Für solche Sticheleien war immer Zeit, an Arbeit mangelte es dem Maximalisten Stockhausen nie. Zur Weltausstellung im Jahr 1970 in Osaka beschallte er sechs Monate lang ein nach seinen Vorgaben gestaltetes Auditorium im deutschen Pavillon. Von 50 Lautsprechern umzingelt, sahen sich täglich 5500 Menschen elektronischen Klängen ausgesetzt. In Kreisen, Diagonalen und Spiralen schwirrten die Töne durch den Raum. Am Ende hatten eine Million Hörer seine Musik erlebt; es war sein größtes Publikum.

An einer der umfangreichsten Opern der Musikgeschichte – Licht – arbeitete er seit 1977 und vollendete sie erst im Jahre 2005. Das Werk kommt auf eine Gesamtspielzeit von 29 Stunden und wurde in seiner Gesamtheit bislang nicht aufgeführt. Im Jahr 1995 setzte Stockhausen das Arditti Quartett in vier holländische Militärhubschrauber. Sie sollten sein Helikopter-Streichquartett aufführen. Die Grundlage der Komposition war ihm ein Traum, den er im Libretto der CD beschreibt: »Ich hörte und sah die vier Streicher in vier Helikoptern in der Luft fliegen und spielen. Gleichzeitig sah ich Menschen auf der Erde in einem audiovisuellen Saal sitzen, andere auf einem großen Platz stehen. Vor ihnen waren vier Türme von Fernseh-Schirmen und Lautsprechern aufgebaut: links, halblinks, halbrechts, rechts.«

Kritiker warfen ihm Größenwahn vor. Doch in der Substanz ging sein Plan auf. Der Komponist dirigiert über Funk. Der Helikopterklang passt gut zu den Streichern und wird zu Musik jenseits der spektakulären Umstände. Das Helikopter-Streichquartett taugt nicht nur zum bizarren Klangerlebnis, sondern ist neue, unerhörte Musik im wahrsten Sinn. Wieder einmal hat dieser Künstler die Grenzen des Machbaren getestet und dabei eines seiner wichtigsten Werke geschaffen.

Karlheinz Stockhausen schrieb 362 Werke, bekam das Bundesverdienstkreuz, die Ehrenbürgerschaft der Gemeinde Kürten, den Ernst-von-Siemens-Musikpreis und den inoffiziellen Nobelpreis der Musik: den Polar Music Prize. Fast 80 Jahre hat er auf der Erde verbracht. Für sein nächstes Leben wünschte er sich, mehr in die Mitte der Galaxie zu gelangen und von dort aus weiterkomponieren zu können.

Claus Spahn hört Licht – ein Selbstversuch .
Karlheinz Stockhausen hört Krautrock – noch ein Selbstversuch .


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