Schule Vorschneller Datenerguss

Weitere Ergebnisse der Pisa-Studie sind durchgesickert. Die Reaktionen sind hysterisch und passen zum deutschen Bildungskrieg.

Weitere Pisa-Ergebnisse sind durchgesickert. Es sieht so aus, als habe manch einer in den vergangenen Tagen zu früh Hurra gerufen. Im Lesen und in Mathematik dümpelt Deutschland weiterhin nur im Mittelfeld.

495 Punkte für die deutschen 15-Jährigen im Lesen, das sind zwar vier Punkte mehr als vor drei Jahren, aber der Abstand zur Spitzengruppe hat sich weiter vergrößert. Der internationale Mittelwert ist bei Pisa mit 500 Punkten definiert. In Mathematik werden wie beim letzten Test  503 Punkte erreicht. Das meldet vorab die Stuttgarter Zeitung . Ergebnisse in Naturwissenschaften, die diesmal im Zentrum stehen, sind schon seit Tagen bekannt. Darin erreichen Deutschlands Schüler 510 Punkte. Allerdings weisen die Pisa-Wissenschaftler stets auf unvermeidliche Unschärfen und Fehlermargen hin. Eindeutig ist der Abstand zu den Spitzenländern Finnland und Korea. Die 15-jährigen Schüler haben dort in allen Sparten vor den Deutschen ein bis zwei Schuljahre Vorsprung.

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Aber Zahlen sind nur Indikatoren. Sie geben Hinweise für den genaueren Blick. Für den braucht man allerdings etwas mehr Gelassenheit, als sich die in Sachen Pisa immer so aufgeregten Deutschen zugestehen. Die letzten Tage lieferten dafür wieder einige Beispiele. Es ist zu befürchten, dass das bloß ein Vorspiel zu dem war, was folgt, wenn am kommenden Dienstag, den 4. Dezember, an vielen Orten der Welt die Ergebnisse der dritten internationalen Pisa-Studie über die Kompetenzen der 15-Jährigen von der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) offiziell veröffentlicht werden.

Mittwoch zurückliegender Woche ging es mit dem vorschnellen Datenerguss in Spanien los. Eine Lehrerzeitung stellte die Ergebnisse für die Schülerkompetenzen in Naturwissenschaften auf ihre Homepage. Die OECD bestätigte die Echtheit. Demnach ist den Deutschen in dieser Sparte ein Sprung von Platz 18 auf Platz 13 gelungen. Das verführte deutsche Politiker und auch Teile der Medien zu Triumphgefühlen. „Deutsche Schüler nähern sich der Weltspitze“ titelte die Welt .

Der internationale Pisa-Koordinator Andreas Schleicher wies darauf hin, dass sich die aktuellen Ergebnisse im Bereich Naturwissenschaft wegen veränderter Aufgaben mit denen in der vorangegangenen Studie nicht ohne Weiteres vergleichen ließen. Darauf hatte er schon mehrfach aufmerksam gemacht. Also könne nicht auf erhebliche Verbesserungen der Deutschen geschlossen werden. Schleicher wurde wegen dieser Relativierung von deutschen Bildungspolitikern als Miesmacher angeprangert, dem wohl eine Verbesserung der deutschen Werte nicht in den Kram passe. Die CDU-Kultusminister verlangten seine Ablösung in der Pariser OECD-Zentrale, wo er die Abteilung für Bildungsindikatoren leitet. Der baden-württembergische Kultusminister Helmut Rau drohte sogar mit dem deutschen Ausstieg aus der internationalen Studie. Bundesbildungsministerin Annette Schavan kritisierte, Schleicher erwecke den Eindruck, immer nur ein Thema im Kopf zu haben. Dabei spielte sie auf seine Kritik am gegliederten deutschen Schulsystem an. Davon allerdings war in seiner aktuellen Stellungnahme gar nicht die Rede. Inzwischen hat die OECD jede Kritik an Schleicher zurückgewiesen. „Der weltweit anerkannte Bildungsforscher genießt unser uneingeschränktes Vertrauen.“

Wohl um in den Schaum aus Andeutungen und Verdächtigungen Klarheit zu bringen, meldete sich auch der deutsche Pisa-Koordinator Manfred Prenzel zu Wort und verriet, dass es nach seiner Einschätzung in den Naturwissenschaften durchaus Verbesserungen gebe. Dann folgte die nächste Indiskretion. Auch für die Bereiche Lesen und Mathematik wurden aktuelle Zahlen veröffentlicht. In diesem Zusammenhang zitiert die Stuttgarter Zeitung aus Prenzels Zusammenfassung der Studie. Sein Resümee: Die Entwicklung in Deutschland seit Veröffentlichung der ersten Pisa-Studie im Dezember 2001 sei insgesamt positiv zu werten.

