Bukarest, Mitte des 20. Jahrhunderts. Ein jugendlicher Erzähler streift durch die Hauptstadt des sozialistischen Rumäniens, erinnert sich seiner Vergangenheit, betrachtet die Plattenbauten, und die Wirklichkeit verschwimmt mit Traumgebilden der Fantasie. Mircea Cartarescus Roman Die Wissenden ist der erste Teil seiner 1500 Seiten starken Trilogie Orbitor , der jetzt auf Deutsch erschienen ist. Ein Großstadtroman, eine Familiengeschichte, ein Epos der Erinnerung. Erzählt in einem manieristischen Stil, voller Poesie und tosender Bilderstürme. ZEIT online sprach mit dem 51-jährigen Schriftsteller.

ZEIT online: Ihr Roman Die Wissenden ist nun auch in Deutschland erschienen. Es fällt schwer, in wenigen Worten zu beschreiben, wovon er eigentlich handelt. Können Sie das?

Mircea Cartarescu:Jorge Luis Borges hat mal gesagt, es sei nutzlos, große Romane zu schreiben, da man sie eh auf wenigen Seiten zusammenfassen kann. Auf die meisten trifft das auch zu. Vielleicht nicht auf Robert Musils Mann ohne Eigenschaften , James Joyces Finnegans Wake oder Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit .

ZEIT online: Wie steht es mit Ihrem?

Cartarescu: Auf Die Wissenden trifft das auch nicht zu. Ich habe 14 Jahre und 1500 Seiten gebraucht, um herauszufinden, worum es in dem Roman geht. Jetzt kann ich es sagen, jedoch nicht in wenigen Worten, sondern in genauso vielen, wie ich im Buch verwendet habe. Leider werden Sie hier sicher nicht so viel Platz haben.

ZEIT online: Es ist auch eine Auseinandersetzung mit der Ära Nicolae Ceauşescus. Hat diese Zeit Sie stark beeinflusst?

Cartarescu:Thomas Pynchon war ein größerer Einfluss. Warum zum Teufel erwähnt ihr ständig diesen Ceauşescu? Als ich in Deutschland war, fühlte ich mich wie ein Pawlowscher Hund, der immer sabbern soll, wenn er diesen Namen hört. Ich bin ein Schriftsteller! Ich schreibe über Liebe und Hass, genau wie eure Autoren. Nur weil ich das Pech hatte, in einer schlimmen Zeit und einem schlimmen Ort aufzuwachsen: Muss ich jetzt deshalb den Rest meines Lebens dafür büßen?

ZEIT online: Das verlangt niemand …

Cartarescu: Als ich jung war, habe ich unter Hunger und Kälte gelitten, aber das hat mich nicht beeinflusst. Ich vergaß den Hunger, wenn ich Kafka las, und die Kälte, wenn ich Thomas Mann las. Mein wirkliches Heimatland ist nicht Rumänien, sondern Kastalien (Anm. der Redaktion: Eine fiktive Gelehrtenprovinz aus Hermann Hesses Glasperlenspiel ). Dort gibt und gab es niemals einen Ceauşescu.

ZEIT online: Wie sehen Sie Ihr Land jetzt?

Cartarescu: Lou Reed hat ein Album gemacht über Andy Warhol. In einem Lied heißt es: "Es gibt nur eine gute Sache an Kleinstädten: Du weißt, dass du irgendwann raus musst." Das ist auch das Gute an Rumänien. Neuerdings spiele ich Flucht auf dem Computer. Ich bereite mich vor auf meine eigene.