Kunsthandel Der mystische Charakter des Alten
Artefakte schätzen wir nur, wenn sie "echt alt" sind. Dabei wäre selbst eine perfekt gemachte Kopie viel preiswerter. Wofür zahlen wir also das viele Geld?
Angenommen, ein Mann hat eine antike Bronzestatue aus dem 15. Jahrhundert erworben. Ein Gutachten bestätigt es ihm. Später stellt sich beispielsweise durch eine wissenschaftliche Prüfung heraus, dass die Statue eine gekonnte Fälschung ist, mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen. Statt einer antiken Statue hat der Mann eine zwei Jahre alte Nachbildung erworben, zum stolzen Preis von 100.000 Euro.
Ohne das Ergebnis der Echtheitsanalyse würde er noch immer Gefallen an seinem Kauf finden und fände auch den hohen Preis gerechtfertigt. Äußerlich hat sich an der Statue nichts geändert, dennoch spricht er jetzt von einer Fälschung, erstattet Anzeige wegen Betrugs und findet, dass das Ding nicht mal 100 Euro wert sei. Doch wofür hat er eigentlich so viel Geld bezahlt? Für das Objekt allein kann es nicht sein - die Statue beharrt jenseits von falsch und wahr in ihrem physikalischen Zustand. Verändert hat sich lediglich das Wissen des Käufers, das er von dem erworbenen Objekt hat.
Welchen zusätzlichen Wert erhält ein Gegenstand, wenn er als "echt alt" gilt? Warum ist manch 50 Jahre alte Kaffeemühle mehr wert als eine neue? Warum kostet ein Schreibtisch aus dem 18. Jahrhundert mehr als ein neuer? Preistheoretisch könnte man antworten, dass die Nachfrage für solch seltene Gegenstände höher ist als das Angebot, doch bleibt die Frage, warum alte Gegenstände in unserer westlichen, kapitalistisch orientierten Gesellschaft so begehrt werden? Was verleitet den Homo oeconomicus, der dazu neigt, nutzenorientiert zu handeln nun, für das Prädikat des "echt alten" mehr Geld hinzulegen?
Die Fälschung reproduziert zwar den Gegenstand, im besten Falle so, dass er vom Original nicht mehr zu unterscheiden ist, hat aber einen entscheidenden Mangel: Sie hat keine Geschichte. Die Geschichte der Bronzestatue beginnt mit ihrem Entstehen als Artefakt, als in Form gebrachte Materie, und zieht sich dann fort von Besitzer zu Besitzer. Geschichtlich wird das Objekt allerdings erst dann, wenn seine Genealogie auch dokumentiert wird. Zwei Dinge bestimmen die Geschichtlichkeit eines Objekts: Wer es geschaffen hat und wer es besessen hat. Bei Kunstobjekten wie der kürzlich von Christie's versteigerten Odalisque von Matisse steht der Künstler im Vordergrund, während bei einer silbernen Tabakdose aus dem Besitz Louis XIV. der Besitzer im Vordergrund steht.
Bei einer prähistorischen Statuette rücken sowohl der Künstler, der das Objekt geschaffen hat, als auch die Besitzer in den Hintergrund. Was bleibt, ist die bloße Vorstellung, dass die Statuette Zeuge einer vergangenen, längst überholten Kultur ist. Die Dokumentation ihrer Geschichte wird dann durch einen Experten besorgt. Deshalb kann es auch passieren, dass zufällig gefundene Gegenstände jahrelang unentdeckt auf irgendeinem Schreibtisch als Briefbeschwerer dienen, bevor sie ihren Weg in ein Museum oder in ein Auktionshaus finden.
Die anerkannte dokumentierte Geschichtlichkeit eines Objekts drückt aus, ob es sich um einen echten Gegenstand handelt oder um eine Kopie. Taucht nun eine äußerlich identische Fälschung auf, wird klar, dass nicht der Gegenstand an sich eine Fälschung darstellt, sondern erst der Anspruch der Kopie auf die Geschichte des Originals. Der Käufer einer prähistorischen Statue erwirbt zwar den Gegenstand, bezahlt aber hauptsächlich für dessen anerkannt dokumentierte Geschichte. Doch Geschichte ließe sich wesentlich günstiger nachlesen, ohne dass man dafür viel Geld bezahlen muss. Warum boomt das Geschäft mit den "Originalen" und mit den "echten" Objekten gerade in unserer westlichen Konsumgesellschaft?
- Datum 07.01.2008 - 08:47 Uhr
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- Quelle ZEIT online
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der ganze Artikel kommt doch tatsächlich ohne einen einzigen Verweis auf Walter Benjamins Essay "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" aus...
Der Autor denkt hier in erster Linie an Kunstwerke von hohem Rang, in deren bereits lang-etablierte Provenienz sich der Käufer durch den Erwerb einreiht. Dieses Bedürfnis ist natürlich ohne weiteres verständlich. Freilich erklärt es noch nicht ganz, warum man für einen echten, total abgetretenen Teppich oder einen wackligen, echten Stuhl so viel mehr zahlt als für eine haltbare Kopie.
Hierbei verhält es sich genau so wie mit dem Schwert von Godric Griffindor. Nur das "wahre, echte" besitz "den Zauber" auf den alle scharf sind und wofür teilweise exorbitante Summen gezahlt werden.
Wenn, wie im Beispielsfall, das Schwert nicht von den Kobolden gefertigt wurde, hat es eben höchstens noch dekorativen Wert.
Der Artikel trifft die Sache genau...zwischen Gegenstand und symbolischem Wert besteht ein großer Unterschied. Oft ist der Gegenstand nur Träger für den WUnsch selbst eine Geschichte zu haben oder Teil von Geschichte zu werden, durch einen Gegenstand. Wer sich selbst als Teil einer Geschichte sieht, der will eben Teil der Geschichte eines Gegenstandes zu werden.
Für Ramsch und Plunder, für einen zerfledderten Teppich ohne "Geschichte" zahlt man auch nicht mehr, wenn man dafür einen neuen bekommt. Nicht jeder zerfledderte Gegenstand hat symbolischen WErt. Die Bedingungen einer solchen AUfwertung sehe ich sehrwohl in seiner Geschichtlichkeit.
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