Keine Frage. Es hat sich etwas getan. Das legt auch das gute Abschneiden der deutschen Grundschüler in der Lesestudie Iglu nahe, die eine Woche vor den Pisa-Daten veröffentlicht wurde. Man darf sich darüber freuen, dass im Vergleich zur ersten Iglu-Studie vor fünf Jahren deutliche Verbesserungen sowohl der Leseleistung als auch der Leselust gemessen wurden. Eindeutig ist, dass der Anteil sogenannter Risikokinder am Ende der vierten Klasse geringer geworden ist. Wolken ziehen allerdings auf, wenn es um den Übergang zu den weiterführenden Schulen geht. Bei gleichen kognitiven Fähigkeiten und der gleichen von Iglu gemessenen Leseleistung haben Kinder aus der höheren sozialen Schicht zweieinhalb Mal so große Chancen, von ihren Lehrern eine Empfehlung zum Gymnasium zu erhalten wie Kinder von Facharbeitern oder Angestellten. Ob die Eltern zuversichtlich oder skeptisch auf die schulische Zukunft ihrer Kinder blicken, ist noch stärker vom Milieu geprägt. Die Wahrscheinlichkeit, von sozial höher stehenden Eltern aufs Gymnasium geschickt zu werden, ist für ein Kind 3,8-mal so hoch wie für ein Kind von niederer Geburt.

Das Vertrauen in die Kinder, in das Lernen und in die Schulen ist in Deutschland nicht sehr hoch. Das zeigte sich vor einiger Zeit bei einer vom Gallup Institut in 47 Ländern durchgeführten Befragung. Aus einer Liste von 17 Institutionen sollte diejenige ausgewählt werden, die das größte Vertrauen genießt. Im Ergebnis von 36.000 weltweit durchgeführten Interviews stehen international Schulen, Kindergärten und Universitäten an der Spitze. Aber in der deutschen Gefühlslandschaft liegt die Bildung tief im Misstrauenstal. Sie rangiert exakt auf Platz 11 von 17 angebotenen Einrichtungen. Höchstes Vertrauen genießt bei uns die Polizei. In einer auf Deutschland beschränkten Vertrauensstudie kam der ADAC auf Platz eins.

Dass allerdings die deutsche Gefühlslandschaft im Wandel ist, konnte man am 24. November im Fernsehen beobachten. Als hätten sich die Sender zu einem großen Auftakt für diese Pisa-Tage verabredet, drohte RTL in seiner großen Samstagabendshow 6! Setzen . Die ARD empfahl zur gleichen Zeit Frag doch mal die Maus . Beide Sendungen liefen um 20.15 Uhr. In der einen wurden Aufgaben abgeprüft, wie sie nur in der Schule vorkommen. In der anderen stellten die Kinder lauter kluge Fragen. Das waren zwei Welten.

Der joviale Oberwisser Günther Jauch ließ in seinem zum Klassenzimmer stilisierten RTL-Studio nachsitzen. Er spielte auf der Gefühlspartitur zwischen „Hurra, ich hab`s geschafft“ und „O je, ich bin ein Versager“. Und was gab es zwischendurch in dieser Schule, die eigentlich niemand mag? Hitzefrei. Ende November.

Ganz anders temperiert war die Lernwelt beim verschmitzten Berufsjugendlichen der ARD, Jörg Pilawa. Im Stil der Sendung mit der Maus konnte man erleben, welch Lerngenie und Forschergeist in Kindern steckt. Dabei wurden die Themen selbst spannend. Sie waren kein Schulstoff mehr. Das Publikum wurde von der Entdecker- und Experimentierfreude der Kinder angesteckt.

So inszenierte das Fernsehen ein paar Tage vor der Veröffentlichung der Pisa- und der Iglu-Studie die beiden starken Mentalitätsströmungen in der Bildung. Auf dem einen Kanal Muff und Angst der belehrenden Paukschule, auf dem anderen frischer Wind und Entdeckerfreude der neuen Lernschule. Die freche Maus biss an diesem Abend den Faden ab und wurde Quotensieger.

