Jugendschutz Hör dies nicht!
Das prüde Amerika hat einen Aufkleber erfunden, der Kinder vor gefährlicher Musik bewahren soll: "Elterlicher Hinweis – Explizite Texte". Inzwischen ist er volljährig.
Im Dezember 1984 ging eine Frau in Washington DC mit ihrer elfjährigen Tochter in einen Plattenladen und kaufte
Purple Rain
von Prince. Sie fuhren mit der LP nach Hause, legten sie auf und hörten das Lied
Darling Nikki
. Darin singt Prince über Nikki: „
Guess you could say she was a sex fiend/ I met her in a hotel lobby/ Masturbating with a magazine.
” Die Mutter traute ihren Ohren kaum. Peinlich berührt saß sie mit ihrer Tochter schweigend im Wohnzimmer – dann wurde sie wütend. Millionen von Menschen würden diese Platte kaufen, ohne zu ahnen, was sie erwartet. Manche Hörer könnten gar jünger als ihre Tochter sein. Sie beschloss, etwas zu unternehmen.
Im nächsten Jahr gründete sie mit anderen Frauen das Parents’ Music Resource Center (PMRC), um die Plattenindustrie dazu zu bewegen, ihren „Stall auszumisten“. Am Ende der Bemühungen blieb als sichtbares Ergebnis der weltbekannte Aufkleber „
Parental Advisory – Explicit Lyrics
“. Er ist inzwischen schon 22 Jahre alt.
Die aufgebrachte Mutter ist übrigens Tipper Gore, die Ehefrau des ehemaligen Vizepräsidenten und Dokumentarfilmers Al Gore. In der Umgangssprache wird der Aufkleber daher auch Tipper-Sticker genannt.
Frau Gore hatte sich, bewusst oder unbewusst, mit der Gründung ihrer finanzstarken Organisation an die Spitze einer Bewegung gestellt, die mit der Präsidentschaft Ronald Reagans 1981 wieder erstarkt war. Seitdem die Rockmusik als Massen- und Jugendphänomen in den 1950er Jahren entstanden war, wehrten sich besorgte und erzürnte Eltern, religiöse Organisationen und Politiker gegen diese Musikform. Jahrzehntelang blieb ihr Vorwurf im Grunde derselbe: Der Konsum dieser Musik führe zu sexueller Enthemmung, Homosexualität, Drogenkonsum, Gewalttätigkeit, Suizid, Respektlosigkeit gegenüber Autoritäten und letztendlich zum Niedergang der USA.
Diese Ängste wurden immer stärker angesichts der gesellschaftlichen Veränderungen in den 1960er und 1970er Jahren, des drohenden Kalten Krieges und der Ausbreitung des HI-Virus. Neue Musikformen wie Punkrock, HipHop, Hardcore und Heavy Metal erfüllten die stereotypen Vorstellungen ihrer Gegner.
In den 1980er Jahren konnten nun evangelische Fernsehprediger ein Millionenpublikum vor dem „moralischen Verfall“ der USA warnen. Die Plattenindustrie, mehrheitlich zusammengeschlossen in der Recording Industry Association of America (RIAA), weigerte sich zunächst, dem steigenden Druck nachzugeben. Dies änderte sich mit der Gründung des PMRC.
Konnte man Geistliche noch als fanatische Hardliner abtun, hatte man es nun mit einer Gruppe von Frauen zu tun, deren Ehemänner in Washington hohe Ämter bekleideten. Das PMRC war stets bemüht, als liberale Organisation wahrgenommen zu werden, die die Rechte von Kindern und Eltern gegenüber einer außer Kontrolle geratenen Kulturindustrie beschützen wollte. In Wahrheit gab es aber viele ideologische und personelle Überschneidungen mit Protagonisten des christlichen rechten Flügels.
