Schriftsteller Hungern mit Kafka, frieren mit MannSeite 3/3

Cartarescu: Er sagte noch viel bessere Dinge als das. Das Interessante ist eine ästhetische Kategorie, das haben wir von Kierkegaard. Interessant wird ein Buch für mich, wenn es in meinem Unterbewusstsein klingelt, es mir etwas über mich sagt. Erzählt das Buch nur von der Börse, einem McDonald's-Restaurant oder Safer Sex, dann ist es nichts für mich. Deswegen würde ich Borges’ Satz ändern: Nur Geister-Dinge interessieren einen Gentlemen. Ich meine, den Geist in der Maschine …

ZEIT online: In einer Ihrer Kurzgeschichten sagt eine Figur: "Ich will nur meine Vergangenheit zurückrufen oder sie formen, eventuell auch erfinden - oder alles zusammen." Arbeiten Sie so?

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Cartarescu: Die Vergangenheit ist das Rückgrat meines ganzen Werks. Ich schreibe mit meinen Erinnerungen, meinen Träumen und Fantasien. Meine Bücher sind Landkarten meines Gehirns - von allem, was ich weiß und erlebt habe. Die Vergangenheit in meinen Büchern ist weich, sie kann modelliert werden wie Knetmasse. Wenn ich etwa eine Geschichte von meiner Mutter erzähle und ein Detail nicht weiß, erfinde ich es.

ZEIT online: Wie viel ist in Die Wissenden erfunden?

Cartarescu: Drei Viertel sind erfunden. Doch eigentlich auch wahr, denn die Wirklichkeit ist nicht einfach, sondern die komplexeste Konstruktion unseres Geistes. Ich rekonstruiere die Vergangenheit nicht, ich konstruiere sie. Das ist der große Unterschied zwischen meiner Methode und der gefühlsbetonten Erinnerung, die Marcel Proust in seinem gigantischen Werk benutzt.

ZEIT online: Sie sind also ein postmoderner Autor?

Cartarescu: Nein. Aber die Art, wie ich Vergangenheit manipuliere, ist sicher eine postmoderne Eigenschaft.

ZEIT online: Sie erwähnen schon wieder Proust. Wussten Sie, dass Kritiker in Deutschland Sie mit ihm und Joyce verglichen?

Cartarescu: Nicht übel. Aber zu Hause werde ich nie mit denen verglichen, dafür mit irgendwelchen drittklassigen Autoren. In Rumänien berühmt zu sein ist viel schwieriger als im Westen. Da musst du mindestens den Nobelpreis haben. Und selbst dann halten dich manche noch für einen Ganoven. Rumänen bezweifeln viele Bibelstellen, aber bei einer sind sich alle einig: Niemand ist ein Prophet in seinem eigenen Land.

Das Gespräch führte David Hugendick .

Mircea Cartarescu wurde am 1. Juni 1956 in Bukarest geboren. Zuletzt erschien auf Deutsch der Roman "Die Wissenden" (Zsolnay Verlag, 2007), der erste Teil seiner Trilogie "Orbitor". Mircea Cartarescu lebt in Bukarest.

 
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