Man könnte daraus folgern, dass Deutschland schon weit auf dem Weg der Besserung vorangekommen ist, ganz so wie es nach den ersten, durchgesickerten Informationen über die Naturwissenschaftsteile in der neuen Pisa-Studie gefolgert wird. Aber das wäre eine Interpretation im Stil von 6! Setzen . Der von Angst geprägten Wahrnehmung kommt es vor allem auf den Rangplatz an. Man könnte aber auch staunend wie ein Kind fragen, worüber streitet ihr euch da eigentlich immerzu bei der Bildung?

Warum ist Bildung in Deutschland nicht wie in Finnland das große Gemeinschaftsfeld der Gesellschaft? Warum ist sie ein Körper voller Wunden? Warum dieses Hin und Her? Auf der einen Seite gibt es die Lust zu verletzen und auf der anderen Seite die Angst davor, Wunden aufzureißen - wenn es um die sogenannte Strukturfrage, das gegliederte Schulsystem, geht. Diesen Bildungskrieg können viele ausländische Besucher nicht verstehen. Für Finnen ist Pisa immer noch in erster Linie ein schiefer Turm in Italien. Matti Meri, Pädagogikprofessor in Helsinki, betonte erst vor ein paar Tagen bei einer Diskussion in Berlin, dass die Finnen lieber auf einzelne Kinder und die jeweilige Schule blicken als auf das große Ranking. Ist das vielleicht eine List der Geschichte? Gute Ergebnisse im Ranking, weil es gar nicht so wichtig genommen wird? Die Sorgen gelten den Kindern und die Aufmerksamkeit richtet sich auf einzelne Schulen. Das zahlt sich aus.

Man kann diesen Unterschied in der Haltung auch in den Dramaturgien der beiden Fernsehshows wiederfinden. Setzt man auf das Abprüfen von lauter schwer verdaulichen, weil isolierten Wissenspartikeln oder auf die Neugier, sagen wir lieber auf die Neulust, der Schüler? Baut man auf den Schrecken von 6! Setzen und anderen Beschämungsritualen oder vertraut man darauf, dass Kinder und Jugendliche nach jeder Herausforderung, die sie geschafft haben, die Latte höher legen wollen?

Der Göttinger Neurobiologe Professor Gerald Hüther kann wie andere Hirnforscher an der Konstitution unseres Zentralorgans aufzeigen, dass Menschen Ermutigung brauchen. Beschämung treibt nicht voran, sie schwächt. „Jedes Kind“, sagt Hüther, „braucht Aufgaben, an denen es wachsen kann, Vorbilder, an denen es sich orientieren kann und Gemeinschaften, in denen es sich aufgehoben fühlt.“ So einfach. So klar. Aufgaben, Vorbilder und Zugehörigkeit.

So wichtig Pisa, Iglu und andere Studien sind, weil sie Klarheit bringen, und so wichtig auch die bildungspolitische Debatte ist, wenn sie nicht gerade zu den Hysterien der letzten Tage führt, so ist doch das langsame Umdenken in der Gesellschaft entscheidend. Man möchte es lieber Umfühlen nennen.

Drei Tage vor Pisa gingen an diesem Samstag in Freiburg, Stuttgart und anderen Städten im Südwesten zum zweiten Mal Eltern, Schüler und andere für bessere Schulen auf die Straße. In Freiburg rief die Initiative „Schule mit Zukunft“  Ende Oktober erstmals zu einer Samstagsdemo auf und 2000 Menschen kamen. Der Protest soll fortgesetzt werden, bis er fruchtet.

Am gleichen Tag Ende Oktober präsentierte sich in Wiesbaden die wohl ambitionierteste der vielen derzeitigen Schulgründungen der Öffentlichkeit. Auch dort war der Andrang enorm. Im Aufbau ist ein Bildungshaus von der Krippe bis zum Abitur. Auch eine Akademie für Lehrer wird geplant. Treibend für diese Gründung in Wiesbaden ist Enja Riegel, die langjährige Direktorin der dortigen Helene Lange Schule, eine Reformschule mit allerbesten Pisa-Ergebnissen, die in diesem Jahr für den Deutschen Schulpreis nominiert ist.