Das PMRC richtete folgende Forderungen an die Plattenindustrie:
- Texte müssen im Beiheft abgedruckt werden
- „Explizite“ Plattencover dürfen offiziell nicht verkauft werden
- Es müssen Altersbeschränkungen und Klassifizierungen für Platten und Konzerte eingerichtet werden, ähnlich wie bei Filmen
- Plattenverträge von Künstlern, die Gewalt und „explizit“ sexuelles Verhalten auf der Bühne vorführen, müssen vor einer Verlängerung überprüft werden
- Die Medien sollen durch Bürger und Plattenfirmen überwacht werden, um die Verbreitung „fragwürdigen Talents“ zu verhindern
Das PMRC schickte eine Liste an die Plattenindustrie und an die Medien, darunter auch die sogenannten „
filthy fifteen
“. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass Heavy-Metal- bzw. Hardrock-Bands als besonders schmutzig galten: Judas Priest, Mötley Crüe, WASP, Mercyful Fate, Vanity, Def Leppard, Twisted Sister, AC/DC, Black Sabbath und Venom. Dazu kamen noch Sheena Easton, Mary Jane Girls, Madonna, Cyndi Lauper und – Prince.
Im September 1985 kam es zu einer Anhörung vor dem Senatskomitee für Handel, Wissenschaft und Verkehr in Washington DC. Es war bis dahin das größte Medienereignis in der Geschichte des US-Kongresses. Kritiker erklärten dies damit, dass vier der teilnehmenden Senatoren, darunter auch Al Gore, mit PMRC-Aktivistinnen verheiratet waren. Ein Senator bezeichnete in seiner Eröffnungsrede die von dem PMRC kritisierte Musik als „Schmutz“. Er verböte sie, wenn dies verfassungsrechtlich möglich sei. Die geladenen PMRC-Experten stellten die vermeintliche Kausalität zwischen Musik, jugendlicher Delinquenz, Drogenkonsum und Suizid in den Vordergrund und versuchten, diese These mit Beispielen zu illustrieren.
Gegen das PMRC bezogen Dee Snider, der Sänger von Twisted Sister, und John Denver Stellung. Auch Frank Zappa kämpfte gegen die Pläne des PMRC. Die Musiker warfen der Mütter-Vereinigung vor, Kunstfeindlichkeit zu verbreiten und Zensur im Namen des Jugendschutzes einführen zu wollen. Sie wiesen darauf hin, dass das PMRC selektiv die Rock- und Popmusik verurteile. Andere Musikrichtungen wie beispielsweise Countrymusik, die ebenfalls Gewalt, Sex und Alkoholkonsum in den Texten enthielten, würden hingegen ignoriert.
Das Senatskomitee verfügte über keinerlei legislative Macht, sandte jedoch eine deutliche Botschaft an die Nation – und an die Plattenindustrie. Auch Justizminister Ed Meese, Leiter der Pornografiekommission, stimmte mit ein: Rockmusik habe eine schädliche Wirkung, die Bevölkerung sei zur Wachsamkeit und zur Unterstützung des PMRC aufgerufen. Kritiker sahen in dem Abschlussbericht der Kommission eine Art Outsourcing staatlicher Autorität. Das PMRC sei zum moralischen Hilfssheriff, zu einer privaten Zensurbehörde erhoben worden.
Mit dieser Autorität und einer starken Medienpräsenz ausgestattet, brachte die Arbeit der Organisation nun erste Erfolge: Plattenfirmen weigerten sich, sogenanntes „kontroverses Material“ zu veröffentlichen und setzten ihre Künstler unter Druck. Händler nahmen die Tonträger von Musikern, die auf der PMRC-Liste standen, aus den Regalen. Die Rockzeitschriften
Rolling Stone
,
Hard Rock
,
Spin
und
Tiger Beat
verschwanden aus dem Angebot des Walmart, Punk- und Heavy-Metal-Bands fanden kaum mehr Auftrittsorte und standen unter polizeilicher Beobachtung.
Im November 1985 einigten sich das PMRC und der Verband der Plattenindustrie (RIAA) auf den berühmten Aufkleber: „
Parental Advisory – Explicit Content/Lyrics
“. Was aber genau mit „
explicit
“ gemeint war, wurde nicht geregelt. Viele Künstler fühlten sich einer willkürlichen Kritik ausgesetzt. Musiker, deren Platten ein solcher Aufkleber verpasst wurde, sahen schweren Zeiten entgegen, da sie von den üblichen Vertriebskanälen ausgeschlossen wurden. Ziel dieser Zensur sei es, so glaubten sie, die Plattenindustrie durch Verkaufseinbußen dazu zu zwingen, eine „saubere“ Jugendkultur zu schaffen.
