterricht dem Schulerfolg nicht zuträglich ist,
(d) die Länderhoheit in diesem Bereich zu enormen Verzerrungen führt,
(e) die verkorkste Integration der Türken die Ergebnisse negativ beeinflusst.
Die Ergebnisse der Pisa-Studien überraschen also überhaupt nicht, und die Aggressivität unserer Bildungspolitiker fällt wohl in die Kategorie "Haltet den Dieb".
Interessant das in der Presse von einer Verbesserung der Ergebnisse die Rede ist, obwohl dies zumindest in den Naturwissenschaften (siehe Artikel) gar nicht der Fall ist. Nur zu gerne wuerden sich Lehrer und Kultusminister wieder zuruecklehnen und sich mit den derzeitigen Ergebnissen zufrieden geben: "Mehrere Kultusminister hatten nicht nur den Rücktritt Schleichers, sondern auch den Ausstieg Deutschlands aus den OECD-Vergleichsstudien gefordert." (FAZ 4.12.07).
Leider wird bei der Diskussion der Pisaergebnisse immer nur der Durchschnitt der Schüler verglichen. Differenziertere Analysen findet man gar nicht. Interessant wäre zum Beispiel ein Vergleich der besten 10% eines Jahrgangs, da ich mir nicht vorstellen kann, dass die Finnen generell intelligenter als die Deutschen sind. Wenn wir schon nach der 4. Klasse die Schlechten ausselektieren, muss man davon doch an den Gymnasien etwas merken. Oder werden detaillierte Darstellungen bewusst vermieden, weil man dann erneut sehen würde, wie arg es um die Hauptschulen bestellt ist?
@brux:
Verbeamtete Lehrer sind also keine gute Idee? Warum sind die verbeamteten finnischen Lehrer dann so gut? Sind die angestellten deutschen Lehrer so viel besser als die Beamten? Und wenn ja, warum? Ich frag nur mal, dass ich das auch verstehen lerne...
Ansonsten sollten wir uns mal nach geeigneteren Migranten umschauen (vgl. Kanada) - oder einfach Nichtantrittsprämien zahlen. Dass Geld bei den Tests fließen, halten die PISA-Macher ja nach eigener Aussage für normal. Warum dann nicht auch mal so?
Ganz ehrlich: Diese PISA-Geschichte hat zwar endlich eine Bildungsdiskussion in Deutschland ausgelöst - nachdem 20 Jahre lang alle kollektiv gepennt und jegliche Hilferufe aus den Schulen konsequent ignoriert haben -, so langsam wird es aber dubios. Wozu eigentlich Rankings, die nichts wert sind? Herr Schleicher sagt ja selbst, dass eine Vergleichbarkeit nicht gegeben ist. Wozu Testkriterien verändern, wenn sie Ergebnisse zeitigen, die nicht erwünscht sind? Wozu das alles überhaupt? Die Leistungsunterschiede zwischen den einzelnen Ländern sind extrem gering, wenn man die Zahlen wirklich mal richtig liest. Aber wer will das schon?
Bisher konnte mir noch niemenand erklären, wie es möglich sein soll, bei nachgewiesenen Schwächen im Leseverständnis und in Mathematik gleichzeitig in den Naturwissenschaften stark zu sein.
1. Die Ergebnisse der PISA-Studien (Programme for International Student Assessment) sind untereinander nicht vergleichbar.2. Die Ergebnisse sind interpretierbar.3. Eine Aussage zu den Vor- und Nachteilen von Schulsystemen ist nicht möglich.4. Das Elternhaus spielt beim Bildungserfolg eine Rolle.5. Blendet man Teilergebnisse aus, liegt Deutschland in den Naturwissenschaften über dem Durchschnitt.6. Ein Unterschied von 11 Punkten ist zu gering um statistisch bedeutsam zu sein.7. Der 16 Punkte Abstand Deutschlands vom Mittelwert 500 bei den Naturwissenschaften ist bedeutend.8. Der Abstand von 63 Punkten Finnlands vom Mittelwert 500 bei den Naturwissenschaften ist nicht schlecht.Fazit:Die PISA Studie liefert keine Ergebnisse, aus denen Handlungsanweisungen für Verantwortliche abgeleitet werden können.Die Ergebnisse sind interpretierbar und damit ein idealer Nährboden für unergiebige Streitereien.Die Diskussion der Ergebnisse führt unweigerlich zur Semantik, wenn man sie nur lange
genug fortsetzt.
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