Die Freiburger Aktion und die Wiesbadener Gründung haben etwas gemeinsam, das hierzulande noch selten ist: Ungewöhnliche Bündnisse für die Erneuerung der Bildung. Das finnische Gemeinschaftsfeld. Hat der Abschied von den alten Grabenkämpfen und Rechthabereien endlich eine Chance?

In Freiburg war auch die Handwerkskammer bei der ersten Demo auf der Kundgebung mit einem Grußwort dabei. Ihr Kernsatz: „Wir brauchen eine Schule, die nicht aussortiert.“ Das sind neu Töne aus den traditionell eher konservativen Kleinunternehmen. Sie hatten keine Berührungsangst, zusammen mit einem 18-jährigen Schülersprecher aufzutreten, der auf der Kundgebung anprangerte, „dass die Schulen verwahrlosen“. Damit meinte er vor allem die Mentalität, nicht nur die Gebäude. Da hakten die Handwerker ein. Sie erleben, dass viele Schüler lustlos, mit unzureichenden Kenntnissen und schwachem Selbstbewusstsein nach den vielen Schuljahren entlassen werden. Deshalb streiten Handwerkskammern nicht nur in Freiburg für eine neue Lernkultur. Sie setzen sich für die Überwindung des „Dreiklassensystems“ der deutschen Schule und den Abschied vom Frontalunterricht ein.

Beim Wiesbadener Startschuss für die neu konzipierte Schule sprachen zwei Damen nacheinander, die man vor Kurzem noch für Repräsentanten verfeindeter Lager im deutschen Bildungskrieg gehalten hätte. Nach Enja Riegel, der Schulgründerin, sprach Rose-Lore Scholz, die zur CDU gehörende Schuldezernentin der hessischen Landeshauptstadt. Enja Riegel wurde in den Hochzeiten des Bildungskriegs in Wiesbaden als die „rote Enja“ beschimpft und war später als SPD-Kultusministerin im Gespräch. Nun stellt mit ihr die CDU-Dezernentin eine neue Schule vor, in der Kinder nicht mehr nach Haupt-, Realschule und Gymnasium unterschieden werden. Sie spricht bei der Schulpräsentation vom jetzt überfälligen „Westfalischen Frieden“ nach dem mehr als 30-jährigen Bildungskrieg.

 
Leser-Kommentare
  1. Irgendwie habe ich zwischen Interpretationen der noch nicht veröffentlichen PISA-Ergebnisse, mentalitätsbezogener Fernsehkritik und ausgewählten Beispielen bildungsengagierter Bürger ein wenig den Faden verloren. Sollen wir uns also entspannen und Bildung toll finden?Na bloß gut, dass mir Herr Kahl das gesagt hat, ich hätte es sonst glatt vergessen...

    • Puka
    • 01.12.2007 um 22:24 Uhr

    na mag daran liegen, dass es garnicht darum geht, wie wir uns verhalten sollen, sondern wie die Deutschen allgemein dem Thema Bildung, vorallem Schulbildung gegenüber stehen und der damit verbundene, neuerliche Gemütswandel.
    Vielleicht will Journalismus manchmal garkeine Meinung verkaufen, sondern einfach nur informieren. Eine gewagte Aussage, ich weiß.

    • fennek
    • 01.12.2007 um 22:56 Uhr

    Man muss sich mal auf der Zunge zergehen lassen wie bitter das ist:  "Höchstes Vertrauen genießt bei uns die Polizei. In einer auf Deutschland beschränkten Vertrauensstudie kam der ADAC auf Platz eins."Ausgerechnet die Polizei und der Automobilclub.  Was für eine Kombination.  Freie Fahrt für überwachte Bürger.  Gegen diese Mischung kommen keine Bildungseinrichtungen, keine Krankenhäuser, nicht mal das Finanzamt an.  Vielleicht sollte sich der eine oder die andere mal fragen ob das international mittelmässige Abschneiden (es könnte ja immerhin noch schlimmer sein) der deutschen Schüler nicht Ausdruck der Geringschätzung ist die die Bürger des "Landes der Dichter und Denker" nicht nur genannten Dichtern und Denkern entgegenbringen, sondern dem "Wissen" und den Bildungseinrichtungen im Allgemeinen.  Oder kürzer:Wenn die Schule unten rangiert und der Daimler oben, dann ist halt der Daimler schnell und die Schüler langsam.