In dieser aufgeheizten Stimmung stand 1986 Jello Biafra, der Sänger der politischen Punkrockband Dead Kennedys, in Los Angeles vor Gericht. Er habe Pornografie an Minderjährige verbreitet. Der Platte
Frankenchrist
war das Bild
Penis Landscape
des oscarprämierten schweizerischen Künstlers HR Giger beigefügt. Ein Mädchen hatte die Platte für ihren Bruder erworben. Als die Mutter das Poster fand, kontaktierte sie den Staatsanwalt, der Biafra anklagte.
Es folgte ein langwieriger Prozess, der Jello Biafra und seine Plattenfirma Alternative Tentacles an den Rand des finanziellen Ruins trieb und zur Auflösung der Dead Kennedys führte. Der Angeklagte beharrte darauf, dass es in diesem Verfahren nicht um Pornografie ginge, sondern um das Recht der freien Meinungsäußerung.
Auch Judas Priest und Ozzy Osbourne wurden 1986 angezeigt. Gegen sie war der schwerwiegende Vorwurf erhoben worden, sie hätten mit versteckten, sublimen Botschaften bzw. mit einzelnen Textzeilen zwei Jugendliche in den Selbstmord getrieben. Fundamentalistische christliche Organisationen und das PMRC glaubten, dass es möglich sei, mittels rückwärts abgespielter Musik Botschaften an das Unterbewusstsein zu senden („
subliminal messages
“).
Die Angst vor Musik und Texten steigerte sich ins Absurde: Frank Zappa veröffentlichte 1986 die Platte
Jazz from Hell
, die mit dem Aufkleber „
Explicit Lyrics
“ versehen wurde. Auf der LP befanden sich ausschließlich Instrumentalstücke.
Zweifellos hat das PMRC die Plattenindustrie, die Musik der 1980er Jahre und die Entwicklung des Musikfernsehens stark beeinflusst. Fest steht auch, dass die Probleme der Jugendlichen und Amerikas nicht mit einem Aufkleber aus der Welt geschafft werden konnten.
Heute gilt der Tipper-Sticker gar als verkaufsfördernd. Die Entrüstung über
Marilyn Manson
, Eminem und Janet Jacksons Brustwarze zeigt, dass sich auch 50 Jahre nach Elvis' erstem Hüftschwung die USA über den kulturellen Wert polarisierender Pop- und Rockmusik uneinig sind. Bei aller Sorge um die geistig-moralische Entwicklung Jugendlicher sollte man sich der Aussage eines Pressesprechers von Warner Bros. Records von 1984 erinnern: „Rockmusik dient dazu, Eltern zu ärgern. Daran hat sich nichts geändert.“
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- Datum 14.12.2007 - 06:26 Uhr
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"versteckten, sublimen Botschaften"Wie sublim diese Botschaften sind, ist Ansichtssache. . .
Na ja. Ich frage mich gerade, ob diejenigen, die die Aufregung über anstößige Texte auf heißen und coolen Scheiben eher spießig finden, ebenso liberal über sogenannten "Rechtsrock" oder die Schulhof-CDs der NPD denken. Hier dürfte die Toleranz und das Gefühl, was Freiheit und was Gefahr ist, wie so oft recht selektiv sein.
Die Mehrheit der in letzter Zeit veröffentlichten Werke in dem angesprochenen Sektor erinnern eher an sadistische autoritäre Besserwisser, wenn nicht gar irgendwelche seltsamen moralischen Ansichten untergriffig "untergeschoben" werden. Oder an den großen Bruder, der einem buchstäblich das Leben zur Hölle macht. Vielleicht liegts ja daran, dass ich kein Elternteil bin. Enttäuschend auch der Zynismus - "Zynismus ist was für Leute, die gar nichts anderes haben". Als Zuhörer kann man sich lyrisch vor allem eins: betrogen und verarscht fühlen.
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