Wer kann schon von sich sagen: »Ich wurde auf Sirius ausgebildet, und dort will ich auch wieder hin, obwohl ich noch in Kürten bei Köln wohne.« Die Welt andersherum zu denken, das hat der Komponist Karlheinz Stockhausen immer geschafft. Er war – bis zu seinem Tod am 5. Dezember – Deutschlands berühmtester Komponist der Gegenwart. Viel wurde über ihn gesprochen. Selten wurde seine Musik gehört. Den meisten blieb er ein Synonym für wirr und kompliziert. Mit seinen Äußerungen stützte er diese Wahrnehmung nur zu gerne. Sein Pioniergeist und sein Erfindungsreichtum wurden eher von Musikern und Künstlern geschätzt als vom gewöhnlichen Publikum.

Als einer der ersten Komponisten wob er die Stimmen elektronischer Instrumente in seine Arbeiten ein. Die flirrenden Synthesizergeräusche eines Werkes wie Kontakte aus dem Jahr 1960 erinnern an elektromagnetische Kraftfelder. Zu hören ist der Aufbruchsgeist, der zur Mondlandung führte. Etliche Musiker beriefen sich auf ihn. Bis weit in die Popmusik hinein experimentierten Björk, Brian Eno, Pink Floyd und Grateful Dead nach seinen Methoden. Die Beatles hoben sein Gesicht auf das Cover ihrer LP Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band . Holger Czukay und Irmin Schmidt von Can studierten bei ihm.

Manche wollen in ihm gar den Vater der Technomusik sehen. Jedoch weist der Techno lediglich im Gebrauch der Elektronik Ähnlichkeiten zur Musik Stockhausens auf, nicht in seiner Struktur. Der Rhythmus der Sterne und die Bewegungen der Monde lassen sich nicht in einen Viervierteltakt pressen. Ohnehin interessierten ihn solche Vergleiche wenig, denn sein irdisches Dasein war ihm nicht so wichtig. Fastenperioden, Schlafentzug – sich selbst und den Musikern verlangte er viel ab. Spielanweisungen wie aus dem Stück Aus Den Sieben Tagen [»Spiele im Rhythmus des Träumens«] führten von der reinen Notation weg in ein Feld, das den Musiker als Individuum forderte.

In einem Interview mit dem britischen Magazin The Wire verwies er auf seine Ideen als Möglichkeit, aus dem Gefängnis des Körpers, der Sinne und der Seele zu gelangen und die kosmische Natur zu entfalten. »Alle von den Menschen definierten Modelle, Systeme und Limitationen sind nur brauchbar, um die Maschine der Gesellschaft am Laufen zu halten. Sie gelten nur zu einer bestimmten Zeit. Sie sind keineswegs absolut.«

Seine Relativierung menschlicher Wertesysteme führte nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 zum größten Skandal um seine Person. In einem Pressegespräch hatte er gesagt: »Dass Menschen in einem Akt etwas vollbringen, was wir in der Musik nicht träumen könnten, dass Leute zehn Jahre üben wie verrückt, total fanatisch für ein Konzert und dann sterben, stellen Sie sich das doch vor, was da passiert ist. Da sind also Leute, die sind so konzentriert für eine Aufführung und dann werden 5000 Leute in die Auferstehung gejagt, in einem Moment. Das könnte ich nicht. Dagegen sind wir gar nichts als Komponisten. Manche Künstler versuchen doch auch, über die Grenze des überhaupt Denkbaren und Möglichen zu gehen, damit wir wach werden, damit wir uns für eine andere Welt öffnen … Ein Verbrechen ist es deshalb, weil die Menschen nicht einverstanden waren. Die sind nicht in das Konzert gekommen. Das ist klar. Und es hat ihnen niemand angekündigt, Ihr könntet dabei draufgehen.«

Das Hamburger Musikfest, das sich im Jahr 2001 Stockhausen widmen wollte, lud ihn nach diesen Äußerungen wieder aus. Dabei hatte sich der Komponist bis dahin immer aus politischen Diskussionen herausgehalten. Zur Zeit der Studentenunruhen 1968 war er zwar in Paris gewesen, zog es jedoch vor zu arbeiten. »Mein ganzes Leben ist Arbeit und ich bin ein Kind des Kriegs. Ich habe gelernt, nicht zu viel Aufmerksamkeit auf das zu verwenden, mit dem andere ihre Zeit verschwenden: auf die Straße gehen, Steine werfen ...«, sagte Stockhausen dem Wire -Magazin.