    • etiam
    • 02.12.2007 um 1:09 Uhr

    Wie sieht ein Artikel der Zeit über die Schule in Deutschland aus: immer gleich, erst geht es ein wenig um den aktuellen Anlass, hier das neue Pisa Ergebniss, dann wird ein wenig rumlaviert um am Ende wieder beim Systemproblem zu landen, das man dann zwischen den Zeilen so darstellt, als wäre alles außer einer Gemeinschaftsschule ohnehin nur für die von gestern (selbst Frau Scholz hat es ja schon erkannt) Der Zeit fällt hier ja auch nichts besseres ein als sich in alter Manier auf die Seiten der Einheitsschulenverfechter zu schlagen. Kontroverse Argumentation Fehlanzeige, Ideologie pur eben und für die Gegenmeinung muß ich dann FAZ lesen - Ausgewogener Journalismus, Danke, sehr erhellend!

    • RunaG
    • 02.12.2007 um 4:35 Uhr

    Lieber Herr Kahl,warum machen Sie es denn nicht selbst wie die Finnen? Mal aufs Detail achten? Fangen Sie doch bei den einfachen Dingen des Lebens an: 1. "Pisa Ergebnisse" ist ein zusammengesetztes Substantiv, also schreibt man es auch zusammen. Mit der Zusammenschreibung experimentieren Sie auch schon ganz vielversprechend im Verlauf Ihres Artikels, aber Sie müssen sich natürlich für eine Linie entscheiden. Einmal durchkoppeln, dann zusammenschreiben, das sieht nicht so gut aus. Getrenntschreibung sieht bei Komposita nie gut aus.Kleiner Tip: Bindestriche erhöhen die Lesbarkeit von Komposita nicht. 2. Wenn vor "als" ein Komma steht, dann nehmen Sie bitte immer den Konjunktiv II und nicht den Konjunktiv I, auch wenn der auf den ersten Blick gebildeter aussieht. Die Sache nennt sich Irrealis und ist kompliziert. Am besten immer nach einem Komma Ausschau halten.3. Der "Baden-württembergische [sic] Kultusminister" wird vielleicht ein wenig sauer sein, daß Sie Adjektive nicht von Substantiven unterscheiden können, vielleicht wäre Ihnen der "Bayer-ische Kultuminister" ja leichter gefallen?PS: Am besten war aber immer noch Tita von Hardenbergs Plural "Termina", wie in "Termina burana" oder "Termina", der Hauptbahnhof von Rom. Go for it! Hochmut kommt immer vor dem Fall. Blöd, wer das nicht ausnutzt.

    • fennek
    • 02.12.2007 um 10:17 Uhr

    Liebe(r) RunaG,danke für Ihren Beitrag zum Thema; er war nicht nur überaus konstruktiv, sondern auch erhellend.  Ich bitte Sie:  Wenden Sie Ihr Wissen weiter so hilfreich an, teilen Sie sich uns mit.  Denn Sie wären ja blöd wenn Sie das nicht ausnutzen würden. 

