Kunsthandel Der mystische Charakter des AltenSeite 2/2

Der Erwerb eines Objekts geht in der modernen marktwirtschaftlichen Gesellschaft weit über das Prinzip der Nützlichkeit hinaus. Der "mystische Charakter der Ware", so formulierte es Karl Marx, geht nicht aus seinem Gebrauchswert hervor, sondern wird ihm von außen zugetragen. Werbestrategen haben das schon lange erkannt und verkaufen mit den Produkten gleichzeitig einen gewissen symbolischen Wert, mit dem sich der Käufer identifizieren soll. Grundlegend für diese symbolische Wertzuschreibung ist jedoch eine psychologische Eigenart des Menschen: Der Käufer sieht sich zu einem gewissen Teil in dem erworbenen Gegenstand verwirklicht. Das Objekt ist die vorübergehende Befriedigung des Konsumenten, der sich selbst nie genug ist. Psychologisch gesehen ermöglicht der erworbene Gegenstand, dass er sich selbst existenziell bestätigt fühlt – jedenfalls für einen Augenblick und so lange, bis es ihn erneut in die Konsumschleife treibt. Der konsumierende Mensch wird von seinen Objekten in dem gleichen Maße besessen, wie er diese besitzt.

Welchen Gefallen findet er nun daran, einen Gegenstand zu besitzen, der seine eigene Geschichte hat? Worin liegt der Reiz, eine "echt" antike Statue zu kaufen und dafür wesentlich mehr Geld auszugeben als für eine identische, neue? Reicht eine gut gemachte Kopie nicht aus, um die Vorstellung zu beflügeln, dass die Gestalt dieser Statue Jahrtausende durchwandert hat? Welche Besonderheit kommt dem Echten zu, dass es solche Begehrlichkeiten weckt?

Die Identifikation mit dem erworbenen Objekt zielt bei dem Echten nicht auf den Gegenstand, sondern auf dessen Herkunft. Man kann sich nicht mit der Geschichte eines Gegenstands identifizieren, wenn diese ein Produkt der eigenen Vorstellung ist. Durch den Erwerb des echten Gegenstands reiht sich der Käufer selbst in die Geschichte dieses Gegenstands ein. Der Käufer hinterlässt nun selbst eine geschichtliche Spur und erhält seinen Platz in der Genealogie des Gegenstands. Der Besitzer wird Mitglied der Familie im Stammbuch des Gegenstands.

Über die Identifizierung mit dem Gegenstand wird der Besitzer sozusagen in den Adelsstand erhoben. Denn auch Adel ist keine biologische Tatsache, keine Angelegenheit des Bluts, sondern die anerkannt dokumentierte Geschichte einer Familie und ihres gesellschaftlichen Status zu einer bestimmten Zeit. Biologisch gesehen stammt jeder Mensch aus einem "alten" Geschlecht. Jeder lebende Mensch ist sein eigener Zeuge. Doch nicht jeder kann seine Herkunft dokumentieren. Belegt wurden häufig nur die Daten der Würdenträger einer Gesellschaft. Das einfache Volk ging namenlos in den Wirren der Geschichte unter. Ein trivialer Gegenstand kann dagegen durch seine Dauer Jahrhunderte später zum heiß begehrten Zeitzeugen werden, wenn ihn ein Experte in den Adelsstand hebt. Eine Karriere, an der sein Käufer teilhaben will.

 
Leser-Kommentare
  1. der ganze Artikel kommt doch tatsächlich ohne einen einzigen Verweis auf Walter Benjamins Essay "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" aus... 

  2. Der Autor denkt hier in erster Linie an Kunstwerke von hohem Rang, in deren bereits lang-etablierte Provenienz sich der Käufer durch den Erwerb einreiht.  Dieses Bedürfnis ist natürlich ohne weiteres verständlich.  Freilich erklärt es noch nicht ganz, warum man für einen echten, total abgetretenen Teppich oder einen wackligen, echten Stuhl so viel mehr zahlt als für eine haltbare Kopie.   

  3. Hierbei verhält es sich genau so wie mit dem Schwert von Godric Griffindor. Nur das "wahre, echte" besitz "den Zauber" auf den alle scharf sind und wofür teilweise exorbitante Summen gezahlt werden.
    Wenn, wie im Beispielsfall, das Schwert nicht von den Kobolden gefertigt wurde, hat es eben höchstens noch dekorativen Wert.

  4. Der Artikel trifft die Sache genau...zwischen Gegenstand und symbolischem Wert besteht ein großer Unterschied. Oft ist der Gegenstand nur Träger für den WUnsch selbst eine Geschichte zu haben oder Teil von Geschichte zu werden, durch einen Gegenstand. Wer sich selbst als Teil einer Geschichte sieht, der will eben Teil der Geschichte eines Gegenstandes zu werden.
    Für Ramsch und Plunder, für einen zerfledderten Teppich ohne "Geschichte" zahlt man auch nicht mehr, wenn man dafür einen neuen bekommt. Nicht jeder zerfledderte Gegenstand hat symbolischen WErt. Die Bedingungen einer solchen AUfwertung sehe ich sehrwohl in seiner Geschichtlichkeit.

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