Die Reaktion kam prompt. Kaum hatte die Koalition vergangene Woche beschlossen, einen Mindestlohn für Briefträger einzuführen, blies die Konkurrenz zum Gegenangriff. Die Pin Group kündigte an, mindestens 1000 Mitarbeiter zu entlassen und durch freie, nicht Tarif gebundene Zusteller zu ersetzen. Am Donnerstag machte sie dann ernst und setzte die ersten 800 Kündigungen in die Tat um. Beim Konkurrenten TNT Post Deutschland, der selbst erklärten Nummer Zwei im Markt, prüft man den kompletten Rückzug vom deutschen Postmarkt. Der Branchenverband DVPT spricht von einer drohenden „Vernichtung“ von 20.000 Arbeitsplätzen. Es herrscht Alarm-Stimmung in der Branche.

Dass Konkurrenten nun mit Arbeitsplatzabbau drohen, hat sicherlich auch strategische Gründe. Kommende Woche soll der Mindestlohn über den Bundestag in das Entsendegesetz aufgenommen werden – dann besteht die letzte Chance, den Entscheid zu kippen. Zwar gilt die Mehrheit für den Beschluss weiterhin als sicher. Kanzlerin Merkel hat versichert, dass sie zur Vereinbarung mit der SPD steht. Immerhin aber hat die Nachricht der Pin Group in Berlin hohe Wellen geschlagen - schon versuchen einige Koalitionäre aus den Reihen der CDU die angekündigten Entlassungen parteipolitisch zu instrumentalisieren.

Gleichzeitig aber ist es gut möglich, dass einige der Konkurrenten die Chance wittern, sich vom heiklen Briefmarkt zu verabschieden, ohne das Gesicht zu verlieren. Schließlich gibt es hierfür jetzt mit dem Mindestlohn ein gutes Argument. Zwar untergräbt dieser tatsächlich die Chancen der Post-Wettbewerber. Andererseits haben sich Unternehmen auf dem Briefmarkt zuletzt kräftig verspekuliert, auch ohne dass sie Mindestlöhne zahlen mussten.

Rund 1000 zumeist kleine Unternehmen befördern in Deutschland heute Briefe im Schatten der Deutschen Post, die weiterhin 90 Prozent des Briefmarktes innehat. Ein schwieriges Geschäft, denn der ehemalige Staatsmonopolist hat einige Privilegien aus alten Zeiten gerettet: Zum einen ist er bislang noch von der Mehrwertsteuer befreit, Konkurrenten wie Pin aber nicht. Zum anderen profitiert er von einem gut ausgebauten Netz, das seit Jahren steht und gut funktioniert. Das kommt dem Konzern vor allem im kleinen Markt für Briefzustellungen von Privaten zugute. Insgesamt erwirtschaftet die Deutsche Post in der hiesigen Briefsparte, die Anfang 2008 vollständig liberalisiert wird, rund sechs Milliarden Euro.

Eine Überlegenheit, die auch die Pin Group zu spüren bekam, deren Mehrheitseigner der Verlagskonzern Axel Springer ist („Bild“, „Welt“). Dessen Chef Matthias Döpfner hatte im Sommer die Anteile des Verlages an Pin auf 71,6 Prozent aufgestockt – und dafür rund 510 Millionen Euro gezahlt. Bereits damals zweifelten die Analysten, ob der Preis nicht zu hoch sei.

Döpfner hingegen wischte solche Bedenken beiseite. Gleichzeitig gab es offenbar Druck aus dem Verlag, die Investitionen gering zu halten. Das Resultat war bislang ernüchternd: In diesem Jahr wird das Unternehmen einen Verlust von 55 Millionen Euro schreiben, bei einem Umsatz von 350 Millionen Euro. Weil der Druck der Aktionäre wuchs, das kostspielige Engagement zu beenden, zog Döpfner bereits Anfang November die Notbremse und erwägte den Verkauf von Anteilen an den Konkurrenten TNT. Springers Strategie galt als gescheitert, da war der Mindestlohn von maximal 9,80 Euro noch gar nicht beschlossen.