  2. "etiam", Sie gehen in die richtige richtung.
    zu wünschen wäre:
    1. eine dissertation über den von Herrn Kahl seit etlicher ZEITgepflegten stil, sobald er von kindern, jugendlichen und schulen schreibt - da gibt es mehr zu kritisieren, als von "RunaG" hingestellt; vor allem wäre genau zu untersuchen das hier propagierte kinder-, schüler- und lehrer(feind)bild. so kann man sich nicht immer des eindrucks erwehren, das gymnasium und selbstverständlich die dort "selektierenden" und "abschiebenden" lehrkräfte seien noch vor kurzem satans-AZUBIs im 3. kreis der hölle gewesen und müssten nun von allerlei lichtgestalten (vornehmlich lehrkräften anderer, "guter" schularten, hilfstruppen in redaktionsstuben und hirnlabors) energisch bekämpft werden. schon diese form der propangandistisch gefärbten schwarzweißmalerei ist weder dem inhalt noch der form nach in irgendeiner weise hilfreich. und immer wieder sätze, die so klingen wie: wenn wir das und das in deutschlands schulen erereicht haben, "dann scheint die sonn' ohn' unterlass". so etwas gibt es nicht, nirgendwann, nirgendwo - und schon gar nicht an schulen.
    2. es fehlt bislang immer noch eine gründliche, kritische aufarbeitung der gesamten PISA- und IGLU-veranstaltung. aufzuarbeiten wären dabei auch die bislang bekannt gewordenen manipulationsversuche und -möglichkeiten. auch müsste gerpüft werden inwiefern das engagement z.b. der zuständigen PISA-lehrkraft an einer teilnehmenden schule bessere ergebnisse bewirkt. nebenbei: grundsätzliche kritik an statistischen verfahren darf offensichtlich nicht mehr geübt werden?
    3. zu klären wäre, warum ausgerechnet in deutschland ranking immer so immens wichtig ist, ob fußball oder leseleistung, ohne tabellen und ranglisten geht es offensichtlich nicht. man sollte fast meinen, es gehe immer noch um den "Platz an der Sonne", von dem Wilhelm II. so gerne faselte. ENTSCHEIDEND ist doch, was die liebe jugend treibt, wenn sie über 22 ist. ich kenne aus eigener praxis schülerInnen, die im 10. jahrgang das kollegium samt beratungslehrerin zur weißglut trieben - und am ende, nach unendlichen gesprächs- und beratungsstunden, mit 1,3 - abitur hinausgingen: VOILÁ! aber die schule hat 1150 schülerInnen... 
    4. eine aussage über irgendwelche leistungen zwischen 10 und 16 ist sehr schnell, zu schnell wieder makulatur, weil die veranstaltung namens "pubertät" (ein leistungskiller erster ordnung, daran werden auch Helene-Lange- und andere vorgebliche musterschulen nichts ändern) binnen monaten für völlig andere leistungsverhältnisse sorgen kann. nachmeiner erfahrung sind rd. 80% der schülerInnen aus dem 13. jahrgang sehr leistungsmotiviert hinsichtlich ihres bevorstehenden abiturs NACH der am anfang des 13. Jg. stattfindenden studienfahrt.
    5. niemand hat es bis heute gewagt, geschafft oder für wichtig befunden, die geschichte der Helene-Lange-Schule hinsichtlich ihrer erfolge einmal genauer zu untersuchen: Was ist dort tatsächlich geschehen? Welche methoden wurden für und gegen wen angewendet? stimmt es z.b., dass diese schule über einen längeren zeitraum hinweg deutlich mehr finanzielle mittel zur verfügung hatte als andere schulen? In welchem verfahren wurden die lehrkräfte ausgesucht und womöglich aussortiert? welches leitbild des lehrers wurde dort gepflegt? wie wurden konflikte gelöst? was ist über die soziale herkunft der schülerInnen bekannt? warum gibt es weit und breit keine berichte über schulen mit gleichen oder gar besseren leistungen? versagt kritisches denken hier, weil politik und journaille  froh sind, wenigstens 1-2 glanzlichter vorweisen zu können, an denen dann nicht "herumgemäkelt" werden darf?
    und was wird nun an dieser akademie für lehrer geschehen? wir dürfen gespannt sein, vor allem auf die berichte jener, die keine aufnahme in diese akademie gefunden haben (mit welcher begründung?) oder die aus der akademie expediert wurden (warum aber?) - und auf die reaktion der akademie-leitung, sobald diese berichte in der öffentlichkeit erschienen  sein werden. 
    angesichts der gesamten debatte darf man sich fragen:
    warum werden wir nicht radikal:
    1. abschaffung aller einengenden regeln, vorneweg: abschaffung der unsäglichen rechtschreibregeln;
    2. abschaffung der schulpflicht und des deutschen schulsystems. freies spiel der lehr- und lernkräfte auf freiem wissens- und bildungsmarkt. freie bahn dem tüchtigen und - warum auch immer - lernwilligen.
    3. universitäten und verbände, alle weiterführenden ausbilder, firmen usw. geben jedes halbjahr ihre zielvorstellungen im internet und in zeitungsannoncen bekannt - am besten zu beziehen im abonnement, regelmäßige updates über automatische downloads.
    3a. Siemens, Mercedes, Porsche, VW usw. bauen ein netzwerk von kitas, vorschulen, weiterführenden schulen und schließlich werkseigenen universitäten auf.
    4. damit nun bestimmte medienmitarbeiterInnen und verfasserInnen von lehrerhasser-büchern nicht arbeitslos werden, wird der staat verpflichtet, flächendeckende - polytechnische? - bundes-einheits-schulen (BES) mit jederzeit kündbaren lehrkräften (mit streikrecht!) vorzuhalten, in denen alle die versammelt werden, die im freien spiel der kräfte nicht mithalten konnten.
    nebenbei: sollte der boom der privatschulen anhalten, wird das staatliche schulsystem nicht umhin können, alle mühseligen, beladenen, verhaltensgestörten und aus privatschulen abgeschobenen armen teufelchen aufzufangen - mal sehen, wer sich dann noch traut, lehrerIn im staatlichen schulsystem zu werden - eine "bestenauslese" wie bisher wird sich das staaatliche schulsystem nicht mehr leisten können, im gegenteil, es wird auch auf die bei den "privaten" aussortierten lehrerInnen zurückgreifen müssen. gerade die privaten schulen werden darauf angewiesen sein, im deutschen schulranking immer die ersten 20 Plätze zu besetzen - und somit werden diese schulen, zumal, wenn sie - als KG oder GmbH oder Ltd. - profite erwirtschaften müssen, gnadenlos alle schülerInnen aussortieren, die von der leistung und vom verhalten her nicht ins "schulbild" oder menschenbild der schulleitung passen - gleiches wird jenen eltern geschehen, die da vermeinen, sie könnten weiterhin im stil des lehrer-bashings an der öffentlichen schule mit den lehrkräften einer anerkannten privatschule umspringen. eltern, die da glauben, wer zahlt, schaffe an - also mehr mitbestimmung auf privaten schulen, werden sich noch wundern.
    am ende steht dann bei denen, die es sich leisten können, wieder der "hofmeister" (vgl. LENZ' drama), der nach der pfeife der eltern tanzt, die sie oder ihn bezahlen. wie sollen solch' arme würstchen denn noch den kindern als vorbild dienen? allenfalls in der richtung: wie passe ichmich am besten an?
    auf ARTE gab es vor längerer zeit einen bericht über die prüf- und selektionsverfahren eines weithin anerkannten privaten englischen Kindergartens. die z.t. unsäglichen ausführungen der principalin über einzelne probandinnen (kleine mädchen in uniformen, deren "performance" aus den prüftagen in dicken aktenordnern festgehalten wurden) fanden keinerlei widerspruch bei den - freilich von der principalin abhängigen - angestellten... wenn dies in ähnlicher und abgeschwächter weise in deutschland schule machen sollte, dann sind die heutigen anstrengungen um den verbleib auf dem gymnasium harmlose kindergeburtstage gegen das, was auf deutsche kinder an aufnahmeprüfungen und selektionsdruck zukommt, die bestimmte private schulen beziehen sollen bzw. wollen. man dürfte sich dann mit seligem gesicht an die wunderbaren zeiten erinnern, als gymnasien es hin und wieder wagten - und schafften - schülerInnen "abzuschieben" - z.b. auf eine Realschule, von der aus die armen abgeschobenen bei entsprechender leistung jederzeit wieder aufs gymnasium zurückkehren können - mal abgesehen von der immer wieder unterschlagenen tatsache, dass in deutschland mindestens 20-30 wege zum abitur führen...
    soweit das wort zum sonntag - mit frdl. grüßen
    ulschmitz
                               

    • loup
    • 02.12.2007 um 14:37 Uhr

    Enja Riegel für den Deutschen Schulpreis nominiert!
     
    Was gibt's dafür? Bambi, Oscar, César sind ja leider schon vergeben. ich schlage rousseauistisch vor: Verleiht den Emil!
     
    Wer sponsort? Burda finanziert schon andere wertvolle Verleihungen. Bleibt nur Bertelsmann: der Bertelsmann Pisa Award of Private Schooling. Klingt gut.
     
    Wer hält die Laudatio? Kahl? Verdient hätte er es. Kein Text ohne Riegel. Aber er ist nicht prominent genug. Liz Mohn? Wäre wahrhaft, sie verweilt aber lieber im Background. Bleibt nur: Jauch.
     
    Wer überträgt? Der Sponsor befiehlt: Unser Sender RTL. Werbezielgruppe: Schüler, Lehrer, Eltern. Gute Einnahmen garantiert.
     
    Wer sitzt vor der Glotze? Die Hunderttausende von Lehrerinnen und Lehrern, die ausgepowert jeden Tag als Sysyphos den Stein nach oben ächzen und wenn sie fast den Gipfel erreicht haben, Frau Riegel auf demselben erblicken und sie jodeln hören: "Schule geht anders!" Schwups, liegt der Stein wieder unten.

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